Archive for Dezember, 2013

Partybeschallung

28. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (243) Alles Walzer! Oder eventuell doch Miley Cyrus? Hauptsache im Takt! So werden Sie zum Profi-Discjockey.

iRigMIX_hand

Musik gilt – vollkommen zurecht – als probates Schmiermittel, um beschwingt von einem Jahr ins nächste zu flutschen. Aber die Qual der Wahl, welche Künstler und Songs (bzw. Tracks) zu Gehör gebracht werden, ist keine geringe. Sie setzt Geschmack voraus, dessen Existenz bei den Leserinnen und Lesern dieser Kolumne freilich ausser Zweifel steht.

Ich meine damit: einen eigenen Geschmack im Sinne einer universellen Bildung in Populärkulturangelegenheiten und eines gewissen Raffinements in der Auswahl der tönenden Demonstrationsobjekte – und den Willen, ihn sensibel, aber doch nachdrücklich (und letztlich sogar zwingend) einem Publikum mitzuteilen. Zwingend heisst: nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch eine denk-, ehr- und erinnerungswürdige Party. Also eine wirklich gute Party.

Derlei benötigt einen Plattenreiter, kurz: DJ, oder eine DJane, der/die auch wirklich etwas drauf hat. Das können Sie selbst sein. Wie? Nun: Raketentechnolgie wird hier keine verhandelt. Und perfekt die Beats ineinander mischen müssen Sie nicht extra lernen – im Prinzip gilt es nur keine Pause zwischen den Stücken ihrer Playlist zu machen. Das technische Equipment sollte – der Autor dieser Anleitung geht von unregelmässigem, tendenziell hobbyistischem Gebrauch aus – nicht zu kompliziert, teuer und überkandidelt sein.

Und, ja, es macht Spass, mit Technics-Laufwerken und altertümlichen Vinylschallplatten zu hantieren. Selbst Profis machen das heute noch, oft aber nur mehr, um spezielle Scratch-Programme (z.B. „Serato“) anzusteuern. Mit “normalen” HiFi-Plattenspielern sollten Sie’s nicht versuchen. Aber eine halbwegs brauchbare Stereoanlage hat jeder daheim. Wesentlich ist das Mischpult. Ob sie da einen zweiten CD-Player oder einen Laptop und ein Mikrofon für launige Durchsagen dranhängen, bleibt Ihnen überlassen.

Natürlich können Sie am Computer herumfummeln und MP3s direkt per DJ-Software mischen, aber mit richtigen Schiebereglern macht es klar mehr Spass. Pult-Empfehlung (die Programme gibts gratis dazu): das schlichte, aber professionelle Traktor Kontrol Z1 von Native Instruments. Oder, wirklich kostengünstig, das iRig Mix, mit dem man sogar mit zwei Smartphones einen Abend schmeissen kann.

Nicht übertreiben! Der Weg vom Nachwuchs-David Guetta zum verspielten Tölpel, der allen zeigt, was er genau nicht kann, ist kurz… Man soll Ihnen ja die Hände küssen für Ihre DJ-Fingerfertigkeit. Und das Gerücht, der Mann oder die Frau hinter dem Mischpult wäre grundsätzlich die attraktivste Person im Raum, wurde nie wirklich widerlegt.

Krieger des Lichts

21. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (242) Ihr Nachbar lässt in seinem Garten blinkende Elektro-Hirsche röhren? Nehmen Sie’s als Zeichen gläubigen Fortschritts.

Elektrohirsch

„Überwunden sind die Schrecken der Finsternis. Vorbei sind die Wochen, unter denen ich an qualvoller Winterdepression litt.“ Normalerweise überfliege ich Social Media-Mitteilungen dieser Art nur kurz – persönliche Befindlichkeiten interessieren mich eher weniger, Anmerkungen zu Jahreszeiten und zum Wetter – oh, im Dezember schneit es gelegentlich!? – schon gar nicht. Insofern war ich doch ein wenig verblüfft, dass Facebook-Freund Volker P., den ich für seine durchgehend gescheiten, provokanten und originellen Mitteilungen schätze, nun auch in diese Kerbe schlug.

