Der Schwanzhund & ich

19. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (195) Facebook beginnt zu nerven. Geht’s bitte auch ohne Kommerz-Kackophonie und Kindergartentanten-Gehabe?

schwanzhund

Seltsames Gefühl, plötzlich nicht mehr am fröhlichen Kommunikations-Ringelreih’ auf Facebook teilnehmen zu dürfen. Und sich in der Verbannung wiederzufinden. Zwar nur für 24 Stunden. Und das nach mehrmaliger Vorab-Ermahnung. Aber doch: plötzlich geht nichts mehr. “Diese Funktion ist vorübergehend blockiert”, meldet sich die Kindergartentante aus der Unternehmenszentrale zu Wort. “Um zu verhindern, dass Du erneut gesperrt wirst, solltest Du die Standards der Facebook-Gemeinschaft gelesen und verstanden haben.”

Was ich zwar gelesen habe, aber bis heute nicht verstehen will, ist der Umstand, dass diese Sperre – meinerseits eine Premiere, Freunde berichten mir, dass ihnen derlei bereits dutzendfach und monatelang passiert ist – auf einer schlichten Meinungsäusserung beruhte. Dahingehend, eine ständig wiederkehrende Werbemeldung eines esoterischen, sektenartig agierenden und offensiv die Werbetrommel rührenden NLP-Unternehmens tunlichst nicht mehr sehen zu wollen.

Eine Social Media-Plattform mit etwas künstlicher Intelligenz hätte meinen Unmut kapiert, erhört und die subjektiv so penetrante Anti-Werbung einfach ausgeblendet. So aber wurde mein legérer Anstoß zum Sündenfall. Zur Gotteslästerung. Verwarnung, temporäres Redeverbot, bei Wiederholung Exkommunikation und Ausstoß aus der Glaubensgemeinschaft. Marc Zuckerberg hat gesprochen. Ich war baff, zugegebenermassen.

Peter Glaser, der beste netzaffine Kolumnist des deutschsprachigen Raums, hat in diesem Kontext seine eigene Geschichte zu erzählen. Die kuriose Story vom “Schwanzhund” – einem Bild, das einen Hund zeigt, aber bei flüchtiger Betrachtung auch andere Assoziationen zulässt. Auch hier gab es eine Abmahnung, der ein Identitäts-Check voranging. “Facebook ist wie ein Bienenkorb“, sagt Glaser. „Wir alle produzieren viele kleine Zuckertröpfchen für den grossen Zuckerberg.“

Für die „Schwanzhund“-Zensur hat der Autor zwei mögliche Erklärungen: „Entweder hat irgendein Marokkaner, der unterbezahlt für Facebooks Anti-Porno-Brigade arbeitet, die Ironie nicht verstanden. Oder eine Maschine hat den Inhalt gefiltert.“ Beides bedeute, dass sich Facebook seine Schäfchen mit möglichst geringem Arbeitsaufwand vom Halse halten will. „Sie sollen brav miteinander spielen und den Reklamerand lesen, sonst fliegen sie raus. Das ist das Gegenteil von sozial.“ Word.

Freund Glaser hat noch einiges mehr zu sagen, man sollte es lesen. Und rückt der gute Mann eines Tages Ober-Kindergartenonkel Zuckerberg schärfer an den Kragen oder zieht mit guten Gründen ganz von dannen, bin ich der erste, der sich ihm anschliesst.

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12 Antworten to “Der Schwanzhund & ich”

  1. Bernd Says:

    Wenn du eh schon erkennst, dass es ein Kindergarten ist, was machst du dann noch dort?

    • Walter Gröbchen Says:

      Gute Frage. Rumspielen, solange es halbwegs Spaß und Sinn macht. Ich nutze Facebook ja in vielfältiger Weise.


  2. Was das „Von dannen ziehen“ betrifft darf ich mich zur Avantgarde (im besten Sinne des Wortes) zählen, denn ich habe mein FB-Konto bereits vor 2 Jahren GELÖSCHT, was gar nicht so unkompliziert war. Und das, nachdem ich durchaus intensiv mit den Möglichkeiten experimentiert habe, die FB bietet. Auf Peter Glaser zu warten, den ich auch sehr schätze, erscheint mir nicht notwendig, da reicht der gesunde Hausverstand um zu verstehen worum sich FB zunehmend verzweifelt bemüht, koste es was es wolle… Oder?

    • Walter Gröbchen Says:

      Natürlich muß man nicht auf Vordenker wie Peter Glaser warten, um auszusteigen. Aber wenn man in einer ähnlichen Rolle ist – nämlich der eines (semi)professionellen Nutzers und Beobachters, wird er einem im Fall des Falles gute Hinweise und/oder Argumente liefern. Die man natürlich individuell für sich bewerten muß. Zum jetzigen Zeitpunkt werden die Facebook-Regulative und -Praktiken lästiger und lästiger, aber noch ist die Schmerzgrenze nicht erreicht.


      • So will ich Dir als kritischen Beobachter vertrauen, denn es ist gut, dass es Leute wie Glaser und Dich gibt, quasi als männliche „Kassandra-Rufer“ (wie heisst die männliche Variante eigentich wirklich… „Rufer in der Wüste“?) Ich wiederum werde ein kritischer Beobachter Eurer Schmerzgrenze sein :-)


  3. […] eingenistet und sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar – manchmal ist man geneigt zu sagen: leider. Von Google+ habe ich das Passwort vergessen, die Motivation, es zu rekonstruieren oder ein neues […]


  4. […] eingenistet und sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar – manchmal ist man geneigt zu sagen: leider. Von Google+ habe ich das Passwort vergessen, die Motivation, es zu rekonstruieren oder ein neues […]


  5. […] alles auf Knopfdruck verschwinden lassen kann – nennen wir es euphemistisch nicht Zensur, sondern digitale Obsorge –, dann ist das ein weit grösseres Problem als alle Ekelhaftigkeiten der FPÖ […]


  6. Die haben ja Jedem die Möglichkeit der Zensur in die Hand gegeben. Der Politiker hats nirgends leichter seinen Schmarren unterzubringen, denn unliebsame Kommentatoren werden gesperrt. So wie ich beim Faymann und noch ein paar Facebook Nutzern wie etwa das Gourmetportal Falstaff. Dabei habe ich nichts Unanständiges oder Beleidigendes gepostet.

    Das ist Kindergarten.


  7. […] EU-Datenschützer zu ignorieren und parallel dazu peu á peu die Schrauben fester zu drehen – ewig […]


  8. […] Freunden, bezieht sich auf einen Umkreis von ein paar hundert Kilometern und könnte auch in einer Bassena stattfinden. Und manche Länder haben längst eigene Klone (mit eigenen Spielregeln, die oft genug […]


  9. […] Facebook lebt davon, mittels undurchschaubarer Algorithmen, vorsätzlicher Filterung, geschickter Wirklichkeitsverzerrung und oberlehrerhafter Zensur ein Affentheater zu inszenieren, bei dem wir gleichzeitig Akteure und […]


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