Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

2. März 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (201) Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep ahead

„Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer „Reset“ jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören „illegal“ Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, „teilen“ Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Ideologen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Prozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

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Eine Antwort to “Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben”

  1. Slash Says:

    Naja, also die Monetarisierungsfrage würd‘ ich heutzutage im Jahr 2013 wahrhaftig nicht mehr als ungelöst bezeichnen: http://is.gd/OaIL9L

    Ansonsten aber ein sehr schöner Artikel hier; muss ich schon sagen.


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