Archive for März, 2015

Im Vorwärtsgang in die Vergangenheit

22. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (304) Manche Konzepte erleben – zurecht – einen zweiten Frühling. Hier kommt der Lohner-Roller!

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„Mobilität beginnt im eigenen Kopf“. Diesen Leitsatz hat Andreas Lohner geradewegs verinnerlicht. Denn der gelernte IT-Mann traut sich dieser Tage mit einem Projekt an die Öffentlichkeit, das einerseits in der Familientradition begründet ist, andererseits ein Experiment verkörpert, für das er, so Lohner, „überhaupt keine Voraussetzungen hatte. Es waren wohl meine Vorfahren, die mich animiert haben, etwas Zukunftsorientiertes zu bauen.“

Schnitt. Spulen wir im Schnelldurchlauf knapp zweihundert Jahre zurück. Lohners Urahn Heinrich floh anno 1821 vor Napoleons Truppen aus dem Elsass nach Wien. Der Wagnermeister stieg zügig zum grössten Kutschenbauer der K&K-Republik auf. 1899 baute man mit dem Lohner-Porsche das erste Elektroauto der Welt, das Unternehmen fabrizierte aber auch Flugzeugpropeller, O-Busse und Straßenbahnen. Nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich auf leistbare Kleinfahrzeuge – etwa die Lohner Sissy, das erste zweisitzige Moped, oder den legendären Roller L125. Mit seiner gedrungenen Bauform prägte er das Bild der Nachkriegsstadt. 1970 schlossen die Lohner-Werke dennoch die Fabrikstore.

Bis Andreas Lohner nach vierzigjähriger Pause den Faden wieder aufnahm. Man kann den Stolz förmlich greifen, wenn er seine Geisteskinder in den Ausstellungsraum schiebt: den „Stroler“, ein retrofuturistisches Hybrid aus Fahrrad und Elektromoped. Und die „Lea“, einen optisch stark an das Modell L125 angelehnten „Urban Cruiser“. Ein erfrischender Anblick, erst recht, wenn man die historische Vorlage noch dunkel in Erinnerung hat.

Aber braucht die Welt noch weitere Elektrofahrzeuge? Das wird der Markt entscheiden. Die Leistungsdaten lesen sich gut, das Design ist ein deutlicher Distinktionsfaktor, es stecken fünf Jahre Entwicklungsarbeit drin. Jetzt gilt es mit Schwung loszutuckern (pardon: loszusurren)!

Was die Welt jedenfalls braucht, sind Leute wie Andreas Lohner. Man mag es für lachhaft halten, wenn ein ehemaliges Riesen-Unternehmen nun als Daniel Düsentrieb-Bastelbude wieder ersteht. Und der Markenname Lohner so einen zweiten Frühling erleben soll. Aber es ist genau dieser Geist, der auch ganz am Anfang stand: höchstpersönliche Mobilität, begründet durch eine sachliche Analyse der Lage, verbunden mit dem Mut zum Aufbruch. Die Werbetexter mussten nur die Firmengeschichte nacherzählen.

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Gewöhnungseffekt

15. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (303) Wir gewöhnen uns langsam, aber sicher an eine Zukunft, die nur in der Gegenwart harmlos wirkt.

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Ich fürchte, man kann es nicht mehr hören. Und will es nicht mehr lesen. Oder die Sachlage gar ernsthaft diskutieren. Fast täglich trudeln Hinweise, Belegstücke, ja glasklare Beweise dafür ein, dass wir pauschal verdächtigt, abgehört und bespitzelt werden. Vollkommen ungerührt, ungeniert und ungeachtet der hiesigen Gesetzeslage.

