Grabsteinland

1. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (2256) Schon mal von QR-Codes gehört? Und sie ausprobiert? Wenn nicht: Sie müssen sich diese Technik nicht merken.

QR-Code

„Days of Future Passed“. Dieser Titel eines berühmten Progressive Rock-Albums der englischen Band The Moody Blues fiel mir spontan ein, als ich dieser Tage zufälligerweise einen Artikel in einer staubtrockenen Schweizer Handelszeitung las. Es war ein Lamento: „Der QR-Code stirbt einen langsamen Tod“.

Aha. Der QR-Code? Der manifestiert sich doch in diesen ominösen Quadraten voller schwarz-weißer Punkte, die an jedem zweiten Werbeplakat (und auch an allerlei anderen Stellen) zu finden sind. Sie erinnern fern an unvollständige Puzzles oder verschlüsselte Wegmarkierungen für Ausserirdische. Es gibt ja Spinner, die halten solche Digitalia – insbesondere Strich-Barcodes – für gesundheitsschädlich. Oder sonstwas. Sie sind aber mit Garantie harmlos.

Ursprünglich entwickelt für die Logistik des Autoherstellers Toyota, wurde der „Quick Response Code“ in den letzten Jahren zunehmend von Markenartiklern und PR-Agenturen entdeckt. Einerseits als praktische Möglichkeit, die Multimedia-Fähigkeiten von Smartphones zu nutzen und dem geneigten Betrachter das unkomplizierte Abrufen zusätzlicher Informationen und Inhalte zu ermöglichen. Anderseits als Ausweis der eigenen Modernität. Seht her, wir gehen mit der Zeit! Wir beherrschen das digitale Universum! Folgt uns in die Matrix, Brüder und Schwestern!

Blöd nur, dass das Publikum dem Trend doch nicht so recht folgen will. Zwar hat ein Drittel aller Konsumenten, ergaben Marktstudien, schon einen QR-Scanner auf das Handy geladen. Und ein-, zweimal damit herumgespielt. Regelmässig nutzen die codierten Botschaften allerdings nur wenige. Microsoft hat folgerichtig angekündigt, seine QR-Variante „Tag“ im Jahr 2015 einzustellen. „Schuld ist die Faulheit der Nutzer“, so ein Sprecher des Unternehmens. „Menschen wollen zwar ständig neue Technologien ausprobieren. Wenn die Anstrengung aber zu gross wird und der dafür erhaltene Nutzen zu gering ist, dann lassen sie die Nutzer links liegen.“

Tatsächlich dauert es ein paar Sekunden, sein Smartphone zu zücken, eine App zu starten, den Code zu fotografieren und das Laden der Seite abzuwarten. Fazit: „Der QR-Code bleibt wohl der ewige Zukunftstrend.“ Insofern ist seine bislang makaberste Anwendung – die Anbringung auf Grabsteinen, die solchermassen der Trauergemeinde das Abspulen der wichtigsten Lebensstationen des Verstorbenen am Handy ermöglicht – zugleich die perspektivisch nachhaltigste.

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