Scheinbar. Denn P. setze folgendermassen fort: „Jetzt geht in meinem Reiche die Sonne nicht mehr unter. Vor meinem Schlafzimmerfenster ist alles in gleißendes Licht getaucht. Mein Nachbar hat seine sechsspännige Weihnachtskutsche mit blinkenden Elektro-Hirschen in Stellung gebracht.“

Oh, verdammt bekanntes Szenario! Die jahreszeitlich bedingte repräsentative Materialschlacht hebt ja spätestens drei, vier Wochen vor dem Lichterfest an. Leuchtende Sterne, hellauf erstrahlende Weihnachtsornamente, elektrisch flackernde Kerzen, Krippenspiele, Girlanden und Engelsscharen allerorten. Die halbe Stadt liegt im X-Mas-Taumel.

Am Land ist es keinen Deut besser. Ich erinnere mich heute noch daran, wie ich vor Jahrzehnten einmal zur Weihnachtszeit durch das dunkle, neblige, arschkalte Waldviertel gekurvt bin – um dann in irgendeinem gottverlassenen Dorf auf das achte Weltwunder zu stossen: ein Haus, das lichttechnisch vom Kellerfenster bis zum Dachgiebel erstrahlte. Quasi überirdisch, jedenfalls jenseitig – zumal der hypertrophe Glühbirnen-Einsatz ein kleines Atomkraftwerk leergesaugt haben muss. Freue Dich, oh Christenheit! Notfalls helfen wir mit dem Ein-/Aus-Schalter ein wenig nach.

Aber der Drang zum Lichte ist verständlich. Der Fortschritt der Menschheit darf auch in Candela, Lux und Lumen gemessen werden. Womit assoziieren wir Technik im Alltag? Wohl kaum mit Mondlandungen, Nanorobotik oder Magnetresonanztomographie. Eher schon mit scheinbar banalen, selbstverständlichen Dingen wie Fortbewegung, Wärme, Sicherheit oder der Absenz von Dunkelheit. Eben.

Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn zu den grössten Geschenkschlagern der Jetzt-Zeit originelle und innovative Lichtquellen zählen. Es muss ja nicht immer ein Designleuchten-Klassiker sein. Gerade die LED-Technik eröffnet ganz neue Gestaltungs- und Anwendungsmöglichkeiten, etwa Farb- und Stimmungswechsel auf Knopfdruck. Oder per App. Und das ganze, hallelujah!, mit deutlich gesenktem Stromverbrauch. Es werde Licht!

Ersatzbefriedigung

15. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (241) Die wahren Abenteuer sind im Kopf – versuchen Sie das mal Jägern & Sammlern einzureden.

Plattensüchtig

Es gibt einen Faktor, der gegen die unter Technik-Liebhabern und Gadget-Fetischisten weit verbreitete Sammelwut spricht: Platzbedarf. Es nennt nun mal nicht jeder weitläufige Latifundien, großzügig geschnittene Stauräume, Hobbykeller und Garagen sein eigen. Oder gar ein kleines Privatmuseum.

Und wenn doch, tobt nicht selten der Kampf um die paar Kubikmeter Regalfläche – in meinem Fall etwa gilt es, den Lagerplatz für allerlei Fundstücke, Archiv-Trophäen und Gerätschaften (neu und gebraucht) hartnäckig gegen eine Mitbewohnerin zu verteidigen, die das Gärtnern für sich entdeckt hat. Und partout darauf besteht, ihre Pflanzen und Töpfe im gemeinsamen Kabäuschen zu überwintern. Aber wohin dann mit meinen Schätzen?

Nicht einmal der Hinweis, dass man mit historischen Computern, rostigen Autos oder abgegriffenen Kameras bisweilen exorbitante Marktpreise erzielen kann, kitzelt das Spekulationsfieber. Das Horten und Sammeln erscheint nur dem Sammelwütigen als höchstes der Gefühle, für andere ist es eine exaltierte Form der Platzverschwendung. Ärgerlicherweise.

Im Extremfall gilt es, auf das Postulat von André Heller zurückzugreifen: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“. Und für Ersatzbefriedigung zu sorgen. Man kann z.B. Bücher über das Sammeln sammeln. Und in Betrachtungen schwelgen, die die umfangreichen, teuren und vor allem platzfressenden Kollektionen glücklicher Seelenverwandter zum Inhalt haben. Ohne selbst übermässig viele Regalmeter dafür zu verschwenden.

Freunden der analogen Musikreproduktion möchte ich an dieser Stelle zwei einschlägige Werke an Herz legen. Da wäre einmal „Passion for Vinyl“, ein wunderschön gestaltetes Buch (Untertitel: „A tribute to all who dig the groove“) über Plattensammler der leicht überdrehten Sorte (einer davon besitzt 750.000 LPs, nur so als Hinweis).

