Das neue alte Wind/Feuer/Öl/Papier-Business

5. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (290) Bei allem Mitgefühl: ist ein „Shitstorm“ wirklich die Krampusrute der digitalen Hemisphäre? (2)

Shitstorm

„Fortsetzung folgt – so sicher wie der nächste Shitstorm.“ So lauteten die letzten Worte meiner vorwöchigen Kolumne. Ich schwöre: ich hatte nicht der Funken einer Ahnung, dass der nächste Sturm unmittelbar nach Veröffentlichung der „Presse am Sonntag“ losbrechen würde, ausgelöst durch einen wohl absichtsvoll kontroversen Bekenneraufsatz zum Thema Erziehung.

Um diesen Beitrag soll es hier nicht gehen, dazu ist – um den alten Spötter Karl Valentin zu zitieren – „schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Und das eben nicht nur von professionellen Journalistinnen und Journalisten.

Nun: das ist es, was mich wirklich verblüfft – dass auch Profis mit dem Phänomen Shitstorm anno 2014 nicht umzugehen wissen. Und, bewusst oder unbewusst, das altbekannte (und nur medientechnisch in dieser Form relativ neue) Wind/Feuer/Öl/Papier-Eskalations-Endlosschleifen-Business betreiben.

Nein, ich meine damit nicht den ORF-Anchorman Armin Wolf, der sehr persönlich und glaubhaft reagierte (und nebenher als Kommunikations-Durchlauferhitzer No. 1 die Leserzahlen für den Anlass-Artikel sprunghaft in die Höhe trieb). Sondern jene, die aus dem Umstand, dass – wie bei jedem Shitstorm, jeder Wirtshausdebatte, jeder Leserbriefe-Sichtung – vereinzelte Stimmen ins Geschmacklose kippen, eine „Fatwa“ konstruieren. Pogromstimmung orten. Mit überzogener Political Correctness camouflierte mediale Eitelkeit unterstellen. Oder auch nur, au contraire, ein apodiktisches Urteil in die öffentliche Meinungsarena schieben wie einen antiken Streitwagen: das sei doch „das Widerlichste, was man in Österreich seit Jahren lesen durfte“. Und der Autor wäre stante pede zu entlassen, gerichtlich zu belangen, eventuell selbst einer Züchtigung zu unterwerfen oder gar zu teeren & zu federn.

Puh. Wenn Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit etwas zählen in diesem Land, dann muss man es grundsätzlich aushalten, wenn jemand so, hm, tollkühn ist, die Realität anzusprechen. Das gilt allseitig (und kann auch eine höchstpersönliche Realität sein, die nicht mit dem Mainstream – oder auch „nur“ dem Mainstream der Minderheiten – konform geht). Noch vor dreissig Jahren konnte ein FP-Justizminister, breiter Zustimmung gewiss, die „gesunde Tachtel“ empfehlen. Heute setzt Geheul ein, wenn derlei auch nur in Erwägung gezogen wird. Und es ist per Gesetz als Unrecht definiert. Zurecht.

Es gilt diese pädagogische Staats-Doktrin aber so absehbar wie strikt nur in aufgeklärten Kreisen. Vorrangig unter Leuten, die auch in der SM-Arena (insbesondere auf Twitter; und freilich dürfen Sie jetzt das Kürzel „SM“ ganz nach Geschmack interpretieren) ihr Radar kreisen lassen, sich im Fall des Falles schwarmartig zusammenrotten und die persönliche Auseinandersetzung mit Garantie nicht scheuen. Was in modernen Zeiten wie unseren nicht selten in einem Wind der Entrüstung 2.0 – mit rasch abklingender Intensität – seinen Ausgang findet. Bisweilen auch in einem Orkan. Zwangsläufig.

Gut so! Dass dieses Phänomen der kollektiven Empörung auch individuell differente, differenzierte Meinungen und präzise Argumentationen, notwendige Diskussionen und positive Entwicklungen zeitigt, ist Fakt. Dass das Netz mehr und mehr zum Zentralorgan der selbstorganisierten und dennoch digital formatierten und kommerziell ausgeschlachteten Widerrede wird (und sich daraus auch ein höchst zweischneidiges, bedrückend ambivalentes Faszinosum ableitet), dito.

Auch – und erst recht – in diesem Kontext hat es ein Shitstorm verdient, ernst genommen und mit demütiger Aufmerksamkeit analysiert zu werden. Nicht nur von NSA-Bütteln, verklemmten PC-Blockwarten (und Blockwartinnen) und Voyeuren mit Geheimdienstausweis. Sondern von Medienprofis und -Amateuren –
egal, ob sie in warmen Redaktionsstuben sitzen, daheim im Kinderzimmer oder im Wirtshaus um’s Eck. Uns allen.

Quod erat demonstrandum.

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Eine Antwort to “Das neue alte Wind/Feuer/Öl/Papier-Business”


  1. […] Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die […]


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