Zukunftsforschung

3. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (260) Graphen – nie gehört? Die EU steckt gerade eine Milliarde Euro in die Erforschung des Wunderstoffs.

Graphen-II

Wenn jemand den Bewohnern dieses Planeten vor, sagen wir mal: zweihundertfünfzig Jahren erklärt hätte, wir würden einst zum Mond fliegen, mit handlichen Metall-Silizium-Glas-Riegeln miteinander über Kontinente hinweg sprechen, Routen planen oder auch nur bewegte Bilder ansehen, Licht und Wärme aus für das freie Auge unsichtbaren Teilchen gewinnen oder menschliche Lebewesen „klonen“, also gottgleich reproduzieren können – er oder sie wäre taxfrei für verrückt erklärt worden. Jules Verne, H.G. Wells und Mary Shelley („Frankenstein“) waren noch nicht geboren. Und Science Fiction als Literatur- und Filmgattung noch eine Utopie.

In Lauf eines Vierteljahrtausends aber haben sich die kühnsten Visionen als Realität entpuppt. Dabei beschleunigt sich der Fortschritt – als Summe der Erkundungen und Entwicklungen zuvorderst technologischer Natur – mehr und mehr. Viele Forscher meinen: exponentiell. In einer steil nach oben ansteigenden Kurve also, was die Quantität und Qualität der Errungenschaften betrifft. Künstliche Gliedmaßen? Roboter im Haushalt? Selbstfahrende Autos? Oder auch nur ein Autolack, der Schmutz abperlen lässt wie Regenwasser? Alles schon da. Quasi längst Schnee von gestern. Wir nehmen selbst die radikalsten Veränderungen kaum wahr, weil sie so rasant Einzug in den Alltag halten.

Und jetzt bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Haben Sie schon einmal von Graphen gehört oder gelesen? Ich muss gestehen: ich auch nicht (und das, obwohl ich mich für einen relativ aufmerksamen Beobachter der Weltläufte halte.) Bis ich diese Woche das Nachrichtenmagazin „profil“ aufschlug und bald in einem ebenso informativen wie aufputschenden Artikel versank. Graphen, stand da zu lesen, sei ein Wunderstoff. Nicht ganz, aber relativ neu.

Ein Material, das aus gerade mal einer Schicht wabenförmig angeordneter Kohlenstoffatome bestünde, also faktisch zweidimensional sei. Dabei 125mal zugfester als Stahl, extrem leitfähig und dehnbar, säurefest, temperaturbeständig, transparent und härter als Diamant. Graphen, so der Wissenschafter und Nobelpreisträger Konstantin Novoselov, könne, nein: werde sowohl die Elektronik, Photovoltaik wie auch die Biotechnologie revolutionieren. Also unser Leben umkrempeln.

Das nenn’ ich mal eine Ansage! Graphen steckt übrigens schon in den Touchscreens unserer Handys drin. Und beginnt mehr und mehr eine Rolle in industriellen Produkten zu spielen. Die Europäische Kommission hat wissenschaftliche Arbeit in diesem Bereich zu ihrem bislang grössten Forschungsprojekt erklärt und mit einer Milliarde Euro unterfüttert. Ich muss gleich mal per Suchmaschine nachfragen, ob das Zeug schon einmal in einem Science Fiction-Roman erwähnt wurde.

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