Archive for September, 2013

Neuland

28. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (230) Heisse Luft herrscht anderswo. “All Things Austrian” liefert das Dummy, das unsere Lese-Zukunft definiert.

All Things Austrian

Man hat immer die Wahl. Man darf nur nicht seiner eigenen Trägheit, Saturiertheit und Denkfaulheit nachgeben. Eventuell aber auch nur der Bequemlichkeit, es sich in den – oftmals reichlich engen – Gedankengebäuden, Wirtschaftskammern und realen Systemen der eigenen Lebensgeschichte kommod eingerichtet zu haben. Nicht zuletzt, weil man vom politischen und gesellschaftlichen Status Quo profitiert. Leute dieses Schlags – gehören wir nicht (fast) alle dazu? – mögen eventuell wieder einmal Giuseppe Tomasi de Lampedusas Roman „Der Leopard“ nachlesen. Darin findet sich das berühmte Zitat: „Es muß sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“

Aber vielleicht sollen die Verhältnisse auch partout so bleiben, wie sie sind. Damit sich perspektivisch alles umso kräftiger ändert. Annähernd explosionsartig. Wie gesagt: man hat immer die Wahl. Ich persönlich z.B. habe diese Woche eine ganz bewusste Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, einmal mehr den „Österreichischen Medientagen“ fernzubleiben, wo angeblich die Gegenwart und Zukunft der heimischen Print-, Radio- und TV-Landschaft verhandelt wird. Was natürlich nicht der Fall ist.

Da unser aller Zeitbudget gleich bemessen ist – ein unendlich demokratischer Aspekt der menschlichen Natur – und pure Zeitverschwendung sich früher oder später selbst entlarvt, habe ich ein Treffen mit den Machern von „All Things Austrian“ dem Besuch der nestwarmen VIP-Schaukel in der Wiener Stadthalle vorgezogen.

Jede Wette, Sie haben noch nie von „All Things Austrian“ gehört. Wie auch? Es handelt sich um eine App, die – nach zweijähriger Entwicklungszeit – gerade mal seit Mitte dieser Woche für das iPad downloadbar ist (gratis, eine Android-Version soll folgen). Nein, eigentlich ist es ein Magazin. Aber eines, das technisch und formal den Begriff Magazin neu definiert. Dahinter stecken zuvorderst zwei Köpfe: der freie Journalist Richard Brem (u.a. ORF/Ö1) und der Software-Architekt Gerhard Zeissl. Für das Design zeichnet die Crew von Typejockeys, einer international renommierten Wiener Agentur, verantwortlich. „Wir wollten Neuland betreten und ein High End-Fanzine für das 21. Jahrhundert kreieren“, meinen die Schöpfer von „All Things Austrian“. „Ein lebendes Demonstrationsobjekt“. Ich sage nur: Wow! Mission accomplished.

Mehr zum Wie?, Warum? und Wohin? demnächst hier. Sie werden jetzt eh ein paar Minuten damit beschäftigt sein, die App herunterzuladen. Und ein paar Jahre, über Ihre Wahlentscheidung nachzudenken.

Verapplet

21. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (229) 1983 kam das erste Mobiltelefon auf den Markt. Die Revolution juckt dreißig Jahre später kaum jemanden mehr.

Dynatac

In der „Tagespresse“ – die Sie keinesfalls mit dieser Zeitung verwechseln sollten, sie existiert nur online (dietagespresse.com) – erscheinen regelmässig Beiträge, die nicht gerade wenige Leser für bare Münze nehmen. Dabei handelt es sich unverkennbar um Ironie, Satire, pure Verarschung. Allerdings zumeist so nahe an der Realität, dass man bisweilen doch stutzt.

Einer meiner Lieblingsbeiträge der letzten Zeit nahm die Apple-Maniacs ins Visier, die schon Monate vor dem Erscheinen der neuen iPhone-Modelle die wildesten Phantasien plagen, welche Möglichkeiten denn die nächste Generation mit sich bringen werde. Kaffeesudleserei 2.0. Allein qietschbunte Billigbomber hatte die Gemeinde wohl nicht erwartet. „Neues iPhone kommt mit vielen Features“, verkündete die „Tagespresse denn exklusiv, „dafür ohne Telefon.“

Nach eingehenden Marktstudien hätte Apple festgestellt, dass nur knapp 5 Prozent der iPhone-Nutzer ihr Gerät tatsächlich zum Telefonieren verwenden. „Etwa zwanzig Prozent verwenden es als Taschenlampe“ zitierte man einen „gut informierten Insider“ (der lieber anonym bleiben wolle), „doch die große Mehrheit nutzt das iPhone, um damit Essen zu fotografieren.“ Um also Platz für eine bessere Kamera, mehr Speicher und ein schärferes Display zu schaffen, verzichte man ab sofort auf die „vollkommen veraltete“ Technik des Telefonierens.

