Punktlandung

15. November 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (286) Die erstmalige Landung einer Raumsonde auf einem Kometen ist ein positives Signal – nicht zuletzt wider Nationalismus auf dem Ursprungsplaneten.

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ÖBB, kurz hergehört! Nach zehn Jahren, acht Monaten und zehn Tagen Reisedauer kam es gerade mal zu 33 Sekunden (!) Verspätung bei der Ankunft. Zwar hat es das Fahrzeug ordentlich durchgeschüttelt – ein erster Rückprall soll gleich einen Kilometer hoch ausgefallen sein –, aber generell kann man von einer Punktlandung sprechen. Durchaus im wortwörtlichen Sinn.

Aber nicht allein die präzise Planung ist das Rekordverdächtige dieser Mission. Eine Landungseinheit samt Mini-Labor namens “Philae” war mit einer Raumsonde namens “Rosetta” 6,4 Milliarden Kilometer gereist, um auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko – landläufig „Tschuri“ genannt – aufzusetzen.

Das ist ein Novum in der Geschichte der menschlichen Raumfahrt. Zwar handelt es sich um einen höchst unwirtlichen Gesteinsbrocken von knapp vier Kilometern Durchmesser, der „nach Stall und faulen Eiern stinkt“ (so Experten der Universität Bern), aber dieser Haufen Materie verrät der Wissenschaft vielleicht mehr über die „Urwolke“, die Entstehung der Erde und den Beginn des Lebens als jahrhundertelanges Rätselraten im Vorfeld.

Allein die Bilder von diesem erst 1969 entdeckten Kometen, der mit 33,51 Kilometern pro Sekunde durch das All rast, sind von bestechender Schärfe. Auch wenn es Detailprobleme geben mag – die Sonde steht schief und erhält zuwenig Sonnenlicht, um die Solarzellen vollständig aufzuladen – kann man den Jubel aus dem Kontrollcenter in Darmstadt, wo die Signale von „Philae“ mit halbstündiger Verspätung eintreffen, nachvollziehen.

Die europäische Raumfahrts-Einrichtung ESA mit siebzehn beteiligten Nationen, darunter Österreich, hat hier – bei Gesamtkosten von etwa einer Milliarde Euro, einem Bruchteil des Hypo Alpe Adria-Defizits – jedenfalls ein sehr deutliches Signal für die Sinnhaftigkeit der Erforschung des Alls gesetzt. Und ein vielleicht ebenso wichtiges Signal für grenzüberschreitende, paneuropäische Zusammenarbeit.

Kurios mutet in diesem Kontext allerdings der ungenierte Hurra!-Patriotismus mancher Medien an. “Austro-Sonde auf Komet gelandet” titelte etwa ein Gratis-Blatt, das mit seinem Namen gleich die ganze Nation – sie hat nun bezeichnenderweise auch einen „Weltraumminister“ – in Geiselhaft nimmt. Und: “Auf der Suche nach E.T.” sei das Raumschiff gewesen. Geht’s noch infantiler?

Demnächst punktet dann wohl die Boulevard-Konkurrenz mit Mr. Spock, R2-D2 und Darth Vader als Kolumnisten.

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