Und, zweitens, „Plattensüchtig – Expeditionen in eine andere Welt“ von Jürgen Schmich, der in Deutschland und Österreich sieben handverlesene Vinyl-Junkies und Musik-Afficionados zum Interview gebeten hat. Irgendwo in diesem schmalen Band, der im Eigenverlag erschienen ist, fällt der denkwürdige Satz: „Es gibt eh nur zwei Typen von Menschen: Sammler und Nichtsammler.“ Punkt. Wobei die Spezies Sammler jene der Jäger subsummiert. Und die der Nichtsammler – ach, lassen wir das.

Die Bezugsquellen für beide Bücher finden Sie leicht, fast schon zu leicht im Netz. Es gibt kein besseres Placebo, um kurz- und eventuell auch langfristig den Hausfrieden zu retten.

Ich bin ein Gedankenverbrecher

9. Dezember 2013

Wollen wir die totale Überwachung? Die Frage ist eine aufreizend ohnmächtige: wir haben sie ja schon – die annähernd lückenlose, realpolitisch sanktionierte und ungeniert praktizierte Überwachung unseres Planeten. Und unser aller Leben. Nicht die Geheimdienste sind dafür verantwortlich, nicht das Militär, der Kreml, die Chinesen oder der US-Präsident – wir sind es selbst. Täter, Opfer, Beobachter und Beobachtete zugleich.

DATUM

Ich schreibe diesen Text aus der Sicht eines ehemals Arglosen. Bald ist Weihnachten, man heisst die vorgeblich stillste Zeit des Jahres willkommen oder auch nur ein paar arbeitsfreie Tage. Und doch herrscht – kaum offen artikuliert, aber weithin spürbar – eine seltsame Aufgeregtheit, eine unterschwellige Aggression, eine dumpfe Unzufriedenheit und Furcht vor dem, was kommen mag.

In Österreich hat man gerade eine Wahl hinter sich gebracht. Sie bestätigte jene politischen Kräfte im Amt, die man zwar weithin als Teil des Problems und nicht der Lösung identifiziert hat, aber für deren Erneuerung oder gar Ablösung der gesellschaftliche Wille fehlt. Konservativismus rules OK. Immerhin gelten der Rechtspopulist Strache und seine Recken weiten Kreisen der Bevölkerung nicht als Heilsbringer. Noch nicht (aber das ist vielleicht zu pessimistisch gedacht und im Gesamtkontext vergleichsweise bedeutungslos). Dass die Chefetage mit zunehmenden Struktur- und Finanzproblemen zu kämpfen hat und draus resultierenden Erklärungsnöten, wird als lässliche Routine gesehen, jedenfalls als bewältigbare Aufgabenstellung.

Was werden spätere Generationen über diese Zeit denken, wissen, schreiben? „Sie fühlt sich an wie ein zunehmend surrealistisches Spektakel, eine Einführung auf kommende Ungeheuerlichkeiten“, habe ich öffentlich notiert, eine „Versuchsstation des Weltuntergangs“. Karl Kraus zu zitieren ist wohl doppelt bedenklich: er war unter jenen, die den Ersten Weltkrieg erahnten, aber lange schwieg – bevor er zu einer intellektuellen Abrechnung in Form des Theaterstücks „Die letzten Tage der Menschheit“ ansetzte. Nun: wir schreiben nicht 1913, sondern das Jahr 2013. Bislang hat die Menschheit überlebt.

Wenn Sie meinen, derlei Pathos sei intellektueller Ironie oder gar Zynismus geschuldet und die Lage vielleicht ernst, aber nicht hoffnungslos, verlassen wir das enge, aber irgendwie doch wärmende Menschennest Österreich (in dem seit jeher die Regel gilt, die Lage sei zwar hoffnungslos, doch gewiss nicht ernst). Öffnen Sie das Fenster zur Welt: diese Gesellschaft befindet sich im Krieg.

Es ist, wiewohl seitens der Vereinigten Staaten von Amerika der „Krieg gegen den Terror“ zur herrschenden Doktrin erklärt wurde, kein angekündigter, öffentlicher, offener Krieg. Man kennt auch den Gegner nur vage. Wir erinnern uns: nach dem Fanal der Ereignisse des 11. September 2001 wurden umgehend Osama Bin Laden und sein Netzwerk al-Quaida zu Symbolen einer antagonistischen, dunklen Machtsphäre (v)erklärt. Aber der saudiarabische Terrorpate mit den sanften Gesichtszügen ist längst tot. Von einer US-Spezialeinheit exekutiert. Und al-Quaida weitgehend nur mehr ein Mythos. Mission accomplished. Man könnte meinen, es könne wieder Entspannung und Alltag einziehen auf diesem Planeten. Das Gegenteil ist der Fall.