Das sagt – bei aller Ironie – mehr über die Smartphone-Ära aus, als Apple & Co. lieb sein kann. Wir nutzen die hochgezüchteten Computer in unserer Jackentasche heute als Navigationsgerät, Fernseher, Wetterstation, Kalender, Musik-Player, Tauschbörse, Gameboy und tausenderlei mehr, geben uns aber weiterhin mit schlechtem Empfang und krächzender Sprachqualität zufrieden. Oder kommt nur mir das so vor?

Bezeichnenderweise feiert die Technikwelt ja gerade 30 Jahre Mobiltelefonie. Ein denkwürdiges Jubiläum. Schon 1973 hatte das US-Unternehmen Motorola die Entwicklung gestartet, zehn Jahre später – am 21. September 1983 – erhielt das Modell DynaTAC 8000X seine FCC-Zulassung. Das 800 Gramm schwere Gerät in Knochenform kostete 3995 Dollar, besaß eine Gesprächsdauer von gerade mal einer Stunde – und hatte dennoch nach einem Jahr schon dreihunderttausend Käufer gefunden.

Ich selbst war, unter uns, vergleichsweise spät dran mit einem anno 1991 erworbenen Olivetti OCT400. Und trotzdem ein Pionier, der sich für sein „Kasperltelefon“ schief anschauen lassen mußte. Die Unterstellung lautete: Angeberei schlägt Gebrauchswert. Das gab sich dann aber rasch. Zirka dreihundert Gerätegenerationen später – Olivetti, Nokia, Siemens, Sony Ericcson, wo seid ihr hin? – juckt einen ein neues iPhone oder frisch poliertes Betriebssystem dann auch nicht mehr wirklich.

Kontrastprogramm

14. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (228) Während TV-Hersteller schon in die 4K-Zukunft blicken, zeigt “SimpliTV” einen Ausweg aus der Misere der Gegenwart. Eventuell.

simpliTV_T4112_BoxPlus

Was Fernsehen kann, zeigt sich am besten in Vorwahlzeiten. Denn egal, ob man den Overkill an Politikerrunden, Diskussionsarenen und Schlachtanalysen braucht und schätzt, ist es wohl so, dass die Emotionalisierung papierener Parteiprogramme am besten im TV-Studio gelingt. Life is live. Und ATV+ und Puls 4 können das mittlerweile um keinen Deut schlechter als der ORF – dem wiederum mit Hanno Setteles „Wahlfahrt“ ein Überraschungstreffer gelang.

Aber hier ist nicht der Platz für weiterreichende Medienkritik. Nicht die Inhalte, sondern die Technik von heute und morgen sind das Thema. Als jahrzehntelang wichtigster „Hub“ für Bewegtbilder aller Art verlieren Fernsehgeräte nämlich immer mehr an Bedeutung. Ein Verkaufsminus im zweistelligen Bereich beklagt der Elektrofachhandel, in Deutschland haben Smartphones vom Umsatz her erstmals die – längst mit dem Internet vernetzten, aber immer noch wenig smarten – Flachbildschirme überholt.

Da helfen weder Riesen-Dimensionen noch Design-Innovationen (3D scheint sowieso kein Thema mehr zu sein). Auch ein sanft gebogener Bildschirm, wie unlängst von Samsung auf der IFA in Berlin vorgestellt, bringt wenig, wenn die Bedienung für Durchschnittskonsumenten zu komplex und kompliziert ist. Und dann wäre da noch das neue Reiz- und Zauberwort „4K“. Denn nach „Full-HD“ schreit der Markt längst nach noch besserer, weil höherer Auflösung und Bildqualität. Angeblich. Also macht man Patschenkino-Afficionados schon mal den Mund wässrig – auch wenn es kaum noch Content gibt, der einem mit 3840 x 2160 Bildpunkten (oder mehr) die Brillengläser feinpoliert. Und die Japaner längst an 8K basteln. Oder 16K. Oder woran Superduperscharfem auch immer.

Persönlich sehe ich ein wenig zukunftsträchtiges, grieseliges Kontrastprogramm. Low End. Gezwungenermassen. Denn kaum hatte ich einen Full HD-Monitor mit 50 Zoll Diagonale erstanden, erklärte mir der zuständige A1-Techniker, leider, leider sei das Kabelsignal in meiner Wohngegend „zu schwach“ für hochauflösende Bilder. Ich residiere aber nicht in Heilligenblut oder Gföhl im Waldviertel, sondern in der drittgrößten Stadt Österreichs: in Wien-Favoriten. Und ich spreche hier nicht von 4K, sondern vom aktuellen Stand der Technik. Etwas eigenartig. Was tun? Ich könnte ja eine Satellitenschüssel am Dach montieren.

Dann aber wurde ich auf die Werbung für die „SimpliTV“-Pakete der ORS aufmerksam. Schon der Name verkündet ja recht plakativ, dass es nicht kompliziert werden würde mit HDTV-Empfang via Zimmerantenne. Ich wage wohl die Probe aufs Exempel… Verspricht, eine spannende Vorabendserie zu werden. Bleiben Sie dran!

