Die Szene & die „Szene“

14. Juni 2013

Vom Pornokino zum Rockhaus. Mit vielem Auf und Ab. Dreißig Jahre „Szene Wien“: ein Blick über die Schulter zurück.

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Ich bin vergleichsweise unbefugt, über die Vorgeschichte und die Entstehung der „Szene Wien“ (ab sofort nur mehr: „Szene“) zu berichten. Da müssten andere ran. Rudi Nemeczek etwa, Heli Deinboek, Regine Steinmetz oder Eberhard Forcher. Und einige andere mehr. Jene Leute, die sich – größtenteils sind sie immer noch aktiv – Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für ein selbstverwaltetes Rockhaus in Wien stark machten. Mit Konzerten, mit ihren eigenen Bands, mit Artikeln (etwa im noch jungen „Falter“), Flugblättern und vielen Gesprächen.

Ich bekam das mit, weil meine popkulturelle Sozialisierung quasi Unterrichtsgegenstand war. Am BRG IV in der Waltergasse, wo der Zeichenprofessor Stefan Weber hieß. Der zugleich Oberkapo der legendär obszönen, wilden, aufregenden Polit/Pop-Show-Gruppe Drahdiwaberl war. Zugegebenermassen handelte es sich beim Besuch von Konzerten dieser Formation um ein Wahlpflichtfach.

Drahdiwaberl waren jedenfalls unter den Wortführern der Szene. Und tatsächlich war die Stadt gesprächsbereit. Kulturstadtrat Helmut Zilk besaß den Instinkt, nach der „Arena“-Bewegung, der Besetzung des Amerlinghauses und später auch des WUK- und Gassergasse-Areals, freiwillig und –giebig für Freiräume einzutreten. Und so einen gewissen kulturellen, politischen und demografischen Überdruck kontrolliert entweichen zu lassen, der sich in den grauen, langen Nackriegsgeschichte unzweifelhaft angesammelt hatte.

Die „Szene“ also. Ein ehemaliges Pornokino in der Hauffgasse in Simmering: nicht gerade das, was man sich als zentralen, halbwegs glamourösen Spielort vorgestellt hatte. Es zählt ja auch zu den Eigenarten der an Eigenartigkeiten nicht armen Kulturlandschaft dieses Landes, dass selbst die Alternativkultur und der Underground der SPÖ/ÖVP-Sozialpartnerschaft nicht entgehen konnten. Und auch nicht entgingen.

Der einen Reichshälfte überantwortete man das „Metropol“ (vormals „HVZ“), der anderen eben die „Szene“. Die „Arena“ – gerade mal ein kümmerlicher Rest des ehemaligen Schlachthofs St. Marx – erfüllte (und erfüllt) noch am ehesten den Traum von Autonomie. Wenn auch nicht Autarkie. Aber geschenkt. Jedenfalls stauchte mich der dröhnende Baß Helmut Zilks heftig zusammen, als ich es – daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen – als blutjunger Ö3-„Musicbox“-Reporter wagte, darauf hinzuweisen, dass es auch kritische Stimmen gäbe. Und man den wohlmeinenden, aber auch nicht unlistigen Paternialismus der Gemeinde Wien zwar achten und nutzen, aber auch verachten und ablehnen könne. Was in der Folge ja auch passierte. Sowohl – als auch.

Dieser Antagonismus zwischen Szene und „Szene“ tritt – und man muß die Offenheit haben, dies zugeben und, ja, bewußt zulassen zu können – bis heute in Erscheinung. Mal offener, mal verdeckter, hintergründiger und entspannter. Der ewige Diskussion um Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung, um Subventionen, Trägerkonstruktionen, Kulturbudgets und Programminhalte wird nicht abreissen. Und zwar grundsätzlich nicht, solange es junge, wache und kritische Menschen gibt, die die – vergleichsweise eh lächerlichen – Geldsummen, die die Politik und Gesellschaft abseits repräsentativer Hochkulturtempel zu vergeben bereit sind, nicht als Behübschung des Status Quo (miss-)verstehen wollen.

Zur historischen Entwicklung und zum aktuellen Programm der „Szene“ habe ich nicht allzuviel zu sagen. Ich war zulange im Ausland, zu selten in der Hauffgasse und mir ist zudem, ehrlich gesagt, der ideelle und faktische Besitzanspruch vieler Fraktionen, Szene-Grössen und Undergroundapostel fremd. Die „Szene“ bedient auch, eventuell sogar zuvorderst – das erklärt sich aus der „Planet“-Historie der Betreiber-Crew um Muff Sopper – eine Szene, die eher auf der Schattenseite des Pop-Ruhms nach der Andy Warhol-Doktrin unterwegs ist. Nennen wir sie das Rock-Proletariat. Das soll und kann in einem Kosmos, der der Hipness mindestens so hörig ist wie dem Hedonismus und dem Kommerz, auch seinen Platz haben. Was nicht heisst, dass man für World Music, Jazz, Punk, Folk, die Elektroniklandschaft oder die Neue Wienerlied-Szene nicht auch ein offenes Ohren haben sollte. Oder zwei.

Aber jetzt darf ruhig mal das (Über-)Leben gefeiert werden. Dreißig Jahre sind ja nicht nichts.

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