Archive for September, 2014

Auf Biegen und Brechen

28. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (280) Ich gestehe: den Biegetest mit dem neuen iPhone 6 Plus habe ich nicht gewagt.

iPhone 6 Bentgate

Jetzt liegt es also da. Vor mir auf dem Schreibtisch. Eigentlich sogar zwei Stück davon. Das kleinere, 4,7 Zoll große Exemplar (soll ich einen Zollstock rausholen und in hierzulande gebräuchliche Zentimeter übersetzen?). Und das X-Large-Modell mit 5,5 Zoll Durchmesser. Erraten: es handelt sich um das neue iPhone 6. Und das 6 Plus.

Man hat es mir förmlich nachgetragen (ich bin ja als Hype-Maschine eher unbrauchbar). Ein sehr freundlicher Herr hat “im Rahmen einer Kooperation mit T-Mobile” die Geräte mit Boten schicken lassen. Noch vor dem offiziellen Verkaufsstart – Sie kennen die Bilder mit den Schlangen vor den Geschäften – waren die begehrten Objekte im Haus. Die iPhones sind, wie immer, hübsch verpackt. Und voll geladen. SIM-Karten mit dem aktuellen LTE-Paket, das eine Download-Geschwindigkeit von bis zu dreihundert Megabit pro Sekunde ermöglicht, liegen bei. Ich könnte gleich mal die Rasanz der Verbindung in meinem Büro voller toter Winkel und dicken Mauern testen. Die Haltbarkeit der Akkus. Die Qualität der Kamera-Module. Und diverse neue Apps.

Alles proper also. Fast unwirklich elegant. Und doch begebe ich mich mit diesen High Tech-Testpaketen mitten hinein in ein Minenfeld. Auch als Embedded Journalist hat man schon von “Bentgate” gehört. Irgendein Geek hatte angeblich, kaum dass das Gerät das Licht der Welt erblickt hatte, es frisch verbogen aus der Hosentasche gezogen. Sagen wir mal so: bei knapp 7 Millimeter Gehäusestärke und Aluminimum als verwendetem Material wäre ich da vorsichtig.

Sollte aber ein grober Designfehler vorliegen – Apple dementiert das freilich –, wäre es im Zeitalter der zittrigen Börsen und sensiblen Mobilfunkpartner ein Desaster. Natürlich streut die Hardware-Konkurrenz – allen voran Samsung – Zweifel, Häme und Negativpropaganda. Aber auch das Betriebssystem iOS 8 bekam mit dem ersten Update gleich einen ordentlichen Dämpfer: plötzlich zeigte das Handy durchgehend die Meldung “Kein Netz” an. Apple musste die Version rasch zurückziehen, mittlerweile ist wohl alles paletti.

Nur die Biegenummer steht noch im Raum. Ein Video mit über 40 Millionen Views, das dem Modell Plus ein markantes Minus nachweist, kann man nicht einfach ignorieren. Soll ich nun also ungeniert den Selbsttest machen? Und dem freundlichen PR-Mann unter Umständen ein bananenförmiges Leihexemplar zurückschicken? Bin noch unschlüssig.

Eventuell umgehe ich die Sache, indem ich behaupte, so ein riesiges iPhone sehe beim Telefonieren einfach nur affig aus – und sei sowieso überflüssig.

Cocktail-Party im Kartenhaus

19. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (279) „Netflix“ läutet das Ende des linearen Fernseh-Konsums ein. Angeblich. Aber steckt nicht mehr dahinter?

netflix_logo

Ein Luxusrestaurant am Wiener Donaukanal. Die besten Cocktails der Stadt. Eine ausgewählte Schar von Branchengrössen, Opinion Leaders und Meinungsmultiplikatoren, die legér an der Bar lehnen oder outdoor an einer Zigarette ziehen. Und gelegentlich einen Seitenblick auf die Werbebotschaft werfen, die haushoch auf den “News”-Tower am gegenüberliegenden Ufer gestrahlt wird. Ein Fanal von Werbebotschaft.

Eingeladen zu diesem Medien-Klassentreffen hat ein Neuankömmling namens Netflix. Es eilt ihm ein gewaltiger Ruf voraus: das Ende des Fernseh-Zeitalters, wie wir es kennen, einzuläuten. Was die Manager/innen der lokalen, quasi traditionellen TV-Sender – ebenfalls eingeladen zur Party – nicht weiter anficht: Sehen und Gesehenwerden lautet der kategorische Imperativ der Selbstvermarktung. Das gilt für das Unternehmen genauso wie für die eigene Person.

