Die Mensch-Maschine

15. Mai 2014

Ein Wesen und ein Ding: Die Mensch-Maschine. Der visionäre Gestus jener Handvoll Musikstücke, die Ralf Hütter, Karl Bartos, Wolfgang Flür und Florian Schneider anno 1978 zu einem Konzeptalbum verdichteten, hat nichts an binärer Eleganz und kühler Faszination verloren.

EWHO - Die Mensch-Maschine

Kraftwerk darf mittlerweile dem Weltkulturkanon zugeschlagen werden – aber darf die Evolution auch zurückschlagen? Mit respektvoller Ironie? Absoluter Demut? Eventuell sogar mit retrofuturistischem Aberwitz? Derlei ist hier dokumentiert.

Es ist eine fast zwingende Kombination. Dass jene Elektronik-Formation nämlich, die „moderne“ Sampler, Laptops und jede Art von Wiedergabegeräten sowohl auf der Bühne als auch im Studio als strikt unzulässig erachtet – das 1994 gegründete Erste Wiener Heimorgelorchester (EWHO) nämlich – nun eine Replica-Version des 1978 erschienenen Kraftwerk-Albums „Die Mensch-Maschine“ vorlegt. Was aber zunächst nach einem sehr imitativen Ansatz und spekulativem Kunsthandwerk aussieht, entpuppt sich beim Hören als das genaue Gegenteil. Gerade den Low-Fi-Versionen des EWHO wird der Respekt vor dem Menschlichen der Maschine (wenn man denn Heimorgeln ernsthaft als solche bezeichnen kann) zur treibenden Kraft.

„Was waren das für Zeiten, als man noch Respekt vor Robotern und ihren metallenen Stimmen hatte!“, erläutert Daniel Wisser – einer der vier EWHO-Maschinisten – die Ausgangssituation. „Heute ist der Roboter ein Sorgenkind; und wenn überhaupt einer zur Hand ist, um unsere Arbeiten zu erledigen, so spricht er mit sanften Stimmen zu uns (Frauen- oder Männerstimme im Menü wählbar…).“ Die technoiden Stimmen des Originals werden vom EWHO als mehrstimmiger Gesang interpretiert. Die handgemachte Elektronik des Wiener Quartetts hievt die Kompositionen des Kraftwerk-Albums auf eine neue Ebene. „Hier wird die Technik hörbar. Hier werden die Mittel der Klang- und Geräuscherzeugung nicht einfach benutzt, sondern thematisiert.“

Das Erste Wiener Heimorgelorchester – nomen est omen – zollt Bit für Bit Tribut Uen zerlegt die Mythos-Maschine in ihre Einzelteile. Es menschelt. Es surrt, zischelt, kracht. Es ist.

Originalton Daniel Wisser: „Da ist etwa der berühmte Song „Das Model“, den Rammstein mit teutonischem Ernst zu einer Hardrock-Ballade verunstaltet haben. Im Gegensatz dazu greift das EWHO zu den Stimmschrauben und entfernt sich mit jedem Akkord vom Wohltemperierten. Dazu wird der Stimmeffekt des Casio Rapman benutzt, um den bei der Original-Vorlage immer etwas kraftlos klingenden Gesang in den Rang einer Helium-Mickey-Mouse zu erheben.“

Es gilt der alte Merksatz des Science Fiction-Veteranen („2001“) Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Die Mensch-Maschine ist – auch und erst recht in der Lo-Fi-Variante des EWHO, die nicht nur in Bits & Bytes verewigt, sondern zudem auch in Vinyl gepresst wurde – von mathematischer Schönheit. Von El Lissitzky, Fritz Lang, Alan Turing, Konrad Zuse, Steve Jobs, Edward Snowden. Von Casio, Yamaha, Bontempi und Native Instruments. Von Kraftwerk. Gestern. Heute. Morgen. Immer. Wieder. Ein Wesen und ein Ding: Die Mensch-Maschine.

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Eine Antwort to “Die Mensch-Maschine”

  1. ralphbuttler Says:

    Hat dies auf Auf dem Dao-Weg rebloggt.


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