Krieger des Lichts

21. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (242) Ihr Nachbar lässt in seinem Garten blinkende Elektro-Hirsche röhren? Nehmen Sie’s als Zeichen gläubigen Fortschritts.

Elektrohirsch

„Überwunden sind die Schrecken der Finsternis. Vorbei sind die Wochen, unter denen ich an qualvoller Winterdepression litt.“ Normalerweise überfliege ich Social Media-Mitteilungen dieser Art nur kurz – persönliche Befindlichkeiten interessieren mich eher weniger, Anmerkungen zu Jahreszeiten und zum Wetter – oh, im Dezember schneit es gelegentlich!? – schon gar nicht. Insofern war ich doch ein wenig verblüfft, dass Facebook-Freund Volker P., den ich für seine durchgehend gescheiten, provokanten und originellen Mitteilungen schätze, nun auch in diese Kerbe schlug.

Scheinbar. Denn P. setze folgendermassen fort: „Jetzt geht in meinem Reiche die Sonne nicht mehr unter. Vor meinem Schlafzimmerfenster ist alles in gleißendes Licht getaucht. Mein Nachbar hat seine sechsspännige Weihnachtskutsche mit blinkenden Elektro-Hirschen in Stellung gebracht.“

Oh, verdammt bekanntes Szenario! Die jahreszeitlich bedingte repräsentative Materialschlacht hebt ja spätestens drei, vier Wochen vor dem Lichterfest an. Leuchtende Sterne, hellauf erstrahlende Weihnachtsornamente, elektrisch flackernde Kerzen, Krippenspiele, Girlanden und Engelsscharen allerorten. Die halbe Stadt liegt im X-Mas-Taumel.

Am Land ist es keinen Deut besser. Ich erinnere mich heute noch daran, wie ich vor Jahrzehnten einmal zur Weihnachtszeit durch das dunkle, neblige, arschkalte Waldviertel gekurvt bin – um dann in irgendeinem gottverlassenen Dorf auf das achte Weltwunder zu stossen: ein Haus, das lichttechnisch vom Kellerfenster bis zum Dachgiebel erstrahlte. Quasi überirdisch, jedenfalls jenseitig – zumal der hypertrophe Glühbirnen-Einsatz ein kleines Atomkraftwerk leergesaugt haben muss. Freue Dich, oh Christenheit! Notfalls helfen wir mit dem Ein-/Aus-Schalter ein wenig nach.

Aber der Drang zum Lichte ist verständlich. Der Fortschritt der Menschheit darf auch in Candela, Lux und Lumen gemessen werden. Womit assoziieren wir Technik im Alltag? Wohl kaum mit Mondlandungen, Nanorobotik oder Magnetresonanztomographie. Eher schon mit scheinbar banalen, selbstverständlichen Dingen wie Fortbewegung, Wärme, Sicherheit oder der Absenz von Dunkelheit. Eben.

Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn zu den grössten Geschenkschlagern der Jetzt-Zeit originelle und innovative Lichtquellen zählen. Es muss ja nicht immer ein Designleuchten-Klassiker sein. Gerade die LED-Technik eröffnet ganz neue Gestaltungs- und Anwendungsmöglichkeiten, etwa Farb- und Stimmungswechsel auf Knopfdruck. Oder per App. Und das ganze, hallelujah!, mit deutlich gesenktem Stromverbrauch. Es werde Licht!

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