Relativ zeitgleich trat in Wien – bei den Medientagen – der Netz-Publizist Sascha Lobo auf. Geladen hatte man ihn wohl als ausgewiesenen Querdenker, der den Bedenkenträgern, Schlafmützen und Angsthasen in den Medienhäusern hierzulande den Marsch blasen sollte. Was ihm auch gelang, bei gleichzeitiger Verunsicherung der zukunftsgläubigen Hurra!-Schreier.

Lobos Vision eines disruptiven “Plattform-Kapitalismus”, der die Neuen Medien, die Arbeitsstätten und Kulturbiotope seiner Konsumenten als vollendete, weil mit freiwillig und unfreiwillig verschenkten persönlichen Daten gespickte Vertriebskanäle nutzt, ist eine Warnung. Eine Warnung, die von einem der notorischen Zwischenrufer der lokalen Hemisphäre, dem FM4-Journalisten Martin Blumenau – gebt dem Mann 2015 eine halbe Stunde Sprechzeit am Rednerpult! –, gleich online fortgesponnen wurde: “Die Ausweitung der Billig-/Sharing-Kultur auf alle Lebensbereiche wird unser Gesellschaftsmodell zerstören.”

Na wusch! Jetzt könnte man natürlich darüber diskutieren, ob das attraktive Preismodell und das inhaltliche Angebot des Abo-Streaming-Senders Netflix nicht ein probater Gegenentwurf zur Pirate Bay-Realität ist, wo sich alle längst kostenlos und ungestört “House of Cards” und andere – in der Herstellung sauteure – TV-Heuler heruntergesaugt haben. Wie Google Netflix sieht. Oder was Netflix-Chef Reed Hastings in seiner launig kurzen Party-Ansprache meinte, als er verkündete, seine Plattform zum weltweit führenden Vertriebsvehikel auch für deutschsprachige Serien und Produktionen machen zu wollen. Quiquid id est, timeo Danaos et dona ferentes!

Die Übersetzung dieser archaischen Business-Grundregel wäre dann wohl ein Fall für das gute, alte Bildungsfernsehen. Also genuin öffentlich-rechtliches Territorium. Dessen Gegenwart und, wichtiger, Zukunft hängt weniger von technisch fortschrittlichen Ausspielwegen und Medienkanälen ab, mehr schon von uns selbst. Und unserem Willen, nachdrücklich danach zu verlangen. Und konsequent dafür zu löhnen.

Verschenkte Unschuld

12. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (278) Wie ein Marketing-Gag nach hinten los ging: rauben Apple und U2 dem Rock’n’Roll die wahren Werte? Oder nur die Warenwerte?

U2-will-be-at-Apple-Keynote

Medien degenerieren immer mehr zu Feedback-Schleifen. Wo früher noch der Wunsch auszumachen war, spannende, möglichst exklusive Geschichte zu orten, Themen zu setzen und durch Recherche zu glänzen, regiert heute das Abschreiben, Nachwassern und In-den-Chor-Miteinstimmen. Die Impulsgeber für die Resonanzkörper Print, Radio und TV heissen Facebook und Twitter.

Regen sich dort Stimmen – wozu immer auch – und ballen sich zu deutlich vernehmbaren Meinungs-Clustern zusammen, kann man sicher sein, sie am nächsten oder übernächsten Tag als Gegenstand der professionellen Berichterstattung wiederzufinden. Hickhack galore! Pingpong zum Quadrat! So lässt sich mancherlei wunderbar hochkochen. Und für das eigene Click-Counter-Business nutzen.

Dieser Durchlauferhitzer-Effekt war dieser Tage besonders schön sichtbar bei der Vorstellung der neuen, sechsten Generation des Apple iPhone. Plus einer Apple-Uhr. Plus – “one more thing” – eines spektakulären Geschenks an die Fangemeinde des Konzerns aus Cupertino, USA: das neue Album der legendären Rockband U2. Gratis. Und quasi automatisch frei Haus geliefert: ob man wollte oder nicht, hatte man “Songs of Innocence” über Nacht als “gekauft” markiert in seiner iTunes-Mediathek stehen.

Aber gar so unschuldig sind die neuen Lieder von Bono Vox & Co. nicht. Denn nach der ersten Welle der Überraschung und Freude über den Marketing-Schachzug – wahlweise von Apple-CEO Tim Cook auch als „größter Album-Release aller Zeiten“ apostrophiert – brach ein Geheul der Kritik, Enttäuschung und Häme sondergleichen los: die Altherren-Partie, bereits einmal mit Apple zugange, hätte ihr – noch dazu reichlich schwaches – neues Opus einfach an einen Computergiganten verscherbelt.

