Zukunftsforschung

15. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (250) Wenn Sie diese Zeilen in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch lesen können, ist alles gut gegangen.

On-Off Switch

Wenn das Internet nichts und niemanden vergisst, wie die Sage geht, dann schreibe ich hier für die Ewigkeit. Das ist, zugegeben, eine hohe Bürde: die allwöchentliche Veröffentlichung ein paar rasch und beiläufig hingeworfener Sätze soll den Test der Zeit bestehen.

Aber worin besteht dieser Test? Darin, dass sich einst – sofern dieser Planet dann noch um die Sonne kreist – überhaupt irgendjemand an Herrn Gröbchen, seines Zeichens Maschinenraumpfleger und Lohnschreiber des frühen 21. Jahrhunderts, erinnert? Darin, dass ein paar ferne Nachfahren den digitalen Nachlass verwalten? Oder darin, dass sich aus den gesammelten Werken für Historiker der Zukunft punktuell signifikante Beobachtungen und Entwicklungen extrahieren lassen?

Vielleicht ist eine Kolumne wie diese ja auch nur ein Zettelkasten voller Witze, Skurrilitäten und Fußnoten für die Technik-Experten und Sozialforscher folgender Generationen. Wie immer: es gilt der alte Merksatz „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain oder Niels Bohr zugeschrieben wird. Zumindest diese Erkenntnis hat den Test der Zeit bestanden.

Oder etwa doch nicht? Denn noch bin ich nicht im greisenhaften Alter, mich nicht daran erinnern zu können, dass 2013 das Jahr war – und das ist wahrlich nicht lange her –, in dem in Mainstream-Medien der Macht der Computeralgorithmen erstmals die Planbarkeit und Vorhersage individueller Lebensregungen zugeschrieben wurde. Und zwar ernsthaft, wenn auch mit jener Beiläufigkeit, die uns gemeinhin den alltäglichen Lauf der Dinge wahrnehmen lässt. Bis dahin waren „Big Data“, „Reality Mining“ und „Post Privacy“ ein Thema für IT-Fachleute, Geheimdienst-Mitarbeiter und Science Fiction-Autoren.

Aber die Idee z.B., Verbrechen verhindern zu wollen, bevor sie noch begangen werden – Sie erinnern sich an den Hollywood-Reisser „Minority Report“? – hat Implikationen, die das kollektive Zu-Ende-Denken noch nicht mal den Startschuß hören hat lassen. Es ist, wage ich hier und heute zu behaupten, das Ende der Unschuldsvermutung. Wenn wir freiwillig, ja lustvoll – ja, ich habe da banalerweise Facebook, Twitter & Co. im Hinterkopf – unsere Psychogramme zeichnen helfen und zugleich zulassen, dass sie mit objektiven Daten und Taten ergänzt werden – egal ob sie aus der elektronischen Krankenakte ELGA stammen, von der Überwachungskamera im Beserlpark festgehalten wurden oder dem letzten Hort der unmoderierten Meinungsfreiheit, dem eigenen Blog, nachzulesen sind –, wen können wir dafür verantwortlich machen ausser uns selbst?

Im übrigen wage ich auch die Prognose, dass dem „ewigen Speicher“ Internet diese Zeilen verloren gehen werden. Denn wenn sie zu einem beliebigen Zeitpunkt auch nur annähernd relevant sind, würden sie mit Sicherheit gelöscht. Die Vergangenheit gehört jenen, die sie in Zukunft am perfektesten fälschen werden. Schlichtes Vergessenwerden ist mir lieber.

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3 Antworten to “Zukunftsforschung”


  1. „Dei Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus sich mitteilen, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen, das heißt, wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden.“ (Byung-Chul Han)
    Ansonsten ist dieser Tage auch ein sehr interessanter Artikel zu exakt diesen Fragen von Juli Zeh in der FAZ erschienen als eine Replik auf einen Artikel von Martin Schultz (Präsident des EU-Parlaments), der als einziger Politiker die Relevanz dieses Themas erkannt zu haben scheint:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/juli-zeh-zur-ueberwachungsdebatte-schuetzt-den-datenkoerper-12794720-p4.html?printPagedArticle=true


  2. […] « Zukunftsforschung […]


  3. […] „Memoiren“ (eigentlich: „Aufzeichnungen eines Menschen des Neogen“) lesen sich wie eine prophetische Zustandsbeschreibung der Jetzt-Zeit. Rezensenten etikettieren das Buch wahlweise als „satirische […]


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