Jubeln und Jammern

17. Oktober 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (283) Die Naivität von Journalisten schlägt die Dreistigkeit von Amazon & Co. bisweilen noch um Längen.

Four books isolated on the white background

Manchmal ist man echt fassungslos. Mir ging es vorige Woche so, als ich die Technik-Kolumne von Thomas V. im “profil” studierte. “Ich kaufe Bücher wie ein Verrückter”, hob die Epistel des Kollegen an. “Gedruckte Bücher, E-Books, antiquarische Sachen. Bald werden es hoffentlich ein paar Bücher weniger sein.”

Warum das? Weil der Internet-Gigant Amazon ein Flatrate-Angebot für sein Literatur-Lesegerät Kindle eingeführt hat. Für 9,99 Euro im Monat hat man nach dem “All You Can Eat”-Prinzip Zugriff auf 650.000 Bücher, davon allerdings keine zehn Prozent auf deutsch.

Das ist dennoch ein Lockangebot. Und ein Affront. Denn man will solchermassen die Buchpreisbindung in Frage stellen – sie gilt in Österreich demnächst auch für E-Books – und die Leser an neue, lohnendere Bezahlmodelle gewöhnen. Für Amazon & Co. lohnendere, wohlgemerkt. Der traditionelle Buchhandel und die Schriftsteller-Vereinigungen laufen dagegen Sturm.

Thomas V. ficht das nicht an. Im Gegenteil. “Ich finde das super”, verkündete er. “Ich bin Konsument. Ich will billigere Bücher, und zwar möglichst komfortabel.” Dass hier ein ruinöser Wettbewerb für Kulturgüter aufbrechen könnte, ist V. “offen gestanden egal.” Die schlichte Denkart versteckt sich hinter der potjemkinschen Fassade der Marktliberalität. Die altruistisch-cool im Namen der “Demokratisierung des Bücherlesens” auftritt. Und einmal mehr die konservativen Branchenvertreter schilt, die “darüber jammern, dass Amazon schlauer und schneller ist.”

Sorry, lieber Thomas V.: ich dachte, die Spezies der Naivlinge, die die Implikationen des Digitalbusiness nicht versteht (oder verstehen will) und in Hurra!-Geschrei ob der Negativ-Skalierung von Flatfee-Angeboten verfällt (die freilich aus der Sicht eines scheuklappenbewehrten “Geiz ist geil!”-Konsumenten ein unbedingtes Positivum ist), wäre längst ausgestorben. Oder nur mehr in Nerd- und Frust-Foren selbsternannter Verlags- und Literaturexperten zu finden.

Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als man der ähnlich strukturierten und somit probat vergleichbaren Musikindustrie publizistisch lautstark zurief, sie wäre hinterwäldlerisch, denkfaul, fortschrittsfeindlich und zugleich gierig und satt. Und blockiere quasi die Zukunft. Heute treffe ich die kecken Kommentatoren von damals meist an der Theke, wenn sie in ihr Bier weinen und den Zustand ihrer Medienhäuser und der Printmedien generell beklagen.

Aber vielleicht hat ja auch Thomas V. demnächst mehr Zeit, mehr Bücher zu lesen. Die weniger gekostet haben (wahrscheinlich auch in punkto Verlagssorgfalt, Lektorat und Korrektur). Könnte sich glatt ausgehen mit der Arbeitslosenkohle.

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9 Antworten to “Jubeln und Jammern”

  1. Manfred Fleischmann Says:

    Oh tempura ! oh mores ! ich habe das Handwerk des Buchbindens erlernt. Leder. Leinen. Papyrus.

    Tusche Tinte Blattgold. Handwerk hat goldenen Hoden.

    Dann kommt doch glatt die Taschenbuch Industrie und niemand will mehr Fotoalben in Pergament !

    oh Zeiten oh Sitten !
    Na gut, lernt man halt noch einen Beruf – Buchhändler – und karrt forthin Paperback in die Regale.
    Bei Morawa hiess es dann – “ net lesn, sondan schlichten – auch für Konsalik rollt der Rubel (Ozitat Lehrherr ;-) “

    Dann PC Grosshandel. Plötzlich: Niemand assembliert mehr Computer – Alles liegt in der Cloud.

    Walter warum darf in der –>Musik nur Bewegung sein wenn die Pfründe künstlich gesichert werden ? Panta Rhei !

    Ich gebe noch immer Geld für Musik aus, und zwar wenn Wert und Mehrwert geboten werden:
    Wert: Gute Musik.
    Mehrwert: Vinyl mit geilem Cover, CD beigelegt, Downloadlink detto. Steelbook. Limited. Whatever.
    siehe die neue Pink Floyd, Chuzpe live signiert in d Fledermaus usw. Phantom/Ghost Notenheft !!

    Ein fadengehefteter Terry Pratchett mit erhabenem Schutzumschlag kann gegen ein pdf locker antreten, muss sich Künstler und Agentur halt bemühen, nur fürs pdf abzocken geht nimmer durch.

    • Walter Gröbchen Says:

      Ich sehe keinen Widerspruch – aber die Realität ist: Mischkalkulation. Die Liebhaber/innen feinster Qualität bewegen sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

    • Uli Kukuruz Says:

      Echt jetzt? Superklug daherg’scheiteln und das lateinische Wort für Zeiten mit einem japanischen Fischgericht in Backteig verwechseln?

