Verapplet

21. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (229) 1983 kam das erste Mobiltelefon auf den Markt. Die Revolution juckt dreißig Jahre später kaum jemanden mehr.

Dynatac

In der „Tagespresse“ – die Sie keinesfalls mit dieser Zeitung verwechseln sollten, sie existiert nur online (dietagespresse.com) – erscheinen regelmässig Beiträge, die nicht gerade wenige Leser für bare Münze nehmen. Dabei handelt es sich unverkennbar um Ironie, Satire, pure Verarschung. Allerdings zumeist so nahe an der Realität, dass man bisweilen doch stutzt.

Einer meiner Lieblingsbeiträge der letzten Zeit nahm die Apple-Maniacs ins Visier, die schon Monate vor dem Erscheinen der neuen iPhone-Modelle die wildesten Phantasien plagen, welche Möglichkeiten denn die nächste Generation mit sich bringen werde. Kaffeesudleserei 2.0. Allein qietschbunte Billigbomber hatte die Gemeinde wohl nicht erwartet. „Neues iPhone kommt mit vielen Features“, verkündete die „Tagespresse denn exklusiv, „dafür ohne Telefon.“

Nach eingehenden Marktstudien hätte Apple festgestellt, dass nur knapp 5 Prozent der iPhone-Nutzer ihr Gerät tatsächlich zum Telefonieren verwenden. „Etwa zwanzig Prozent verwenden es als Taschenlampe“ zitierte man einen „gut informierten Insider“ (der lieber anonym bleiben wolle), „doch die große Mehrheit nutzt das iPhone, um damit Essen zu fotografieren.“ Um also Platz für eine bessere Kamera, mehr Speicher und ein schärferes Display zu schaffen, verzichte man ab sofort auf die „vollkommen veraltete“ Technik des Telefonierens.

Das sagt – bei aller Ironie – mehr über die Smartphone-Ära aus, als Apple & Co. lieb sein kann. Wir nutzen die hochgezüchteten Computer in unserer Jackentasche heute als Navigationsgerät, Fernseher, Wetterstation, Kalender, Musik-Player, Tauschbörse, Gameboy und tausenderlei mehr, geben uns aber weiterhin mit schlechtem Empfang und krächzender Sprachqualität zufrieden. Oder kommt nur mir das so vor?

Bezeichnenderweise feiert die Technikwelt ja gerade 30 Jahre Mobiltelefonie. Ein denkwürdiges Jubiläum. Schon 1973 hatte das US-Unternehmen Motorola die Entwicklung gestartet, zehn Jahre später – am 21. September 1983 – erhielt das Modell DynaTAC 8000X seine FCC-Zulassung. Das 800 Gramm schwere Gerät in Knochenform kostete 3995 Dollar, besaß eine Gesprächsdauer von gerade mal einer Stunde – und hatte dennoch nach einem Jahr schon dreihunderttausend Käufer gefunden.

Ich selbst war, unter uns, vergleichsweise spät dran mit einem anno 1991 erworbenen Olivetti OCT400. Und trotzdem ein Pionier, der sich für sein „Kasperltelefon“ schief anschauen lassen mußte. Die Unterstellung lautete: Angeberei schlägt Gebrauchswert. Das gab sich dann aber rasch. Zirka dreihundert Gerätegenerationen später – Olivetti, Nokia, Siemens, Sony Ericcson, wo seid ihr hin? – juckt einen ein neues iPhone oder frisch poliertes Betriebssystem dann auch nicht mehr wirklich.

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Eine Antwort to “Verapplet”


  1. […] unschlüssig. Eventuell umgehe ich die Sache, indem ich behaupte, so ein riesiges iPhone sehe beim Telefonieren einfach nur affig aus – und sei sowieso […]


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