Memento Mori

1. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (188) Die Virtualisierung unserer Existenz erfasst auch die letzten Dinge.

Kerze

Zuletzt bin ich über mich selbst erschrocken. Ein wenig zumindest. Wie das? Nun: eine liebe Freundin war gestorben, ich selbst gerade tausende Kilometer vom gemeinsamen Heimatort entfernt, und mir fiel nichts Besseres ein, als auf Facebook zu kondolorieren. Als öffentliches Zeichen meiner privaten Trauer – contradictio in adiecto? – postete ich ein YouTube-Video einer stumm flackernden Kerze, (fast) ohne Kommentar. Natürlich liess ich es dabei nicht bewenden. Zum Zeitpunkt, da Sie diese Zeilen lesen, werde ich das Begräbnis besucht, Erde auf einen Sarg geworfen, tröstende Worte formuliert und das eine oder andere stille Gebet gesprochen haben.

Aber diese erste, mich leise erschreckende Reaktion hallt nach: die der postwendenden Facebook-Trauer. Man forscht fast zwangsläufig auch den letzten Lebensspuren des/der Verstorbenen nach, wirft einen bekümmerten Blick auf die jäh endende “Timeline”, kann die Reaktionen von Freunden und Verwandten nachlesen – und kehrt wohl, zufällig oder absichtlich, wieder. Und wieder. Eventuell wird man die Schattenexistenz im Netz öfter besuchen als die reale Grabstätte auf dem Friedhof. Wie lange wird sie wohl noch existieren, die Facebook-Identität von F.? Könnte sie nicht auch fortgeschrieben werden als nachhaltiger Ort der Trauer und Erinnerung? Es muß ja nicht für die Ewigkeit sein. Oder: doch.

Mittlerweile ist es ein sehr zeitgemässes Thema geworden, je nach Gemütslage ein bekümmerndes oder beglückendes: wie geht man mit dem Daten-Vermächtnis eines Menschen um? Die elektronischen Spuren, die man freiwillig (und, oft in weit grösserem Umfang, unfreiwillig) hinterlässt – wer darf sie löschen? Wann? Wo? Wie radikal? Und wer kann es überhaupt? Und sind nicht auch würdevolle virtuelle Friedhöfe, Mausoleen und Online-Gedenkräume vorstellbar? Eine rhetorische Frage: es gibt sie längst.

Die verdichtetete multimediale Repräsentation einer menschlichen Existenz, abrufbar auf Knopfdruck, ist ein Angebot, das das Gewerbe der Grabredner und Nachrufschreiber nachhaltig beschädigen wird. Aber jedem Ende wohnt, kein schwacher Trost, unzweifelhaft ein neuer Anfang inne.

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3 Antworten to “Memento Mori”


  1. Insofern sollte man sich stets seiner Webpräsenz bewusst sein, vor allem, was man wie hinterlässt, wenn man …
    Wenn du schon ein Abbild/ Echo deines Lebens hinterlassen willst, dann achte darauf wie es aussieht und wie es klingt! Für Klagelieder ist es irgendwann zu spät… Oder?
    http://klauskarlbauer.wordpress.com/2012/12/01/elegie-der-reisenden/

  2. Schattias Says:

    Anläßlich des Jahrestages des November Pogromes 1938 haben wir 2010 einen virtuellen Gedenkraum geschaffen: http://verein.arge-juedisches-leben.at/?page_id=565


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