Archive for August, 2013

Gnadenfrist

24. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (225) Analog-Nostalgie ist schwer in Mode. Ein Comeback der Compact Cassette bleibt aber aus.

cassettetape

Lassen Sie uns gemeinsam eine Gedenkminute einlegen. Nein, nicht für die ärztliche Schweigepflicht, die von einigen Vertretern der Zunft – welchen genau bleibt unklar, mit dem Datenschutz ist nicht zu spaßen! – für obsolet erklärt wurde. Für einen nebbichen Schandlohn von 30 Euro pro Monat, zuzüglich Umsatzsteuer. Derlei regt die Leute ja mehr auf als die flächendeckende Überwachung ihrer Kommunikation und die Mundtotmachung kritischer Medien. Merke: auch Selbstzensur ist Zensur. Und, ja, jedes im elektronischen Krankenakt säuberlich vermerkte Zipperlein liefert den Seelenverkäufern dieses Planeten noch schärfere Röntgenbilder.

Die Gedenkminute möchte ich aber einem Artefakt aus längst vergangenen, unschuldigeren Tagen widmen (Anmerkung für Verschwörungstheoretiker: der Themenwechsel wurde nicht von der NSA „angeregt“). Es ist ziemlich exakt fünfzig Jahre her, dass eine (r)evolutionäre Entwicklung das Licht der Welt erblickte. Am 28. August 1963 präsentierte Philips auf der 23. Internationalen Funkausstellung in Berlin die „Compact Cassette“ samt zugehörigem Aufnahme- und Abspielgerät.

Ursprünglich als Diktaphon-Speichermedium gedacht, wurde das schmale Tonband im Plastik-Normgehäuse rasch zum universellen Audio-Standard. Feinspitze reizten die Möglichkeiten mit Chromdioxid- und Reineisenbändern, Rauschunterdrückungssystemen wie Dolby oder DBX, Autoreverse-Mechanismen und Einmesscomputern gnadenlos aus – man erinnere sich an legendäre Geräte von Nakamichi, Alpine, Pioneer oder Eumig (die letzte Großtat des österreichischen Herstellers, bevor er vom Markt verschwand).

Gibt es Zeitgenossen, die diese Wunderwerke der Analogtechnik in Ehren halten? Und zwar nicht in einer Glasvitrine, sondern im quasi alltäglichen Einsatz? Ich kenne ja eher Mütter, die noch Märchen-Cassetten in knallbunte, fruchtsaftverklebte „My first Sony“-Relikte stecken als Vintage-HiFi-Fetischisten, die das einstige Spitzenmodell TCK-777 ES desselben Herstellers mit Klassikaufnahmen füttern… Nur weil ein paar HipHop-Puristen und Off-Off-Mainstream-Obskuranten sich weiterhin verschwörerisch Tapes zustecken, ein grosses Cassetten-Revival auszurufen – wohl darauf hoffend, dass dies ähnlich dem aktuellen Vinyl-Boom zur „selffulfilling prophecy“ wird – ist natürlich hochgradig gaga. Anno 2012 wurden hierzulande gerade noch 2000 bespielte MusiCassetten verkauft.

Aber, hoppla!, meine Schachteln voll mit liebevoll beschrifteten Mixtapes und Mitschnitten aus „Musicbox“-Urzeiten, die ich diesen Sommer eigentlich entsorgen wollte, erhalten vorerst eine Gnadenfrist. Eventuell für ein paar Jahrzehnte.

Swarovski-Bohrer für Technikfreaks

16. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (224) “Trends für weibliche Technik-Freaks”? Wer derlei verspricht, sollte es auch halbwegs ernst meinen.

Akkuschrauber

Im Urlaub blättert man ja in allerlei Zeitungen und Zeitschriften, die einem sonst nur selten in die Hand kommen. Aber Fadesse ist eine starke Triebfeder. Und Provinz-Konditoreien, Friseursalons und WLAN-freie Wartezimmer von Zahnärzten in Kleinstädten scheinen bevorzugte Biotope für Printprodukte zu sein, die man schon ausgestorben wähnte, bevor noch das allgemeine Geheul über das „Zeitungssterben“ anhob. Das bunte Wochenblatt etwa – eine Medienkategorie, die eventuell noch in Pensionistenheimen fröhliche Urständ’ feiert, sonst aber von so neumodischen Erscheinungen wie dem Internet ratzfatz ins Ausgedinge geschickt wurde.

