Das Medium, die Botschaft

3. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (272) Irgendwann musste er kommen: der erste Shitstorm meines Lebens. Aber hallo!

marshall-mcluhan1

Frauen mögen in der Öffentlichkeit doch weniger lachen und tratschen, befand der türkische Politiker A. unlängst. Öffentlich und nachdrücklich. Man kann derlei moralisch-sittliche Oberlehrerhaftigkeit einfach als unsinnige Einzelmeinung abtun, aber immerhin handelt es sich um einen stellvertretenden Ministerpräsidenten und engen Gefolgsmann (sic!) des Staatenlenkers E., der so sprach.

Letzterer war erst unlängst in Österreich zu Gast, weil er meinte, seinen aktuellen Wahlkampf auch hierzulande führen zu müssen. Einer der glühendsten Anhänger dieses Herrn in Wien heisst K. Vielen ist der volle Name des Anhängers und Propagandisten von E. bekannt, seit ihn der ORF in eine ZiB-Spätausgabe eingeladen hat. Wo er – gelinde gesagt – durch Dialogunwilligkeit, unhöfliches Benehmen und einen vorzeitigen Abgang auffiel.

Wie immer auch: ich hatte den spontanen Einfall, das Lachverbot seitens A. mit dem Kommunikationsverhalten von K. in Verbindung zu bringen. “Das Medium ist die Botschaft” hat ja einst Marshall McLuhan einen – erst recht für die Generation Internet – gültigen Leitsatz formuliert. Ich tätigte also einen Facebook-Eintrag, wie ich es öfters tue: “Wenn das mal XY liest”. Was meist zur Folge hat, dass der/die Angesprochene die Meldung (samt Extra-Namens-Tagging) tatsächlich zu Gesicht bekommt. Und den augenzwinkernd unterstellten Konnex entweder bestätigt oder dementiert. Die meisten nehmen es mit Humor.

Nicht so K. Nach der launigen, aber gewiss harmlosen Online-Wortmeldung meinerseits – “Wenn das mal K. liest” – war ich schlafen gegangen. Als ich wieder aufwachte, hatte ich über achthundert Postings in meiner Timeline. Nicht wenige davon rüdeste Beschimpfungen – und das, obwohl K. selbst in einer persönlichen Reaktion seiner Anhängerschaft die (so gesehen unlogische) Parole vorgekaut hatte, ich wäre einer Antwort nicht würdig, weil eigentlich kein Mensch. Nun ja.

Schliesslich wuchs der Strang auf über tausend Statements an, ich amüsierte mich ein wenig, hielt mich aber aus dem Tumult – dem ansatzweise ersten Shitstorm meines Lebens – fürderhin raus. Weitgehend. Ich lasse mir ungern Diskussionen aufzwingen, die ich aus gutem Grunde nicht führen kann und will. Und ernsthaft argumentieren kann man mit offensiven Hitzköpfen und Rechthabern sowieso nicht, schon gar nicht mit einer Hundertschar von Fanboys, Fahnenschwingern und Claqueuren in deren Windschatten.

Eines nur sollte K. wissen (und eventuell auch seine politische Vaterfigur E.): als Diplomat, Kommunikationsstratege und kultureller Botschafter seines liebenswerten Herkunftslandes ist er ein Totalversager. Und die Zahl der Facebook-Likes ist  argumentativ seit jeher eine lachhafte Währung.

2 Antworten to “Das Medium, die Botschaft”


  1. […] Das Dasein als Kolumnist ist ein gefährliches. Gelegentlich bricht man sich Hals & Bein (und das nicht nur sprichwörtlich), wird für ein schärferes Wort verklagt oder gar Opfer eines Shitstorms. […]


  2. […] auf Facebook, Twitter oder in Online-Foren mit plötzlicher, oft unerklärlicher Aggressivität konfrontiert zu sein? Oder, seltener und weit übler, den Tod an den Hals gewünscht zu bekommen? Zumeist von […]


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