Retromania

12. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (194) “Retro” ist der letzte Schrei. Dabei leben wir in einer ewigen Echokammer der Moden.

retromania

Neulich stolperte ich im Zug der Berichterstattung zur weltweit wichtigsten Technik-Messe, der CES in Las Vegas, über einen “Spiegel Online”-Artikel, der die Fujifilm X100s an die Spitze setzte.

Unter Kennern gilt das Vorgängermodell dieser Kamera als Auslöser der Retro-Welle, die insbesondere in der Fotobranche – aber nicht nur dort – Raum greift. Ein markanter optischer Sucher auf einem edlen Magnesiumgehäuse, viele manuelle Einstellmöglichkeiten, Fixbrennweite, die geriffelte schwarze Oberfläche in Lederoptik: das ist ein Apparat, der äusserlich ungeniert an alte Vorbilder (etwa von Leica, Konica, Agfa oder Voigtländer) erinnert. Wiewohl er, was die Innereien betrifft, auf dem letzten Stand der Technik ist.

Auch andere Fujifilm-Novitäten wie die Systemkamera X-E1 oder das kompakte Modell X20 huldigen optisch der Vergangenheit. Die japanische Firma scheint sich ganz einem Trend verschrieben zu haben, den der britische Autor Simon Reynolds – hier allerdings mit Blickwinkel auf die Pop-Kultur per se – als “Retromania” beschrieb. Als “Früher war alles besser”-Wahn, der Innovationen behindere und uns ewig in verstaubten Denkmodellen Karussell fahren lässt.

Eine würdige, aber durchschaubare Polemik. Die Selbstbezogenheit ganzer Branchen hat ihre Gründe: hier tummeln sich auch jede Menge Connaisseure, Sammler und Jäger, die ihr Geld vorrangig aus ästhetischer und intellektueller Liebhaberei in die Geschäfte tragen. Kein Mensch braucht ein Dutzend Kameras – wer also soll noch die Wirtschaft ankurbeln ausser Design-Liebhaber und Objekt-Fetischisten?

Insofern sind auch wirklich frische Entwürfe von Interesse: eine Sigma DP3 oder Nikon 1J3, die – auch Retro? – fast Bauhaus-artige Schlichtheit auszeichnet. Oder Canons annähernd quadratische, WLAN-taugliche Schnappschuß-Kamera Powershot N. Mal schau’n, ob diese 2013er-Modelle einst für zukünftige modische Remineszenzen als Vorlage dienen.

Selbst als Retro-Liebhaber geht mir aber so mancher Marketing-Gag zu weit: so habe ich ein Philips-Radio mit iPhone-Docking Station, Modell ORD7300, geordert, das an ein altes “Philetta”-Röhrenradio der fünfziger Jahre erinnert. Allerdings nur sehr oberflächlich. Geht retour. Apropos: möchte nicht jemand baldigst den besten österreichischen Markennamen aller Zeiten – “Hornyphon” – wieder ausgraben?

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5 Antworten to “Retromania”


  1. Horny Phone bietet sich an für LG , statt Prada


  2. […] ein Gitarrenverstärker. Von Yamaha, Modell No.THR10. Eigentlich sieht das Ding – einmal mehr im Retro-Design der fünfziger Jahre – wie ein Toaster aus. Oder ein Heizlüfter für den […]


  3. […] und satte Haptik von Geräten, die über jede Modetorheit und Design-Petitesse erhaben sind. Like! Retro können andere auch. In der Fujifilm aber steckt spürbar Liebe zum […]


  4. […] Kriterien zu tun, die – tunlichst sachlich – technischen Fortschritt bezeugen. Oder verneinen. Retromania, die Verklärung des Vergangenen und Fetischisierung der Objektwelt früherer Generationen, ist ein […]


  5. […] Was mich zu der Frage bringt: warum schaffen das heutige Designer kaum je? Oder bin ich so retro-fixiert, dass mich die Formensprache der sechziger und siebziger Jahre, der Heydays der […]


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