Vielleicht ist aber weniger das Medium die Botschaft – um in diesen Zeiten der Not einen der Säulenheiligen jedes Publizistikstudenten, Marshall McLuhan, zu bemühen –, sondern die Misere nur eigener Denkfaulheit, Klischeehuberei und Inhaltslosigkeit geschuldet.

Beispiel gefällig? Die Zeitschrift „News“ bezeichnet sich selbst als „Österreichs grösstes Nachrichtenmagazin“, bietet aber längst kaum mehr als ein wöchentliches Sammelsurium aus Tratsch, Klatsch, forcierten Aufregern und öder Redaktions-Routine. Die Kultursektion etwa schreibt seit eh & je zielgenau an der „News“-Zielgruppe vorbei („Peter Handke zur Suhrkamp-Insolvenz“), dafür entschädigt die Politik-Redaktion durch lobenswerten Biß und Drang zur Enthüllungsreportage. Halblustige Twitter-Sprüche von Promis seitenlang auf Papier nachzudrucken erscheint mir dagegen so wenig originell wie zukunftsträchtig.

Aber hier soll keine Blattkritik geübt werden, schliesslich heißt diese Kolumne „Maschinenraum“. Und widmet sich vornehmlich der Technik im Alltag. Immerhin scheint es in „News“ bisweilen inhaltliche Entsprechungen zu geben, die sich – löblich, löblich! – explizit auch Frauen zuwenden. „7 Trends für weibliche Technikfreaks“ werden etwa in der aktuellen Ausgabe vorgestellt.

Und was für Trends! Eine iPhone-Hülle mit Moschino-Schriftzug („Call Me!“). Ein Akku-Schrauber, der mit 475 Original-Swarovski-Kristallen besetzt ist, dafür aber nur nebbiche 300 Euro kostet. Eine Computer-Maus in Marienkäfer-Optik (die die geneigte Leserin locker auch um ein Fünftel des Preises erstehen könnte, nebstbei). In-Ear-Kopfhörer in Knallpink. Und letztlich noch, nebst anderem Klumpert, eine Dekorationsfolie für das feminine Notebook. Erraten: ebenfalls in Pink, mit Strass. Die Gesichter der „Technik-Freaks“ mit Doppel-X-Chromosom, denen man derlei redaktionell unterjubelt, würde ich beim ungläubigen Studieren des ungenierten Platzfüllers allzu gern sehen.

Man(n) kann – erst recht als Frau – solch niedliche Nichtigkeiten natürlich überblättern. Und die Zeitschrift – online habe ich den Beitrag nicht gefunden, es gibt dort sogar eine eigene „News“-Technik-Rubrik – zur Seite legen. Eventuell für immer. Aber mit dem vielbeschworenen Internet hat dieser Zeitungstod dann nichts zu tun. Und zwar gar nichts.

Der Faktor Form

10. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (223) Je opulenter und intelligenter die Technik, desto wichtiger die Kategorie “Look & Feel”.

fujifilm x20

Reden wir mal über Haptik. Man könnte meinen, es wäre ein banales Thema, wie sich etwas angreift und anfühlt – aber natürlich ist es das nicht. Im Gegenteil.

Bei Kameras etwa neige ich inzwischen der Meinung zu, dass es nur mehr bedingt die Leistungsdaten sind oder die Features eines Geräts, die konsumentenseitig den Daumen nach oben oder unten gehen lassen, bildlich gesprochen. Denn digitale Fotoapparate (kurioserweise steckt in dem altertümlichen Wort auch die Buchstabenkombination „App“ drin, der Verkaufskiller für das Segment der Low End-Kameras schlechthin) liefern heute in der Regel gute, ja sehr gute Abbildungsleistungen. Und sind prallvoll mit feinen technischen Details und mehr oder weniger sinnvollen Gimmicks.

Vielleicht probiert man noch einen Vollformat-Sensor aus, wie er z.B. in der Sony Cybershot DSC-RX1 oder der brandneuen, ebenso teuren RX1-R steckt, oder interessiert sich für das rasant wachsende Segment der Systemkameras. Aber wirklich Revolutionäres erwartet im Sektor Kompaktkamera niemand. Oder täusche ich mich? Analoge Erbstücke bleiben jedenfalls als Staubfänger längst in der Vitrine, selbst wenn Leica draufsteht.

