Ganymed & Kierkegaard

20. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (207) Digitale “Field Recorder” sind für Radioreporter, Historiker und Originalton-Jäger ein wahrer Segen. Dazu zählen auch Pop-Autoren.

field recorder

Uff! Mit Hängen und Würgen haben drei Kollegen – namentlich Thomas Mießgang, Florian Obkircher, Gerhard Stöger – und ich gerade ein Buch fertiggestellt. In diesem Werk mit dem Titel „WienPop“, das Anfang Juni im Falter Verlag erscheint, stecken über zweieinhalb Jahre Arbeit, 140 Interviews und jede Menge authentischer Informationen zu den letzten fünfzig Jahren österreichischer Musikgeschichte. Von Wolfgang Ambros bis zur Worried Men Skiffle Group, von Astaron bis Klaus Waldeck – alle kommen sie zu Wort.

Das ist nicht nur ein gehöriger Batzen Recherche-, Transkriptions- und Schreibarbeit, sondern birgt auch gruppendynamisches Konfliktpotential en gros & en détail. Warum würdigt niemand die Dialekt-Pop-Vorreiter Malformation? Ist „Zucker“ ein essentiellerer Hansi Lang-Song als „Keine Angst“? War die Gummimasken-Discotruppe Ganymed signifikant oder nur peinlich? Und wenn es etwa um den lässlichen, aber gern gepflegten Brauch einer kollektiven Autoren-Dankesliste geht, dürfen zwar keinesfalls die jeweiligen Lebensabschnitts- und Verlagspartner fehlen – dafür fallen im Hickhack der Subjektivitäten und im Trubel des Redaktionsschlusses gern Menschen unter den Tisch, die wirklich hilfreich waren.

Ich hätte z.B. jemanden, dessen Namen ich erst hervorkramen müsste (er tut hier nichts zur Sache), der sich dem Autorenteam gegenüber aber durch eine schlichte Leihstellung äusserst dienlich zeigte. Das Leihobjekt: ein Olympus PCM Linear Recorder, Modellbezeichnung LS-11 – ein handliches Aufnahmegerät, das heute wahrscheinlich gar nicht mehr der letzte Schrei ist, uns aber zweieinhalb Jahre lang treue Dienste geleistet hat. Und die Stimmen aller Interviewpartner originalgetreu auf ewig für die Nachwelt festhielt (die Aufnahmen wandern, falls jemand hineinhören möchte, schnurstracks in den Fundus der Musiksammlung der Wien-Bibliothek). Ohne Aussetzer, ohne Mucken, ohne den geringsten Anlaß zur Beschwerde. Das nenn’ ich einen Marathontest!

Und, ja, ich hab’s schon einmal festgehalten: Profi-Geräte wie das LS-11, die nicht nur bequem in eine Jackentasche passen, sondern mittlerweile auch höchst erschwinglich sind, hätte man sich vor zwanzig, dreissig Jahren als Rundfunk-Reporter gewünscht. Damals benötigter guter Ton vor allem eine starke Schulter – die Bandmaschinen von Nagra, Uher & Co. waren sauschwer. Und die Cassetten- & Minidisc-Recorder, die danach kamen, konnten es in der Aufnahmequalität nur bedingt mit dem jetzigen Digital-Equipment aufnehmen.

In diesem Sinne: danke. „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“, wusste schon Søren Kierkegaard. Teilen Sie unsere Vorfreude!

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