Archive for Februar, 2014

Plattenspielerei

23. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (251) Der heimische Plattenspieler-Produzent Pro-Ject definiert die Einsteigerklasse elementar neu.

Pro-Ject Elemental

Hoch an der Zeit, die Allgemeinplätze hinter sich zu lassen – und mögen sie sich noch so trivialphilosophisch durchmessen lassen – und wieder mal über greifbare Produkte zu schreiben. Konkrete Daten, Zahlen und Fakten. Und profunde Urteile zu aktuellen Spielzeug-Objekten der Erwachsenenwelt. Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert – und immer an die Leser denken!, um einen Spruch des ehemaligen „Focus“-Chefredakteurs Helmut Markwort abzuwandeln.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn wenn ich hier und jetzt meiner Begeisterung über ein neues Plattenspieler-Modell der Marke Pro-Ject Ausdruck verleihe – die „Elemental“-Baureihe, um exakt zu sein –, höre ich schon die Meckeranten und Misanthropen ihre Messer wetzen. Warum? Erstens: weil der „Elemental“ die neue Benchmark im Bereich der Billig-Plattendreher mit Qualitätsanspruch ist. Sein unverbindlich empfohlener Verkaufspreis beträgt keine 200 Euro (mit USB-Anschluß und Phono-Vorstufe einen Fünfziger mehr). Darunter gibt es nur Kinderkram und Plastikware aus Taiwan.

Zweitens: weil das Design dieses HiFi-Geräts radikal abgespeckt ist. Es sieht wirklich filigran aus – und ist es partiell auch: die Tonarm-Ablage meines Testexemplars ist gleich beim Auspacken abgebrochen (was aber zugegebenermassen mehr über meine Patschertheit erzählt als über die Bauqualität von Pro-Ject).

Drittens: der Hersteller ist eine österreichische Firma. Und zugleich Weltmarktführer in dieser speziellen Nische, die merkbar breiter und breiter wird. Musikenthusiasten scheinen sich rund um den Globus darauf geeinigt zu haben, die CD sterben zu lassen und kabellos Audio-Files von der Festplatte oder wahlweise von Streaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer abzurufen. Gilt es aber, Robbie Williams, Helene Fischer, Marteria oder Garish in höchster Qualität zu geniessen – sagen wir mal, in einem bequemen Leder-Ohrensessel bei einem guten Glas Wein –, ist die Schallplatte das Objekt der Wahl. Und das gilt auch in Zukunft. Das Comeback von Vinyl selbst bei Elektro-Discountern und Grosshandelsketten spricht Bände.

Jetzt gibt es aber eine alteingessene Gemeinde von High End-Fetischisten, die dann sicher murren: das kann nix sein. Ein Design-Turntable „made in Austria“ zum Niedrigstpreis, der absolut unkompliziert ist, richtig brauchbar klingt und zum Verkaufsschlager auch bei Käufern unter 40 Jahren werden könnte – das grenzt an Blasphemie. Nun: für diese Silberrücken-Gemeinde gibt es andere Kultmarken. Auch ich überlege gerade, zu meinen Thorens-, Technics-, Dual-, Lenco- und Rega-Laufwerken noch einen Linn Sondek LP12 zu stellen. Aber der Pro-Ject „Elemental“ bleibt ebenfalls im Haus. Definitiv.

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Zukunftsforschung

15. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (250) Wenn Sie diese Zeilen in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch lesen können, ist alles gut gegangen.

On-Off Switch

Wenn das Internet nichts und niemanden vergisst, wie die Sage geht, dann schreibe ich hier für die Ewigkeit. Das ist, zugegeben, eine hohe Bürde: die allwöchentliche Veröffentlichung ein paar rasch und beiläufig hingeworfener Sätze soll den Test der Zeit bestehen.

Aber worin besteht dieser Test? Darin, dass sich einst – sofern dieser Planet dann noch um die Sonne kreist – überhaupt irgendjemand an Herrn Gröbchen, seines Zeichens Maschinenraumpfleger und Lohnschreiber des frühen 21. Jahrhunderts, erinnert? Darin, dass ein paar ferne Nachfahren den digitalen Nachlass verwalten? Oder darin, dass sich aus den gesammelten Werken für Historiker der Zukunft punktuell signifikante Beobachtungen und Entwicklungen extrahieren lassen?