Wenn man die alten Dinger aber in die Hand nimmt, merkt man, dass ihre Formgebung nicht nur durch Design-Funktionalität bestimmt wurde, sondern diese Objekte schon jahrzehntelang durch Millionen Profihände gewandert sind. Und sich im Lauf der Zeit soetwas wie ein „common sense“ der Gestaltung herauskristallisierte. Weil ich gerade Leica erwähnt habe: die deutsche Edelmarke, heute maßgeblich in österreichischer Hand, war und ist ungebrochen State of the Art, was die Kombination von Qualität, Wertigkeit, Eleganz und Formfaktor betrifft.

Es ist also wohl kein Zufall, dass die X-Series-Gerätelinie des japanischen Konkurrenten Fujifilm inzwischen auf eine frappante Ähnlichkeit im „Look & Feel“ zu Leicas älterer Bauart oder ähnlichen Kameras setzen. Ich teste gerade im Urlaubsalltag das Modell X20. Und, ja, es macht Spaß, bei der Fuji die Knöpfe, Schalter und Rändelräder automatisch an der richtigen Stelle zu wissen und sie quasi blind bedienen zu können. Auch die rauhe Kunstleder-Bespannung greift sich vertraut an.

Kurios: neulich hat mich jemand flüchtigen Blicks gefragt, ob ich die Kamera von meinem Vater geerbt hätte. Nein: es ist eine hochmoderne Schnappschußkamera (und jedem Handy haushoch überlegen), vermittelt gleichzeitig aber auch die Zeitlosigkeit und satte Haptik von Geräten, die über jede Modetorheit und Design-Petitesse erhaben sind. Like! Retro können andere auch. In der Fujifilm aber steckt spürbar Liebe zum Objekt.

Freiheit ist Sklaverei

2. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (222) Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. War George Orwell eventuell auch einer? Und wie steht’s mit Armin Wolf?

1984

Drei Lesetipps hat Armin Wolf aus dem wohlverdienten Urlaub mitgebracht. Einer davon ein Klassiker: George Orwells „1984“. „Ein ganz großes Buch!“ teilte der ORF-Moderator seiner Twitter-Gemeinde mit. „Viel besser als in der Erinnerung aus der Schulzeit.“

Ich versuche, seine Worte zu interpretieren (auch weil ich die Bewunderung für Orwell teile): wir erfassen erst heute in seiner ganzen Tragweite, wie weitsichtig, scharfsinnig und zutreffend diese bedrückende Anti-Utopie war. Und was uns der britische Journalist, der eigentlich Eric Arthur Blair hieß, kurz nach dem zweiten Weltkrieg und knapp vor seinem Tod als zeitlose Botschaft mit auf den Weg gab.

Ich musste an Orwell denken, als ich dieser Tage im Netz den Auftritt des obersten Direktors des US-Geheimdienstes NSA, Keith Alexander, bei der „Blackhat“-Hacker-Konferenz in Las Vegas betrachtete. Alexander versuchte soetwas wie einen Image-Befreiungsschlag nach den Enthüllungen der letzten Tage und Wochen, die zuvorderst einem Mann zuzuschreiben sind: Edward Snowden. Einem Mann, der von den Vereinigten Staaten von Amerika wie ein Häuslratz gejagt wird und sich nun ausgerechnet in Russland verkriechen muß, während General Alexander in blütenweißer Uniform Lobreden auf das weltweite Überwachungsnetz hält. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

Okay, das war jetzt zynisch. Weil Orwell. Irgendein junger US-Bürger hat dem obersten PR-Agenten ja als Antwort auf dessen Vortrag nicht „1984“ vorgelesen, sondern nur ein verächtliches „Bullshit!“ hingeschleudert. Gibt es noch kein Gesetz (oder, eventuell wirksamer, Geheimgesetz), dass solch subversive Störenfriede umgehend nach Guantanamo verfrachtet?

Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich mich in Zeiten wie diesen kolumnentechnisch eher nicht hedonistischen HiFi-Novitäten oder innovativen Haarföns widmen möchte. Armin Wolf, ich und Sie, der sie sich so offensichtlich für diese Zeilen interessieren – wir alle sind längst „getagged“. Sprich: im Visier der Datensammler. Catchphrase: Orwell. Das muß nichts bedeuten. Aber Sie sollten wissen, dass wir erpressbar sind. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts wissen.

Sollte also, sagen wir mal, Herr Wolf eines Tages ORF-Direktor sein und die lange geplante, brisante Polit-Dokumentation zum Thema überraschend vom Sendeplan verschwinden – eventuell, um einer salbungsvollen Ansprache des US-Botschafters Platz zu machen –, dann erinnern Sie sich an das Gezwitscher aus längst vergangenen Tagen. So es nicht längst selektiv gelöscht wurde (wenn auch nicht vom Urheber).

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