Es herrscht weiterhin Krieg. Wer ist der nächste Bin Laden? Oder auch nur ein vereinzelter Irrer, der meint, einen Druckkochtopf mit Sprengstoff und Nägeln und Flüchen füllen zu müssen? Jede Regung, Äusserung und Spur humanen Lebens steht unter dieser Prämisse unter strikter Beobachtung. Kommunikation ist Big Data-Terrain. Der Grosse Bruder längst Realität. Die Enthüllungen des „Whistleblowers“ – was für ein schnödes Etikett für eine unendlich mutige Tat – Edward Snowden zeigen nur auf, was man längst ahnte: wir bespitzeln uns gegenseitig. Rund um die Uhr. Allseits. Allerorten. Stehen unter Generalverdacht. Stellen uns selbst unter Generalverdacht. Es gibt keine Feinde mehr, weil es auch keine Freunde mehr gibt.

Jede Grundsatzerklärung, jedes Gesetz, selbst die Deklaration der Menschenrechte ist ein Relikt aus fernen, besseren, eventuell aber auch nur naiveren Zeiten. Zeiten, in denen man nicht wissen konnte oder musste, was sich hinter harmlos funkelnden Namen wie „Prism“, „Echelon“, „Tempora“, „Indect“ oder Kürzeln wie „NSA“ oder „GCHQ“ verbirgt. Die Menschheit befindet sich im Krieg mit sich selbst. Und jede Partei hat ihre Spähtruppe.

Nur tu felix Austria nicht. Oder doch? Jedenfalls war bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüssigt, demonstrativ empört zu sein. Der Bundeskanzler eilte in die EU-Zentrale. Der Verteidigungsminister – zuständig nicht zuletzt für den hiesigen Geheimdienst – schwieg. Und schweigt bis heute. Und ein paar Pappenheimer, darunter ich, spazierten frischfröhlich zu einer Villa in Wien-Pötzleinsdorf, die augenscheinlich als dezent getarnte Datenkrake und Abhörstation der US-Behörden dient. Mitten in einer gut situierten Stadtrandgegend. Bewacht von der Wiener Polizei. Eine Operettenkulisse: in Berlin spioniert man das deutsche Parlament und die Bundeskanzlerin bequemerweise von der amerikanischen Botschaft aus, die nur ein paar hundert Meter vom Reichstag entfernt liegt. Aber auch hier scheint die Empörung für jene, gegen die sie sich richtet, bewältigbar.

Neben der globalen Überwachung des Telefonverkehrs, des Internets und jeder Form elektronischer Kommunikation, dem Anzapfen von Kupferkabeln und Glasfaserleitungen und der kaum verhohlenen “Kooperation” mit IT-Konzernen wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook, der Kollektivsammlung von Verkehrsdaten, Computerkassen und GPS-Standortbestimmungen findet selbst eine Protokollierung des altertümlichen Briefverkehrs statt. Zumindest im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Absender und Empfänger werden vom U.S. Postal Service gescannt – rund 160 Milliarden Briefe, Pakete und Postkarten pro Jahr. Immerhin: in die Poststücke reinzuschauen traut man sich angeblich nur auf richterliche Anordnung. Angeblich.

Die solchermassen gesammelten Beobachtungen machen nur einen Bruchteil der Datenmengen aus. Daten, die, von Experten analysiert und bewertet, vielfältig nutzbar sind. Um – Stichwort „Vorratsdatenspeicherung“ – seine Schäfchen denkbarpräzise einschätzen zu können, in ihrem Konsumverhalten genauso wie in Hinsicht auf individuelle Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten.

Ich teile nicht die Enttäuschung über dieses unendlich absurde, aus Sicht der Big Data-Handelsagenten aber nur konsequente Szenario, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ahnungslosen, verlogenen, machtlosen, erpressten (weil nunmehr grundsätzlich erpressbaren) oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der Experte Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Und wer nichts zu verbergen habe, habe gewiss auch nichts zu befürchten. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. “Mehr Leute sterben durch herabfallende Fernseher”, so die “New York Times”, “und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.” Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für „Heimatschutz“ und Bürgerbespitzelung ausgegeben. Der militärisch-industrielle Komplex? In der Tat. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man “es gewußt” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln. Terrorprävention ist das Geschäftsmodell der Stunde. Die Handelsware ist Angst. Man – wer? – kassiert Millionen, Milliarden, Billionen aus Steuergeldern (also: von uns allen), die anderswo fehlen (uns allen nämlich), um vage Eventualitäten mit horrenden Absurditäten zu bekämpfen. Paranoia rules OK.