“Das”, so die MP3-Plattform Tonspion, “nannte man früher “Ausverkauf” oder “Corporate Rock” und zog gesellschaftliche Ächtung nach sich.” Ein Verrat am Geist des Rock’n’Roll? Die Neuerfindung der Musik-Distribution im Zeitalter der digitalen Entwertung? Und kann man überhaupt den „Was nix kost‘ is‘ nix wert“-Psychomechanismus ausschalten? Der “Musikexpress” winkte ab: “Geschenkt ist noch zu teuer. Kann man ungehört löschen.”

Ziemlich deutlich orientierte man sich bei der journalistischen Meinungsbildung am Stimmungsbarometer Social Media. Dort fanden sich auch die zynischsten Einträge: “Eine digitale Uhr und ein U2-Album: das ist wie Weihnachten 1984.” Gleichzeitig erhoben sich Stimmen, die sich von der geballten Ladung Hohn und Spott genervt zeigten – und damit den logischen Pendel-Gegenschlag markierten.

Egal, ob U2, Apple Watch, Ice Bucket Challenge oder Top 10-Bücherlisten: spätestens übermorgen wird dann die Aufregung und die Aufregung über die Aufregung und erst recht die Aufregung über die Aufregung über die Aufregung auch wieder aus den neuen und alten Medien verschwunden sein.

Do you remember?

6. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (277) Heissa! Die legendäre japanische HiFi-Marke Technics erlebt ein Comeback.

Watts

“Do you remember?” Die sonore Stimme, die diese Frage mit grosser Suggestivkraft in den Raum stellt, kriecht förmlich aus dem Lautsprecher. “Do you remember when skipping a song meant pressing the Fast Forward button?” Zur Tonspur gesellt sich das Bild eines VU-Meters, dessen Zeiger noch zusätzlich zum akustisch verstärkten Herzschlag des Betrachters zu zittern scheint. “Do you remember when 33 und 45 were not just random numbers?”

Hier geht es eindeutig um längst vergessen geglaubte Insignien der Unterhaltungselektronik, Audio- und Analog-Hemisphäre. Und das mitten auf der digitalen Trash-Streaming-Plattform YouTube.

Und dann plötzlich folgt die Aufklärung: es handelt sich um einen Werbespot. Um einen verdammt gut gemachten Werbespot. Er bewirbt die Rückkehr der legendären japanischen HiFi-Marke Technics. Eine überraschende Rückkehr: niemand hätte gedacht, dass die High End-Abteilung der Mutterfirma Panasonic (respektive Matsushita) – sie baute zuletzt gerade noch die unkaputtbaren SL 1210-DJ-Laufwerke, aber irgendwann auch die nicht mehr – wieder auferstehen würde.

Jetzt, zur traditionellen Branchenmesse IFA in Berlin, war es doch soweit: nach einer Pause von sechs Jahren, wurde ebendort verkündet, sollen ab Dezember 2014 wieder neue Technics-Produkte vorgestellt werden. Zunächst in Europa und später weltweit. Drei Stereo-Komponenten mit „Superlativanspruch“, so Projektleiterin Michiko Ogawa, und vier Geräte in einer etwas leistbareren Klasse. Was man zu sehen bekam und demnächst zu hören bekommen wird, ist gediegene HiFi-Retro-Ware auf der Höhe der Zeit (also inklusive Netzwerk-Player). Weihnachten kann kommen!

Natürlich spielt man hier mit der Sentimentalität der Generation 40 Plus. Denn nach den bronzebraun schimmernden, dezent technoid gestylten Geräten aus dem Hause Technics hat man sich als Youngster förmlich verzehrt. Heute ist genug Taschengeld vorhanden, um den einst erträumten Stereo-Turm aufzustapeln. Und natürlich schlägt das Pendel der Hörmoden gerade stark in die No Nonsense-Richtung. “Wir brauchen kein stinkendes, von Robotern zusammengebautes, schwarzes Plastik-Wegwerf-Zeug, das vorgibt, Hörwerkzeug zu sein” zitiert eine Vintage-Technics-Seite im Netz Rick Stout (stereomanuals.com). Gut gebrüllt, Löwe!

Jetzt warte ich nur mehr auf die Neuauflage der Technics-Plattenspieler-Ikonen. Und auf die Wiederkehr der Marken Sansui, Nakamichi, Wega und Eumig.

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