Unsere nächsten Verwandten

22. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (191) Roboter sind ein Entwurf unserer Zukunftsgläubigkeit. Zumeist aus Blech. Und eigentlich auch schon wieder Vergangenheit.

Blechroboter

Mein vorletzter Besuch im Technischen Museum in Wien liegt etwa vierzig Jahre zurück. Es war – erraten! – ein 24. Dezember, an dem mich mein Vater an der Hand nahm und mit mir in den 14. Wiener Gemeindebezirk pilgerte. In jeder Hinsicht dunkel in Erinnerung ist mir das Kohlebergwerk (präziser natürlich: das begehbare Modell eines Bergwerks in einer Ausstellungshalle). Und ein antiquiertes Flugzeug, das von der Decke des imposanten Gebäudes hing.

Als ich dieser Tage die Botschaft vernahm, das Technische Museum zeige aktuell die grösste RoboterAusstellung, die Österreich je gesehen hat, kamen abermals Weihnachtsgefühle auf. Nicht umsonst zählt eine Sammlung zerbeulter Spielzeug-Blechroboter zu den höchstpersönlichen Lebenserrungenschaften.

Ich setzte also Kopfhörer auf, wählte Kraftwerks “Mensch-Maschine” (eines meiner ewigen Lieblingsalben der Pophistorie) auf dem MP3-Player und blätterte zur Vorbereitung der kleinen Exkursion in einem Standardwerk zum Thema: “Roboter – unsere nächsten Verwandten” von Gero von Randow. In diesem Buch findet sich ja im Epilog der schöne Satz: “Mir ist natürlich völlig klar, dass die Menschheit nicht etwa deshalb Probleme hat, weil es zu wenige Roboter gibt; eher schon deswegen, weil es zu viele Menschen gibt.” Aber im Advent sind derlei Gedanken natürlich Blasphemie.

Kurzum: die Schau im Technischen Museum ist brav, aber schön. Auch weil sie viele Blechroboter zeigt (darunter das kurioserweise mit einem Jutesack bekleidete Modell “MM7 Selektor”, das 1961 in Wien gebaut wurde). Und sich so einiges dreht, bewegt, blinkt und surrt. Immerhin wuseln einem nicht unentwegt selbstständig “denkende” und lenkende Robot-Staubsauger – die Alltags-Inkarnation der Jetzt-Zeit – um die Beine.

In einem Punkt ist die Ausstellung aber hoffnungslos antiquiert: das Faszinosum der Mensch-Maschine hat sich längst von mechanistischen Droiden á la C-3PO und R2-D2 (remember “Star Wars”?) zu Biotechnologie, Elektronengehirnen und kybernetischen Organismen verlagert. Humanoide Klone siegen – in Filmen, in der Science Fiction-Literatur und in unserer Fantasie – über schlichte Mechatronik. “Schade eigentlich”, um nochmals ein Zitat (diesmal aus dem Popkultur-Organ “The Gap”) einzubringen. “Roboter waren irgendwie deutlich weniger gruselig. Und als Spielzeug auch weihnachtsbaumtauglicher als künstlich intelligentes Klonfleisch.”

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