Was aber, wenn diese Erkenntnis und die daraus resultierende Bestürzung Über- und Gegendruck zeitigt? Er muss sich nicht in Internet-Bastelanleitungen für Druckkochtöpfe manifestieren. Seltsamerweise wirkt aber unsere Politik, unsere Zivilgesellschaft, unser Gemeinwesen weithin uninteressiert, träge, geradezu sediert. Operierten Geheimdienst nicht immer geheim? Was soll man da schon dagegen tun? Es herrscht Krieg, aber was geht er uns an?

Nicht nur ausgewiesene Verschwörungstheoretiker greifen zur These, dass die wenigen Ausnahmeexemplare inmitten der allgemeinen gesellschaftlichen Apathie – die notorischen Bedenkenträger, die Systemkritiker, die Snowden-Gefolgsleute – längst „getagged“ sind. Punziert. Im Visier der Datensammler und Geheimdienstfertigen. Ja: wir sind erpressbar. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts ahnen. Oder gar wissen. Begehen wir nicht alle in unserer unendlichen Harmlosigkeit und Naivität – man hole wieder einmal die abgegriffene „1984“-George Orwell-Ausgabe aus dem Regal – „Gedankenverbrechen“? Täglich, stündlich, minütlich?

Die absichtsvolle Fragestellung und Verknüpfung all dieser Worte, Beobachtungen und Gedanken ist, so sich „Datum“ zum Abdruck entschliesst oder dieser Blog die Zeit überdauert, auf ewig festgehalten im kollektiven Speicher. Wo man früher Artikel mit der Schere ausschnitt und, mit Randnotizen bekritzelt und in Dossiers eingeklebt, im Aktenschrank oder Kellerarchiv bunkerte, reicht heute die elektronische Indizierung. Tagged: Walter Gröbchen, anno 2013 Staatsbürger der demokratischen Republik Österreich, ist ein Gedankenverbrecher. Er meint, es zähle nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. „Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.“

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ich schrieb diese Worte aus der Sicht eines ehemals Arglosen.

Die Anti-Auto-Religion

7. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (240) Vom Fetisch zum Hassobjekt – müssen wir uns an eine Zukunft ohne Auto gewöhnen?

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Diese Kolumne zu schreiben fällt mir ungewöhnlich schwer. Denn sie fußt allein auf einer diffusen Gefühlslage. Und einem Essay von Matthias Matussek, veröffentlicht in einer „Spiegel“-Ausgabe vom Oktober dieses Jahres.

Ich habe mir seine Zeilen aus dem Heft herausgerissen und trage sie nun schon einige Wochen, fein säuberlich gefaltet, mit mir herum. Der Artikel trägt den Titel „Staatsreligion“, er ist illustriert mit zwei hübschen Damen vor einem knallroten, in der Sonne glänzenden 70er-Jahre-Porsche Carrera. Die Unterzeile aber lautet: „Die Deutschen liebten das Auto. Jetzt hassen sie es.“

Das bringt die Sache auf den Punkt: es findet gerade ein machtvoller Paradigmenwechsel statt, und natürlich lassen sich die Verhältnisse in Deutschland 1:1 auf Österreich übertragen. Vielleicht sogar auf ganz Europa. Das Auto – der Fetisch der Nachkriegsgeneration, das Symbol individueller Freiheit, die heilige Kuh des Durchschnittsbürgers – gerät aus der Mode. Wie der Marlboro-Mann. Oder das Vertrauen in Banken. Oder der Katholizismus.

„Der moderne Mensch macht sich nichts mehr aus Autos“, schreibt Matussek. „Außer er kann die der anderen verbieten.“ Es klingt weniger provokant denn resigniert. Überall Emissionshysteriker und grüne Wiedertäufer. Das neue Dogma laute: Umweltverträglichkeit, Car-Sharing, Elektromobilität oder wahlweise eine frischfröhliche Alle-aufs-Fahrrad!-Ideologie.

