Das Geizhals-Syndrom

19. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (233) Benzin- oder Elektromobil? Der Zukunftsmarkt hängt zuvorderst vom Sparwillen der Autokäufer ab.

Jamais_contente

In der vorwöchigen „Presse am Sonntag“-Kolumne habe ich ungeniert meine Faszination für die Spezies Elektroauto durchklingen lassen – durchaus verstörend für Benzinbrüder, aber ich scheine damit nicht ganz allein auf weiter Flur zu sein. Auch wenn die Zulassungszahlen momentan noch am Rand der Wahrnehmungsgrenze herumgrundeln: bald könnte richtig Schwung in die Sache kommen.

Im Fall des Luxusmodells Tesla S, das in Norwegen in punkto Verkaufsstatistik selbst den Brot- & Butter-Boliden VW Golf hinter sich gelassen hat, ist das auf lokale Fördermassnahmen und Privilegien zurückzuführen. Und, klar, auf einen daraus resultierenden, vergleichsweise sehr günstigen Anschaffungspreis und verlockend niedrige Kilometerkosten.

Mittlerweile habe ich den Tesla des Musikproduzenten R., der zu den ersten Besitzern des Fahrzeugs in hiesigen Gefilden zählt, näher in Augenschein genommen. Das macht schon richtig Freude – vom überdimensionalen Touch-Monitor, der das Armaturenbrett ersetzt, bis zur vollkommenen Lautlosigkeit der Fortbewegung. Aber das sind nur erste, flüchtige Impressionen. Was zählt, sind Langzeiterfahrungen. Anyway: ich werde R. mit Flötentönen zu einer ausgedehnten Probefahrt zwingen und Ihnen dann berichten. Auch den BMW i3 habe ich schon auf die Wunschliste gesetzt.

Zuvor aber gilt es etwas zu bereden, was der Fahrzeugbranche – egal, ob Benzin oder Strom – noch mächtig Probleme bereiten wird: die um sich greifende Dumping-Mentalität. Nennen wir das Phänomen das „Geizhals-Syndrom“, das zunächst ja für die Konsumentenseite erfreulich wirkt: wer hat nicht gern ein neues Auto zum billigstmöglichen Preis? Die Möglichkeiten, Vergleiche anzustellen und Angebote systematisch zu durchforsten, sind ja mit dem Internet förmlich explodiert.

Jedoch: die Preisschlacht lässt automatisch auch die Handelsspannen gegen Null tendieren. Und fordert eine gewisse Schlankheit der Serviceleistungen. Auch die tendieren mittlerweile gen Null. Wenn der Automobilmarkt oberflächlich so überhitzt, in Wirklichkeit aber deutlich unterkühlt ist, dass sich die grossen Markenanbieter entweder in forcierten Export oder kaum camoufliertes Sich-gegenseitig-in-den-Ruin-Treiben flüchten, lässt das leider auch wenig Spielraum für die Entwicklungsabteilungen. Aber läge nicht gerade da das Hoffnungsterrain?

Im Schnitt gewähren Autohändler in Deutschland auf die 30 aktuell meistverkauften Modelle 20,1 Prozent Rabatt. Und in „Österreich“ (ja, ich meine die keck nach dem Verbreitungsgebiet benannte Zeitung, die inzwischen mehr einem Verkaufsprospekt ähnelt) überschlägt man sich bei KfZ-Inseraten mit Aktionitis: „Fahren ohne Anzahlung!“, Kurzzulassungen, „Servicegutscheine geschenkt!“, „Preiskracher!“, Superdupersonderkonditionen zum Abwinken. Einen Ford Fiesta gibt es z.B. um knapp über 10.000 Euro, das sind – ohne, dass ich den Taschenrechner zücke -, deutlich über 30 Prozent unter dem Listenpreis. Wozu dann aber überhaupt noch Hersteller-Preislisten? Sind die für die ganz Uninformierten (so wie die offiziellen Verbrauchsangaben)?

Sollen die Wirtschaftsexperten streiten: ist das jetzt ein Zeichen für eine immer grösser werdende Krise – oder für einen fulminanten Aufschwung? Und, wenn letzteres, wo? Oder einfach nur ein Fanal der ewigen Dummheit der Konsumenten, denen vermeintliche Geschenke später umso sicherer und deftiger in Rechnung gestellt werden. Mit Garantie.

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3 Antworten to “Das Geizhals-Syndrom”


  1. […] zum nächsten Supermarkt in Sichtweite ist, werde ich mich – bei aller Sympathie für neue Ideen – nicht umtaufen lassen. Religiöser Eifer war mir immer […]


  2. […] Zunächst mit einem elitären Roadster, nunmehr mit einer halbwegs leistbaren Limousine – dem auch nicht gerade unsportlichen Model S – hat man eine konsequente Philosophie entwickelt. Und erstaunliche Erfolge erzielt. Also: eine Zukunftsperspektive. Naturgemäß stand ein Tesla schon länger auf der Test-Wunschliste. […]


  3. […] Abgasskandal nicht geschwindelt hätte – mit vorauseilender Rückendeckung durch die bequemen Nutzniesser der (im wahrsten Wortsinn billigen und nun extrateuren) Schmähtandelei: uns allen, […]


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