Ersatzbefriedigung

15. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (241) Die wahren Abenteuer sind im Kopf – versuchen Sie das mal Jägern & Sammlern einzureden.

Plattensüchtig

Es gibt einen Faktor, der gegen die unter Technik-Liebhabern und Gadget-Fetischisten weit verbreitete Sammelwut spricht: Platzbedarf. Es nennt nun mal nicht jeder weitläufige Latifundien, großzügig geschnittene Stauräume, Hobbykeller und Garagen sein eigen. Oder gar ein kleines Privatmuseum.

Und wenn doch, tobt nicht selten der Kampf um die paar Kubikmeter Regalfläche – in meinem Fall etwa gilt es, den Lagerplatz für allerlei Fundstücke, Archiv-Trophäen und Gerätschaften (neu und gebraucht) hartnäckig gegen eine Mitbewohnerin zu verteidigen, die das Gärtnern für sich entdeckt hat. Und partout darauf besteht, ihre Pflanzen und Töpfe im gemeinsamen Kabäuschen zu überwintern. Aber wohin dann mit meinen Schätzen?

Nicht einmal der Hinweis, dass man mit historischen Computern, rostigen Autos oder abgegriffenen Kameras bisweilen exorbitante Marktpreise erzielen kann, kitzelt das Spekulationsfieber. Das Horten und Sammeln erscheint nur dem Sammelwütigen als höchstes der Gefühle, für andere ist es eine exaltierte Form der Platzverschwendung. Ärgerlicherweise.

Im Extremfall gilt es, auf das Postulat von André Heller zurückzugreifen: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“. Und für Ersatzbefriedigung zu sorgen. Man kann z.B. Bücher über das Sammeln sammeln. Und in Betrachtungen schwelgen, die die umfangreichen, teuren und vor allem platzfressenden Kollektionen glücklicher Seelenverwandter zum Inhalt haben. Ohne selbst übermässig viele Regalmeter dafür zu verschwenden.

Freunden der analogen Musikreproduktion möchte ich an dieser Stelle zwei einschlägige Werke an Herz legen. Da wäre einmal „Passion for Vinyl“, ein wunderschön gestaltetes Buch (Untertitel: „A tribute to all who dig the groove“) über Plattensammler der leicht überdrehten Sorte (einer davon besitzt 750.000 LPs, nur so als Hinweis).

Und, zweitens, „Plattensüchtig – Expeditionen in eine andere Welt“ von Jürgen Schmich, der in Deutschland und Österreich sieben handverlesene Vinyl-Junkies und Musik-Afficionados zum Interview gebeten hat. Irgendwo in diesem schmalen Band, der im Eigenverlag erschienen ist, fällt der denkwürdige Satz: „Es gibt eh nur zwei Typen von Menschen: Sammler und Nichtsammler.“ Punkt. Wobei die Spezies Sammler jene der Jäger subsummiert. Und die der Nichtsammler – ach, lassen wir das.

Die Bezugsquellen für beide Bücher finden Sie leicht, fast schon zu leicht im Netz. Es gibt kein besseres Placebo, um kurz- und eventuell auch langfristig den Hausfrieden zu retten.

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