Vielleicht ist eine Kolumne wie diese ja auch nur ein Zettelkasten voller Witze, Skurrilitäten und Fußnoten für die Technik-Experten und Sozialforscher folgender Generationen. Wie immer: es gilt der alte Merksatz „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain oder Niels Bohr zugeschrieben wird. Zumindest diese Erkenntnis hat den Test der Zeit bestanden.

Oder etwa doch nicht? Denn noch bin ich nicht im greisenhaften Alter, mich nicht daran erinnern zu können, dass 2013 das Jahr war – und das ist wahrlich nicht lange her –, in dem in Mainstream-Medien der Macht der Computeralgorithmen erstmals die Planbarkeit und Vorhersage individueller Lebensregungen zugeschrieben wurde. Und zwar ernsthaft, wenn auch mit jener Beiläufigkeit, die uns gemeinhin den alltäglichen Lauf der Dinge wahrnehmen lässt. Bis dahin waren „Big Data“, „Reality Mining“ und „Post Privacy“ ein Thema für IT-Fachleute, Geheimdienst-Mitarbeiter und Science Fiction-Autoren.

Aber die Idee z.B., Verbrechen verhindern zu wollen, bevor sie noch begangen werden – Sie erinnern sich an den Hollywood-Reisser „Minority Report“? – hat Implikationen, die das kollektive Zu-Ende-Denken noch nicht mal den Startschuß hören hat lassen. Es ist, wage ich hier und heute zu behaupten, das Ende der Unschuldsvermutung. Wenn wir freiwillig, ja lustvoll – ja, ich habe da banalerweise Facebook, Twitter & Co. im Hinterkopf – unsere Psychogramme zeichnen helfen und zugleich zulassen, dass sie mit objektiven Daten und Taten ergänzt werden – egal ob sie aus der elektronischen Krankenakte ELGA stammen, von der Überwachungskamera im Beserlpark festgehalten wurden oder dem letzten Hort der unmoderierten Meinungsfreiheit, dem eigenen Blog, nachzulesen sind –, wen können wir dafür verantwortlich machen ausser uns selbst?

Im übrigen wage ich auch die Prognose, dass dem „ewigen Speicher“ Internet diese Zeilen verloren gehen werden. Denn wenn sie zu einem beliebigen Zeitpunkt auch nur annähernd relevant sind, würden sie mit Sicherheit gelöscht. Die Vergangenheit gehört jenen, die sie in Zukunft am perfektesten fälschen werden. Schlichtes Vergessenwerden ist mir lieber.

Zauberkasten

9. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (249) Schicke Oberflächlichkeit ist Trumpf in der heutigen Medienwelt – eine fatale Entwicklung.

Dampfmaschine

Da diese Kolumne, wenn ich den Zählerstand richtig ablese, die zweihunderneunundvierzigste in einer langen Reihe von „Maschinenraum“-Kolumnen ist und demnächst also soetwas wie ein rundes Jubiläum dräut, drängt es mich, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Zumal jenes Gerät, das ich seit Wochen der werten Leserschar vorführen und anpreisen möchte, nicht und nicht daher kommt. Aber so ist das nun mal im ewigen Spannungsfeld zwischen Erwartung und Realität, in dem Marketing, PR und Berichterstattung fröhlich Ping-Pong spielen.

Also machen wir mal die alltägliche Arbeit selbst zum Thema. Denn es ist Arbeit, wenn man die Sache ernst nimmt. Ich bewundere Kollegen (leider sind Frauen in diesem Metier immer noch seltene Ausnahmen), die sich wirklich Zeit und Muße nehmen, Dinge genauer unter die Lupe zu nehmen. Und die auch die entsprechende Sachkenntnis und Seriosität mitbringen, um nicht nur an der schicken Oberfläche dieser und jener Gadgets, Entwicklungen und Novitäten zu kratzen (wie leider der Schreiber dieser Zeilen allzuoft auch). Ob das nun ein Redakteur bei ORF.ON ist, der der Fotografie zugeneigt ist und neue Kameras auf Herz und Nieren testet, die Crew der „Spielzeug“-Warte in der „Presse am Sonntag“ oder ein Reporter, der den Chef des Dampfreiniger-Weltmarktführers interviewt und nebenher dessen Gerätepark plastisch vorführt. Good job.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Dieses Axiom des Science Fiction-Autors Arthur C. Clarke ist ja das Leitmotiv jedes technikbegeisterten Journalisten. Die bisweilen kindliche Faszination an den magischen Objekten weiterzugeben ist nicht verwerflich, sofern nicht auch der fundierte Versuch einer Entzauberung erfolgt. Nicht wenige Hersteller haben ja kaum mehr drauf als billige Taschenspielertricks und noch billigere Fertigungsstrassen in China.

