Unter Generalverdacht

23. Juni 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (216) Warum jetzt eigentlich die große Überraschung, dass wir alle systematisch bespitzelt und überwacht werden?

V-wie-Vendetta1

Ich sag’ gleich: ich war’s nicht. Oder, futurum exactum: ich werde es nicht gewesen sein. Dieser sachliche Hinweis bleibt, so hoffe ich doch, für alle Zeiten gespeichert. Öffentlich einsehbar im Archiv der „Presse“ und damit (bzw. auch unabhängig davon) in den ewigen Annalen des Cyberspace. Andererseits in elektronischen Verzeichnissen und Aktenordnern nicht-öffentlicher Natur. Etwa auf den Festplatten des österreichischen Heeresnachrichtendienstes.

Von der Kapazität, Datenfülle und –tiefe sind diese Aufzeichnungen aber gewiss nicht vergleichbar mit jenen des grossen Geistesbruders NSA in Fort Meade in Maryland, USA. Dort, in einem Crypto City genannten Areal, laufen ja so ziemlich alle Informationen dieses Planeten zusammen. Und werden gesammelt, gescannt, ausgewertet und archiviert. Die Programme, in deren Rahmen diese emsige Arbeit läuft, tragen klangvolle Namen wie „Echelon“, „Prism“ oder – die Briten dürfen auch kräftig mitmischen – „Tempora“ . Aber eigentlich ist das alles, psst!, streng geheim.

Jedenfalls war jetzt bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüssigt, demonstrativ empört zu sein. Und einige Fragen an den grossen Bruder zu formulieren, dessen oberster Repräsentant ziemlich zeitgleich im benachbarten Deutschland von „Freiheit“ und „Verantwortung“ schwadronierte. Zu seiner Sicherheit fuhren Panzer auf, Scharfschützen wurden in Stellung gebracht, die Kanaldeckel zugeschweißt und eine ganze Stadt weiträumig abgesperrt. Und, ja, auch ein paar G’schichtl’n in Umlauf gebracht von vereitelten Anschlägen, Röntgenstrahlen und sonstigen Terrorszenarien. Es macht wohl wenig Spaß, der meistbedrohte und –gefährdete Mann weltweit zu sein. Das gilt metaphorisch auch für ganze Nationen.

Gut also, dass es Präventivprogramme wie „Prism“ gibt, nicht? Die Fragen der österreichischen Innenministerin dazu sind übrigens auch geheim. Sogar gegenüber dem eigenen Volk. Ich bin überrascht, dass derlei für den einen oder die andere unter uns noch eine Überraschung ist.

Was aber werde ich nicht gewesen sein? Ich werde nicht der gewesen sein oder zu denjenigen gezählt haben, die Crypto City in die Luft sprengten. Eines fernen Tages. Doch es zählt nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. Und so weiter. Und so fort. Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.

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2 Antworten to “Unter Generalverdacht”

  1. Harald Ecke Says:

    Wahres Fazit!! Da bedarf es keines Syllogismus oder anderer Beweisführung, um dieses Fazit (systematische Erregung von Aversionen) einfach behaupten zu dürfen. Volle Zustimmung, wenn auch ich ebenfalls nicht der sein werde, der Crypty City dereinst in die Luft gejagt haben werden wird!


  2. […] die Enttäuschung, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ebenso ahnungslosen, verlogenen, […]


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