Der Faktor Form

10. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (223) Je opulenter und intelligenter die Technik, desto wichtiger die Kategorie “Look & Feel”.

fujifilm x20

Reden wir mal über Haptik. Man könnte meinen, es wäre ein banales Thema, wie sich etwas angreift und anfühlt – aber natürlich ist es das nicht. Im Gegenteil.

Bei Kameras etwa neige ich inzwischen der Meinung zu, dass es nur mehr bedingt die Leistungsdaten sind oder die Features eines Geräts, die konsumentenseitig den Daumen nach oben oder unten gehen lassen, bildlich gesprochen. Denn digitale Fotoapparate (kurioserweise steckt in dem altertümlichen Wort auch die Buchstabenkombination „App“ drin, der Verkaufskiller für das Segment der Low End-Kameras schlechthin) liefern heute in der Regel gute, ja sehr gute Abbildungsleistungen. Und sind prallvoll mit feinen technischen Details und mehr oder weniger sinnvollen Gimmicks.

Vielleicht probiert man noch einen Vollformat-Sensor aus, wie er z.B. in der Sony Cybershot DSC-RX1 oder der brandneuen, ebenso teuren RX1-R steckt, oder interessiert sich für das rasant wachsende Segment der Systemkameras. Aber wirklich Revolutionäres erwartet im Sektor Kompaktkamera niemand. Oder täusche ich mich? Analoge Erbstücke bleiben jedenfalls als Staubfänger längst in der Vitrine, selbst wenn Leica draufsteht.

Wenn man die alten Dinger aber in die Hand nimmt, merkt man, dass ihre Formgebung nicht nur durch Design-Funktionalität bestimmt wurde, sondern diese Objekte schon jahrzehntelang durch Millionen Profihände gewandert sind. Und sich im Lauf der Zeit soetwas wie ein „common sense“ der Gestaltung herauskristallisierte. Weil ich gerade Leica erwähnt habe: die deutsche Edelmarke, heute maßgeblich in österreichischer Hand, war und ist ungebrochen State of the Art, was die Kombination von Qualität, Wertigkeit, Eleganz und Formfaktor betrifft.

Es ist also wohl kein Zufall, dass die X-Series-Gerätelinie des japanischen Konkurrenten Fujifilm inzwischen auf eine frappante Ähnlichkeit im „Look & Feel“ zu Leicas älterer Bauart oder ähnlichen Kameras setzen. Ich teste gerade im Urlaubsalltag das Modell X20. Und, ja, es macht Spaß, bei der Fuji die Knöpfe, Schalter und Rändelräder automatisch an der richtigen Stelle zu wissen und sie quasi blind bedienen zu können. Auch die rauhe Kunstleder-Bespannung greift sich vertraut an.

Kurios: neulich hat mich jemand flüchtigen Blicks gefragt, ob ich die Kamera von meinem Vater geerbt hätte. Nein: es ist eine hochmoderne Schnappschußkamera (und jedem Handy haushoch überlegen), vermittelt gleichzeitig aber auch die Zeitlosigkeit und satte Haptik von Geräten, die über jede Modetorheit und Design-Petitesse erhaben sind. Like! Retro können andere auch. In der Fujifilm aber steckt spürbar Liebe zum Objekt.

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Eine Antwort to “Der Faktor Form”


  1. […] sagt, dass Hören nicht auch Optik, Haptik und die Erotik des Technischen umfasst, lügt. Zumindest kann ich dies reinen Gewissens für den HiFi-Bereich postulieren – dort, wo das […]


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