Swarovski-Bohrer für Technikfreaks

16. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (224) “Trends für weibliche Technik-Freaks”? Wer derlei verspricht, sollte es auch halbwegs ernst meinen.

Akkuschrauber

Im Urlaub blättert man ja in allerlei Zeitungen und Zeitschriften, die einem sonst nur selten in die Hand kommen. Aber Fadesse ist eine starke Triebfeder. Und Provinz-Konditoreien, Friseursalons und WLAN-freie Wartezimmer von Zahnärzten in Kleinstädten scheinen bevorzugte Biotope für Printprodukte zu sein, die man schon ausgestorben wähnte, bevor noch das allgemeine Geheul über das „Zeitungssterben“ anhob. Das bunte Wochenblatt etwa – eine Medienkategorie, die eventuell noch in Pensionistenheimen fröhliche Urständ’ feiert, sonst aber von so neumodischen Erscheinungen wie dem Internet ratzfatz ins Ausgedinge geschickt wurde.

Vielleicht ist aber weniger das Medium die Botschaft – um in diesen Zeiten der Not einen der Säulenheiligen jedes Publizistikstudenten, Marshall McLuhan, zu bemühen –, sondern die Misere nur eigener Denkfaulheit, Klischeehuberei und Inhaltslosigkeit geschuldet.

Beispiel gefällig? Die Zeitschrift „News“ bezeichnet sich selbst als „Österreichs grösstes Nachrichtenmagazin“, bietet aber längst kaum mehr als ein wöchentliches Sammelsurium aus Tratsch, Klatsch, forcierten Aufregern und öder Redaktions-Routine. Die Kultursektion etwa schreibt seit eh & je zielgenau an der „News“-Zielgruppe vorbei („Peter Handke zur Suhrkamp-Insolvenz“), dafür entschädigt die Politik-Redaktion durch lobenswerten Biß und Drang zur Enthüllungsreportage. Halblustige Twitter-Sprüche von Promis seitenlang auf Papier nachzudrucken erscheint mir dagegen so wenig originell wie zukunftsträchtig.

Aber hier soll keine Blattkritik geübt werden, schliesslich heißt diese Kolumne „Maschinenraum“. Und widmet sich vornehmlich der Technik im Alltag. Immerhin scheint es in „News“ bisweilen inhaltliche Entsprechungen zu geben, die sich – löblich, löblich! – explizit auch Frauen zuwenden. „7 Trends für weibliche Technikfreaks“ werden etwa in der aktuellen Ausgabe vorgestellt.

Und was für Trends! Eine iPhone-Hülle mit Moschino-Schriftzug („Call Me!“). Ein Akku-Schrauber, der mit 475 Original-Swarovski-Kristallen besetzt ist, dafür aber nur nebbiche 300 Euro kostet. Eine Computer-Maus in Marienkäfer-Optik (die die geneigte Leserin locker auch um ein Fünftel des Preises erstehen könnte, nebstbei). In-Ear-Kopfhörer in Knallpink. Und letztlich noch, nebst anderem Klumpert, eine Dekorationsfolie für das feminine Notebook. Erraten: ebenfalls in Pink, mit Strass. Die Gesichter der „Technik-Freaks“ mit Doppel-X-Chromosom, denen man derlei redaktionell unterjubelt, würde ich beim ungläubigen Studieren des ungenierten Platzfüllers allzu gern sehen.

Man(n) kann – erst recht als Frau – solch niedliche Nichtigkeiten natürlich überblättern. Und die Zeitschrift – online habe ich den Beitrag nicht gefunden, es gibt dort sogar eine eigene „News“-Technik-Rubrik – zur Seite legen. Eventuell für immer. Aber mit dem vielbeschworenen Internet hat dieser Zeitungstod dann nichts zu tun. Und zwar gar nichts.

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2 Antworten to “Swarovski-Bohrer für Technikfreaks”


  1. […] akuten Problemen des Magazins „News“ berichtet wurde. Mag sein, dass Boulevardblätter dieses Typs – Neuigkeiten zieht man längst minutenaktuell aus dem Internet – keine Zukunft […]


  2. […] mit komplexer Materie. Technikjournalismus läuft über weite Strecken unter denselben zauberhaft halbseidenen Rahmenbedingungen und Prämissen wie Lifestyle-, Society- oder Popkulturberichterstattung. […]


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