      • Manfred Fleischmann Says:

        Danke Meister Uli fyr die Beleerung ;-) in Demut der Ihre. Sie wissen aber schon – um die GEMA gehts als Thema gell …

  2. Michael Stalzer Says:

    In jedem Wirtschaftsbereich hat Wettbewerb zu Fortschritt und Innovation geführt. Warum soll das im Buchmarkt anders sein? Warum soll der Konsument vom Wettbewerb nicht profitieren können?

    Ja, Konkurrenz führt dazu, dass alte Systeme und alte Techniken vielleicht nicht mehr funktionieren und damit Wohlstandsverluste bei bestimmten Personengruppen passieren. Jedoch bin ich der Überzeugung, dass es kein Erbrecht auf Ansprüche von Zahlungen gibt, die es vielleicht in der Vergangenheit gegeben hat.

    Auf einen Punkt möchte ich trotzdem noch hinweisen: Wettbewerb ist wichtig und richtig! Jedoch muss dieser immer fair geführt werden können. Wenn ein Onlinehändler der jahrelang Verluste schreibt, den stationären Handel de facto „ausradiert“, dann kann man meiner Meinung nach nicht von einem fairen Wettbewerb sprechen.
    Hier wäre aus meiner Sicht die Politik gefordert Chancengleichheit herzustellen.

  3. Andreas Beer Says:

    Die Buchpreisbindung schützt die kulturelle Vielfalt. Tut sie das? Es gibt in allen Ländern ohne der Bindung also keine kulturelle Vielfalt? Interessanter Ansatz, also lassen wir das gleich weg.
    Die Buchpreisbindung schützt den Buchhandel. Ja, das macht sie. Auf Kosten des Buchkäufers. Preise werden künstlich hochgehalten und der Buchhandel ist wohl der einzige Nichtmonopolist mit Monopolstellung. Wer schützt den Musikhandel? Warum sind CDs, MP3s etc. keine Kunstwerke, die man schützen muss? Weil die Musikalienlobby nicht so laut ist wie die des Buchhandels. Und weil so mancher Politiker das Gefühl hat es wirkt besser zu sagen man setzt sich für den alten Goethe ein als für Conchita Wurst. Aber der alte Goethe hat ja nichts davon, dass seine Werke überall das gleiche kosten. Er hätte nicht einmal dann etwas davon, wenn er noch unter uns weilte. Die Autoren und die Verlage bekommen das gleiche Entgelt, egal zu welchem Preis der Buchhändler verkauft. Wenn er es sich leisten kann seine Marge zu reduzieren, dann ist das sein Problem.
    Beliebt ist auch das Argument der Quersubvention. Ein Bestseller von zb Paulo Coelho kostet deshalb soviel, damit der Verlag auch nicht so gut verkäufliche Titel produzieren kann. Klingt gut, aber muss jeder Buchkäufer zum Mäzen wider Willen werden? Und ganz stimmen kann das Argument ja auch nicht sein, Käufer von Fachliteratur können ein Lied davon singen. Ihre Bücher haben zum Teil schwindelerregende Preise. Demnach doch keine Quersubvention? Ich frage mich wie das ist, wenn ein Buchhändler ins Kinocenter geht und den neuen James Bond sehen will. Auf einmal kostet die Kinokarte deutlich mehr als üblich. Der Kinobesitzer argumentiert das damit, dass im anderen Saal ein chinesischer Kunstfilm gezeigt wird, den niemand wirklich sehen will. Aber um den Film zeigen zu können kostet jetzt eben der Bond auch mehr. Wird der treue Buchpreisbindungsfan dies akzeptieren?

    Und in Wirklichkeit ist das ja eh alles verlogen. Jeder Buchhändler in Österreich darf 5% Rabatt auf Bücher geben, er darf aber damit nicht werben. Aber wenn ein Kunde danach fragt, dann darf er ihm den reduzierten Preis geben. Irgendwie österreichisch: machts es, aber unter der Tuchent.
    Apropos verlogen: es ist ja kein großes Geheimnis, dass sehr sehr viele Buchhandlungen in Österreich auch mehr Rabatt als 5% geben, aber darüber spricht man nicht. Sei es ein Barrabatt an der Kassa, seien es Gutscheine für Banken, Versicherungen, etc. Der Rabatt existiert.
    Wäre die Buchpreisbindung wirklich so ein Anliegen, dann sollte man einfach die bestehende Regelung genau kontrollieren und sich nicht zum Gralshüter der Kultur aufspielen.

  4. Manfred Fleischmann Says:

    Von nicht-Monopolist kann man schwer reden. Es gibt nur noch eine Handvoll Einzelbetriebe, der Rest ist aufgekauft von einem Riesen, der Verlag, Auslieferung und Vertrieb in einer Hand hat. & LKW Flotte für Zeitungen, Optiker und PKW Ersatzteile über Nacht…Die Margen kommuniziere ich hier nicht… den kleinen Buchhändler wird dieses System nicht retten ! Nur Kunden, die es zum Prinzip gemacht haben, sich ebendort beraten zu lassen & zu kaufen. Arzt des Vertrauens vs. Onlineapotheke …


  5. […] eines kleinen Musik-Stores, er könne nicht mit den Dumping-Preisen von Amazon mithalten? Ich sage Ihnen was: diese Leute kämpfen um Ihren Arbeitsplatz. Um ihre Verdienstmöglichkeiten. Um ihr Ein- […]


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