Local Heroes

4. Januar 2013

Ein Detail ist falsch bei diesem Film: kaum ein Musiker, kaum eine Band glaubt heute an den seligmachenden, karriereerfüllenden Status eines Major-Plattenvertrags. Sonst aber stimmt fast alles in „Local Heroes“. Die Obsession. Die Tonspur. Die Hoffnungslosigkeit. Die Story an und für sich. Eine Kino-Empfehlung.

Local Heroes Plakat

Vielleicht ist es ja ein Zufall, dass gerade zwei Filme, die sich – auf gewiß ganz unterschiedliche Weise – des Themas Musik annehmen, auf die Kinoleinwände drängen: Mirjam Ungers „Oh Yeah, She Performs!“ und Henning Backhaus’ „Local Heroes“. Ersterer ein Dokumentarfilm, der Musikerinnen in den Mittelpunkt stellt, letzterer ein Spielfilm-Debut, der eine Geschichte aus dem Kontext einer Newcomerband heraus erzählt.

Beide Filme arbeiten mit österreichischer Alternative Pop/Rock-Musik. „Arbeiten“  heisst: den Protagonisten und den von ihnen gewollt verursachten Tönen, Zwischentönen, Geräuschen, Sounds und Songs Raum geben, sie ernst nehmen, ja wichtig, sie wirken lassen. Auf sich selbst und auf andere. Das ist eine essentielle  Gemeinsamkeit der erwähnten Filme, und beide fallen sie in eine Zeit, die man getrost als als die richtige Zeit dafür erkennen kann. Denn noch nie war die heimische Szene so dicht, so qualitätsvoll, so vital, tatendurstig, bemerkenswert wie 2012/2013.

Nun ist „Local Heroes“ ein Coming-of-Age-Drama, das zuvorderst die – ebenso naiven wie obsessiven – Träume eines Nachwuchsmusikers, bebildert. Ein Newcomer, der noch nicht einmal fix zum Lokalheroen aufgestiegen ist, ersehnt eine professionelle Karriere – etwas, das im engen kulturökonomischen Biotop Wien bzw. Österreich fast zwingend zum Filmriß führen muß. Dennoch wohnt diesem – bei allen  Live- und Probekeller-Lautstärkeexzessen – stillen Streifen eine ungewohnte Kraft und Sehnsucht inne. Der „Rat Race“ der Musikindustrie, das verzweifelte Drehen am und im Hamsterrad der Möglichkeiten, der darwinistische Konkurrenzkampf in einem nicht gerade selten belächelten Spielfeld der Populärkultur ist das Hauptmotiv in „Local Heroes“. But what can a poor boy do but play in a rock’n’roll band?

Herausgekommen ist – neben dem Kinofilm selbst – ein Soundtrack, der sehr ernsthaft (und dabei doch spielerisch), eigenständig und nachdrücklich ein Statement setzt. Einerseits, weil er eine Szene durchmisst, die sonst gerade mal von FM4 und Radio Soundportal wahr- und ernstgenommen wird. Anderseits, weil er auch bei der puren Fiktion nicht danebengreift. Eine imaginäre Band wie Yoko Love wird gleichberechtigt neben (mit tollen Tracks vertretenen) Szenegrössen wie Marrok, Mother’s Cake, Gudrun von Laxenburg und Cardiochaos gestellt. Und besteht mit ihren Songentwürfen.

Hans Wagner, der Musik-Guide des Films und selbst aktiv bei Das Trojanische Pferd, Neuschnee, Hans im Glück u.a., hat ganze Arbeit geleistet. Props gehen auch an die Studioprofis Jonathan und Georg Gabler und an den Produzenten Michael Katz. Und natürlich an den Haneke-Schüler Henning Backhaus, der sich an das nicht gerade einfache (und noch weniger einfach darstellbare) Musiker(innen)-Milieu herangewagt hat. Und Musik als alltägliches Lebensmittel, als Über-Lebensmittel begreift. Ich sage: diese Songkollektion kann einiges. Der Film kann noch mehr. Hören, sehen, weitersagen.

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