Freiheit ist Sklaverei

2. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (222) Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. War George Orwell eventuell auch einer? Und wie steht’s mit Armin Wolf?

1984

Drei Lesetipps hat Armin Wolf aus dem wohlverdienten Urlaub mitgebracht. Einer davon ein Klassiker: George Orwells „1984“. „Ein ganz großes Buch!“ teilte der ORF-Moderator seiner Twitter-Gemeinde mit. „Viel besser als in der Erinnerung aus der Schulzeit.“

Ich versuche, seine Worte zu interpretieren (auch weil ich die Bewunderung für Orwell teile): wir erfassen erst heute in seiner ganzen Tragweite, wie weitsichtig, scharfsinnig und zutreffend diese bedrückende Anti-Utopie war. Und was uns der britische Journalist, der eigentlich Eric Arthur Blair hieß, kurz nach dem zweiten Weltkrieg und knapp vor seinem Tod als zeitlose Botschaft mit auf den Weg gab.

Ich musste an Orwell denken, als ich dieser Tage im Netz den Auftritt des obersten Direktors des US-Geheimdienstes NSA, Keith Alexander, bei der „Blackhat“-Hacker-Konferenz in Las Vegas betrachtete. Alexander versuchte soetwas wie einen Image-Befreiungsschlag nach den Enthüllungen der letzten Tage und Wochen, die zuvorderst einem Mann zuzuschreiben sind: Edward Snowden. Einem Mann, der von den Vereinigten Staaten von Amerika wie ein Häuslratz gejagt wird und sich nun ausgerechnet in Russland verkriechen muß, während General Alexander in blütenweißer Uniform Lobreden auf das weltweite Überwachungsnetz hält. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

Okay, das war jetzt zynisch. Weil Orwell. Irgendein junger US-Bürger hat dem obersten PR-Agenten ja als Antwort auf dessen Vortrag nicht „1984“ vorgelesen, sondern nur ein verächtliches „Bullshit!“ hingeschleudert. Gibt es noch kein Gesetz (oder, eventuell wirksamer, Geheimgesetz), dass solch subversive Störenfriede umgehend nach Guantanamo verfrachtet?

Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich mich in Zeiten wie diesen kolumnentechnisch eher nicht hedonistischen HiFi-Novitäten oder innovativen Haarföns widmen möchte. Armin Wolf, ich und Sie, der sie sich so offensichtlich für diese Zeilen interessieren – wir alle sind längst „getagged“. Sprich: im Visier der Datensammler. Catchphrase: Orwell. Das muß nichts bedeuten. Aber Sie sollten wissen, dass wir erpressbar sind. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts wissen.

Sollte also, sagen wir mal, Herr Wolf eines Tages ORF-Direktor sein und die lange geplante, brisante Polit-Dokumentation zum Thema überraschend vom Sendeplan verschwinden – eventuell, um einer salbungsvollen Ansprache des US-Botschafters Platz zu machen –, dann erinnern Sie sich an das Gezwitscher aus längst vergangenen Tagen. So es nicht längst selektiv gelöscht wurde (wenn auch nicht vom Urheber).

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3 Antworten to “Freiheit ist Sklaverei”


  1. […] nicht? Perspektivisch kommt einem passende Schullektüre in den Sinn: George Orwells „1984“. Kaum verwunderlich: das „Social Credit System“, an dem hochrangige Mitarbeiter aller […]


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