Pflicht & Kür zugleich

20. Juni 2013

„WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten“ heisst ein neues, über 400 Seiten starkes Buch über die einschlägige Historie der Stadt. Erschienen ist es im Falter Verlag. Ein zukünftiges Standard-Werk? Ja doch, meint Co-Autor Walter Gröbchen.

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Eigentlich ist es erstaunlich, dass dieses Buch nicht schon eher geschrieben wurde. Denn ähnlich gedachte und gestrickte Werke gab es schon Jahre zuvor, die Form der Popgeschichtsschreibung ist so bekannt wie bewährt.

Analog zu internationalen Vorlagen wie „Verschwende deine Jugend“ (Jürgen Teipel) oder „Please Kill Me“ (Legs McNeill & Gillian McCain) oder lokalen Szene-Durchmessungen wie „Es muß was geben“ (Linz, Andreas Kump), „We Rocked Salzburg“ (Hannes Stiegler), „Rockmusik in der Steiermark bis 1975“ (Hg. David Reumüller, Robert Lepenik, Andreas Heller) und „50 Jahre Rock. Die Popularmusik in Vorarlberg“ (Hg. Matt/Rabitsch/Rhomberg) – ja, die vermeintliche Provinz war hier der Weltmetropole im Blick zurück voraus – handelt es sich zunächst um eine authentische Materialsammlung.

Zu erwähnen sind in diesem Kontext übrigens auch Heinrich Deisls Kompendium „Im Puls der Nacht“, von dem hoffentlich noch die angekündigten Fortsetzungen folgen, und das für den Spätherbst 2013 avisierte Mammutwerk „Schnitzelbeat“ des Austro-Trash-Sammlers und Forschers Al Bird Sputnik.

Neu ist jedenfalls der in „WienPop“ verfolgte Ansatz, nicht nur eine bestimmte Szene, eine kurze historische Epoche, sondern die popkulturelle Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg – von den späten 50ern des vorigen Jahrhunderts bis zu den Nullerjahren unseres Jahrhunderts – abzubilden. Erinnerungen, Erkenntnisse und Einschätzungen werden in Form einer Cut Up-Montage zu einer vielstimmigen Erzählung verdichtet, die über die reine kulturelle Geschichtsschreibung hinaus das Porträt einer Stadt im Wandel liefert.

Es ist also ein notwendiges Werk. Und es ist ein vergnügliches Werk. Denn – natürlich ist das Urteil eines Autors hier höchst subjektiv, aber der Tenor der ersten Kritiken geht d’accord – „WienPop“ liefert auch für Nicht-Insider eine Fülle an griffigen, aussagekräftigen, kurzweiligen Anekdoten, G’schichten und Wuchteln. Derlei liest sich recht flüssig und doch einigermassen stringent. Egal, ob es sich um ein André Heller-Bashing durch den Novak’s Kapelle-Sänger Walter „Walla“ Mauritz handelt oder eine trocken-knappe Einschätzung der Bedeutung von Peter Cornelius – der partout kein Interview geben wollte – durch den Polit-Pop-Rabauken Sigi Maron.

Freilich fliessen in ein solches Sammelalbum auch persönliche Sympathien und Antipathien, Blickwinkel und Erinnerungslücken ein. Warum kommt Burgtheater-Punk Franz Morak nur als Randnotiz vor? Was ist mit Pungent Stench? Gab es nicht mehr Frauen in all diesen Jahren? Waren die Rüssel-Disco-Fexe Ganymed wirklich wichtig? Oder eher nur peinlich? Werden The Vogue ausführlich gewürdigt? Und warum nicht Die Nervösen Vögel? Oder Station Rose? Hat Drum’n’Bass im Wien der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gar nicht existiert? Und ist die Ostbahn Kurti-Laufbahn nicht gar eng gefasst? Warum kommt X nicht zu Wort? Und Y? Dafür aber Z? Undsoweiterundsofort. To be discussed.

Solche Diskurse können ja auch wirklich lustvoll sein. Ob es sich bei den Einschätzungen der Interviewpartner und/oder der Interviewsammler & -Bearbeiter durchwegs um zulässige Verknappungen und eine Konzentration auf das Wahre, Gute, Schöne handelt oder um eine partielle Geschichtsklitterung höchst fragwürdiger Natur, mögen die Musikwissenschaftler nachfolgender Generationen klären. Gestritten hat darüber auch schon das Autorenquartett recht intensiv während des Entstehungsprozesses. Feedback und Kritik von Leserseite sind ausdrücklich erwünscht.

Jetzt liegt mal dieser Papierziegel auf dem Nachttisch. Genug Lesestoff, Diskussionsfutter, Ausgangsmaterial für die nächsten Jahre. „Wien.Pop“ musste geschrieben werden. Der zentrale Ideenspender des Buchs, Gerhard Stöger („Falter“, siehe Bild oben), arbeitet angeblich schon an der Fortsetzung.

(Skug 07/2013)

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2 Antworten to “Pflicht & Kür zugleich”


  1. Aber dass „Hirn mit Ei“ vergessen wurde ist selbstverständlich unverzeihlich, hier ein Live-Video-Nachtrag: http://youtu.be/CYq5-6-rmcY

    :-)

  2. Silke Baron Says:

    Dass das Kunstwerk in Ottakring, das DIE elektronische Musikschmiede Wiens, nein – ganz Österreiches -, in den 90ern war, nur in einem Nebensatz erwähnt wurde, aber niemand der Betreiber jemals interviewt wurde, ist ein Scherz! Dort wurde zeitgleich mit London die elektronische Musik erfunden! Wenn das nicht wichtig genug ist um mehr als nur eine Erwähnung zu finden?!


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