Denkzettel

7. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (227) Sind wir längst komplett eingelullt? Das Agenda-Setting zu den Nationalratswahlen lässt darauf schließen.

wahlzettel

„Ich bin entsetzt, sprachlos, enttäuscht, wütend.“ Das sage nicht ich. Ein mir unbekannter Leserbriefschreiber hat solchermaßen in der „Zeit“ seine Gefühlslage zu den neuesten Enthüllungen, den amerikanischen und britischen Geheimdienst und deren ungenierten Einbruch in unser aller Privatsphäre betreffend, beschrieben. Er ist einer unter tausenden, die dieser Tage Leserbriefe, Blog-Einträge, Protestnoten oder Social Media-Denkzettel verfassen.

Ich teile nicht die Enttäuschung, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ebenso ahnungslosen, verlogenen, machtlosen oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der US-Fachmann Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. „Mehr Amerikaner sterben durch herabfallende Fernseher“, so die „New York Times“, „und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.“ Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für Militär, Heimatschutz und Bürgerbespitzelung ausgegeben. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man „es gewußt“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln.

Ich habe dagegen folgenden Vorsatz gefasst: ich werde am 29. September nur eine Partei und/oder eine Person wählen, die programmatisch präzise, detailliert und glaubwürdig darlegt, wie sie nach der Wahl gegen den digitalen Überwachungswahn vorzugehen gedenkt. Das gilt übrigens auch für Die Grünen, denen ich noch am ehesten staatsbürgerliches Vertrauen zu überantworten geneigt bin. Bislang steht dazu von allen Parteien Konkretes aus. Aber das Thema ist unendlich wichtiger als die „MaHü“, Spindeleggers Entfesselungskünste, Faymanns ÖBB-Inserate, Straches Bibelinterpretationen und Stronachs Bauch zusammen.

Grabsteinland

1. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (2256) Schon mal von QR-Codes gehört? Und sie ausprobiert? Wenn nicht: Sie müssen sich diese Technik nicht merken.

QR-Code

„Days of Future Passed“. Dieser Titel eines berühmten Progressive Rock-Albums der englischen Band The Moody Blues fiel mir spontan ein, als ich dieser Tage zufälligerweise einen Artikel in einer staubtrockenen Schweizer Handelszeitung las. Es war ein Lamento: „Der QR-Code stirbt einen langsamen Tod“.

Aha. Der QR-Code? Der manifestiert sich doch in diesen ominösen Quadraten voller schwarz-weißer Punkte, die an jedem zweiten Werbeplakat (und auch an allerlei anderen Stellen) zu finden sind. Sie erinnern fern an unvollständige Puzzles oder verschlüsselte Wegmarkierungen für Ausserirdische. Es gibt ja Spinner, die halten solche Digitalia – insbesondere Strich-Barcodes – für gesundheitsschädlich. Oder sonstwas. Sie sind aber mit Garantie harmlos.

Ursprünglich entwickelt für die Logistik des Autoherstellers Toyota, wurde der „Quick Response Code“ in den letzten Jahren zunehmend von Markenartiklern und PR-Agenturen entdeckt. Einerseits als praktische Möglichkeit, die Multimedia-Fähigkeiten von Smartphones zu nutzen und dem geneigten Betrachter das unkomplizierte Abrufen zusätzlicher Informationen und Inhalte zu ermöglichen. Anderseits als Ausweis der eigenen Modernität. Seht her, wir gehen mit der Zeit! Wir beherrschen das digitale Universum! Folgt uns in die Matrix, Brüder und Schwestern!

Blöd nur, dass das Publikum dem Trend doch nicht so recht folgen will. Zwar hat ein Drittel aller Konsumenten, ergaben Marktstudien, schon einen QR-Scanner auf das Handy geladen. Und ein-, zweimal damit herumgespielt. Regelmässig nutzen die codierten Botschaften allerdings nur wenige. Microsoft hat folgerichtig angekündigt, seine QR-Variante „Tag“ im Jahr 2015 einzustellen. „Schuld ist die Faulheit der Nutzer“, so ein Sprecher des Unternehmens. „Menschen wollen zwar ständig neue Technologien ausprobieren. Wenn die Anstrengung aber zu gross wird und der dafür erhaltene Nutzen zu gering ist, dann lassen sie die Nutzer links liegen.“

Tatsächlich dauert es ein paar Sekunden, sein Smartphone zu zücken, eine App zu starten, den Code zu fotografieren und das Laden der Seite abzuwarten. Fazit: „Der QR-Code bleibt wohl der ewige Zukunftstrend.“ Insofern ist seine bislang makaberste Anwendung – die Anbringung auf Grabsteinen, die solchermassen der Trauergemeinde das Abspulen der wichtigsten Lebensstationen des Verstorbenen am Handy ermöglicht – zugleich die perspektivisch nachhaltigste.

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