„Nennen wir es“, so steht’s im „Spiegel“ zu lesen, „die Religion der Selbstgerechten“. Dabei hat der Essayist noch nicht mal den aktuellen „Falter“ erblickt, der einen Grazer Stadtplaner mit dem Leitsatz „Zu Fuß gehen ist die elementare Logik der Stadt“ zitiert. Oder die peinlichen Querelen um die Wiener Mariahilferstrasse verfolgt. Oder gar einen Kaffee mit dem einstmals ketzerischen, heute längst tugendhaften Verkehrsexperten Professor Knoflacher („Das Auto ist ein Virus“) getrunken.

Zweifelsfrei ist, fragen Sie mal die Autohändler und Marketingkanonen der Pkw-Industrie!, der fahrbare Untersatz mit Verbrennungsmotor in die Defensive geraten. Und selbst boomende Modeerscheinungen wie die Spezies SUV (Statussymbol urbaner Vizeoberförster) zeigen ein Versagen der Chefetagen: Autos, zu fett, zu voluminös, zu dämlich für das 21. Jahrhundert.

Aber bevor nicht ein praktikabler, leistbarer, sinnvoller Ersatz für eine, sagen wir mal: fünfköpfige Familie mit Hund und Katz’ und einer Wohndistanz von acht Kilometern zum nächsten Supermarkt in Sichtweite ist, werde ich mich – bei aller Sympathie für neue Ideen – nicht umtaufen lassen. Religiöser Eifer war mir immer zuwider.

Buchhaltung

1. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (239) Es mag immer noch gute Gründe geben, auf Ebooks zu verzichten. Besonders im Urlaub wiegen sie dann richtig schwer.

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Ich bin gerade auf Urlaub. Und einmal mehr ärgere ich mich darüber, dass der schwerste Teil des Gepäcks aus Büchern und Zeitschriften besteht. Sie machen einen halben Koffer voll, den ich quer durch Vietnam schleppe, von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Hanoi und wieder zurück. Ja, ich mag Papier (wie ich an dieser Stelle schon mehrfach festgehalten habe). Aber ich schaue auch neugierig und ein wenig eifersüchtig über den Bücherrand, wenn sich am Hotelpool neben mir jemand mit einem Ebook-Reader auf die Liege fläzt.

Die Leute wirken ja nicht gerade unglücklich mit ihren taschenbuchgrossen Geräten, auf die sie leidlich entspannt starren. Im Gegenteil: gelegentlich scheint mir, sie werfen ihrem altmodischen Nachbarn leicht amüsierte Blicke zu, die mit jedem Augenaufschlag eine unterschwellige Aufforderung kommunizieren: trau’ Dich doch, es tut gar nicht weh!

Tatsächlich habe ich mich vor dem Abflug noch einen halben Tag lang in Wien herumgetrieben, weil ich ahnte, dass es so kommen würde. Und weil ich ernsthaft vorhatte, den Urlaub für einen Praxis-Test in Sachen Ebooks zu nutzen. Natürlich war das Rumlaufen schon ein Fehler: man recherchiert heute nicht mehr, welches das individuell beste Gerät ist, indem man die Begegnungszone MaHü der Länge und Breite nach durchmisst.

Jedenfalls konnte (oder wollte) man mir z.B. in der Buchhandelskette Thalia kein Exemplar des hochgelobten, aber nicht unumstrittenen Kindle Paperwhite zeigen, sondern nur die Hausmarke Tolino. Beim PC-Diskonter ein Stockwerk tiefer – ein Fremdkörper in einem Kulturkaufhaus, wenn Sie mich fragen – hat man zwar alle möglichen Tablets und überdimensionalen Smartphones, aber in Sachen Ebook-Reader seltsamerweise fast nichts im Angebot (außer Schutzhüllen für ein Gerät von Sony). Und wenn man dann alle Elektronikmärkte zwischen Westbahnhof und Zweierlinie abklappert, ist man auch kaum schlauer.

Was nervt, ist vor allem der Hinweis, man möge doch auf die Kompatibilität mit bestimmten Lieferanten und Textformaten achten. Weil da die Hardware-Hersteller und Verlage gern ihr eigenes Süppchen kochen.

Ja, kruzitürken!, meine Bücher sind alle zu 100 Prozent kompatibel mit meinen Sehorganen und Gehirnwindungen, ausser ich erwische vielleicht mal irrtümlich eine vietnamesische Ausgabe des neuen Romans von Thomas Glavinic. Aber ich ahne, dass sich diese trotzige Ausrede, letztlich doch ohne Ebook-Reader in den Urlaub abzurauschen und mit Tonnen von Papier um den halben Erdball zu fliegen, auf Dauer nicht wird halten lassen.

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