Und leider, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, leben auch Medienunternehmen, Zeitungshäuser, Herausgeber und Chefredakteure nicht selten von prekärem Hobbyisten-Enthusiasmus und einem lässlichen Umgang mit komplexer Materie. Technikjournalismus läuft über weite Strecken unter denselben zauberhaft halbseidenen Rahmenbedingungen und Prämissen wie Lifestyle-, Society- oder Popkulturberichterstattung. Copy/Paste rules OK?

Immerhin: meine heutige kleine Beschwerde – in der Online-Welt würde man sie „rant“ nennen, also: spontanes emotionales Gemecker – ist garantiert nicht von einem PR-Waschzettel abgeschrieben.

Generation iNewsroom

1. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (248) Innovative Journalisten und eitle Selbstdarsteller sollten dringend in neue Technik investieren.

recording app

Im Journalismus geht gerade ein Gespenst um. Es heisst „Zentraler Newsroom“ und soll eine Art eierlegende Wollmilchsau der modernen Medienwelt sein. Oder auch nur, man wird sehen (und lesen und hören), ein Papiertiger, der sich hinter sogenannten „Synergieeffekten“ verbirgt. Und letztlich für nichts anderes steht als für einen beinharten Sparkurs der Chefetage und der Medieneigner.

Denn diese ominöse zentrale Schaltstelle ist zumeist „trimedial“ angelegt – also als Ort, an dem Texte (zuvorderst für den Online-Auftritt), Töne und Bilder gleichberechtigt erdacht, verwaltet, produziert und kanalisiert werden. Jeder Reporter und jede Berichterstatterin soll in Hinkunft sowohl einen Bleistift als auch eine Kamera und ein Mikrofon halten und kompetent nutzen können. Tatsächlich macht das ja Sinn – nicht zuletzt, weil die Konsumenten ihrerseits längst über einen multimedialen Park eleganter Empfangsgeräte verfügen: vom ans Internet angebundenen TV-Gerät bis zum hochgerüsteten Laptop, Tablet oder Smartphone.

Die Qualität der Nachrichten und Neuigkeiten zukünftiger Medien wird – einmal abgesehen von der Anzahl, Ausbildung und individuellen Agilität der beschäftigten Mitarbeiter/innen – also auch stark von der Technik bestimmt. Die Digitalisierung ermöglicht, wie in anderen Bereichen, billigere Produktion, niedrigschwelligen Zugang und unkomplizierte Vernetzung. An dieser Stelle wage ich eine Prognose: der Trend zu nicht-institutionalisiertem, eventuell sogar nur hobbyistischem, aber nicht minder ernsthaftem Schwarm-Journalismus wird anhalten.

Sie erinnern sich an meine vorwöchige Kolumne, die den ärgerlichen Ball samt Ball-Radau rund um die Wiener Hofburg zum Aufhänger hatte? Nun: die brisantesten, aktuellesten und aussagekräftigsten Töne und Bilder kamen nicht aus hochprofessionellen Übertragungswägen. Und einen guten Teil der Diskussionsanstösse lieferte nicht „Im Zentrum“, sondern Facebook, Twitter und diverse Blogs.

Natürlich ist, wo viel Licht ist, auch viel Schatten. Und jenseits der Frage, ob die Neuen Medien nicht zuvorderst ausgeprägten Selbstdarstellern, eifrigen Nachwuchs-Demagogen und eitlen Selfie-Botschaftern – solche soll es ja auch unter den Top-Journalisten des Landes geben – eine Plattform bieten, ist die technische Grundausstattung immer verbesserungsfähig. Mit iPhones und Gratis-Recording-Apps lassen sich halt nur Amateurreportagen gestalten (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ich habe letztens versprochen, der Generation iNewsroom auf die Sprünge zu helfen. Und dazu ein prototypisches Gerät – quasi eine persönliche zentrale Newsroom-Produktionseinheit – im Hinterkopf: den Camcorder Legria mini X von Canon. Weil er aber brandneu ist (und noch nicht in den Geschäften steht), konnte ich bislang kein Testexemplar entgegennehmen. Ohne geht aber nix. Konklusio: Fortsetzung folgt.

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