So tauchte diese Woche ein Dokument auf, das ein besonderes Interesse des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Kunden des österreichischen Internet-Providers UPC – Domain: chello.at – belegt. Der Datenverkehr von Nutzern dieses Anbieters wird mit einem Spionageprogramm namens „Upstream“ direkt von den Knotenpunkten der Glasfaserkabeln abgesaugt. UPC selbst weiss davon offiziell nichts, verwahrt sich aber – zumindest verbal – gegen diesen Angriff auf die unternehmerische Integrität und Reputation. „Wir setzen“, so ein Statement aus der Firmenzentrale, „ständig alle erforderlichen Schritte, um unser Netzwerk zu sichern“.

Letztendlich ist man aber macht- und hilflos. So macht- und hilflos wie unsere Volksvertreter. Die Politik – wenn man noch an das Primat der Demokratie und damit einer gewählten, verantwortungsbewussten Repräsentanz der Bevölkerung durch Politiker/innen glaubt – scheint entweder komplett die Augen zu verschliessen. Längst resigniert zu haben. Oder gar von der Wühlarbeit der US-Schattenkrieger zu profitieren.

Gewöhnung, Abstumpfung und kollektive Verdrängung greifen perfekt. Die Bürger dieses Landes, weithin desinteressiert an komplexen Themen der Digitalsphäre, scheinen sich mehr und mehr mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das alles ganz normal und alltäglich ist. Die üblichen Verdächtigen – Datenschützer, Oppositionspolitiker und Verschwörungstheoretiker – nörgeln rum, Juristen und Staatsanwälte schweigen beredet, der Journalismus übt sich in der Folklore des Abwägens und Abwiegelns (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und alles läuft stillschweigend weiter wie gehabt. Wie werde ich meiner Enkeltochter einst erklären, dass wir uns alle so verhalten haben und nicht anders?

Denn es ist absehbar, wohin dieser Gleichschritt der Ignoranz führt: direkt in den Abgrund. Ach, Sie meinen, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“? Ich bitte dringend darum, nachzuforschen, wem dieser Satz zugeschrieben wird. Unter uns: diese Recherche – etwa via Google – macht Sie gleich extra verdächtig.

Garagen-Sound

9. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (302) Schwäbisch-Gmünd gilt nicht als Mekka der HiFi-Welt. Nubert arbeitet seit 40 Jahren daran, das zu ändern.

Günther Nubert

Die Garage ist ein mystischer Ort. Vor allem dann, wenn sie zweckentfremdet wird – also eben nicht als Autoabstellplatz, Reifenlager oder Geräteschuppen dient. Die berühmteste Garage der Welt hat die Adresse 367 Addison Avenue in Palo Alto, Kalifornien, USA. Hier werkten ab 1939 die Elektronikpioniere Bill Hewlett und David Packard, heute gilt die enge Holzhütte als Geburtstätte von Silicon Valley.

Nicht ganz so bekannt wie die Gründer des weltumspannenden Konzerns Hewlett-Packard ist der schwäbische Firmenchef Günther Nubert. Aber auch er hat es vom Tüftler und Bastler zum anerkannten, mittelständischen Unternehmer gebracht. Und auch hier stand eine Garage ganz am Beginn. Offensichtlich eine ideale Umgebung, um sich der Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch jungen Transistortechnik zu widmen, Mischpulte und Verstärker zu bauen und über bessere, sprich: „ehrlichere“ HiFi-Boxen zu sinnieren, als sie am Markt zu finden waren. Was wiederum Freunde und Bekannte von Günther Nubert zu ersten begeisterten Kunden machte. Im Zug der „Legalisierung eines Zustands“ (so der Firmengründer) wurde aus der Bastelbude anno 1975 die Nubert Electronic GmbH.

Dieses Unternehmen zählt heute zu den grössten Lautsprecher-Herstellern Deutschlands. Am Design kann es nicht liegen: die Schallwandler aus Schwäbisch-Gmünd machen dem Begriff „Box“ alle Ehre – sie sind solide, konservativ, geradlinig. Vielleicht sogar ein bisschen bieder. Aber sie klingen durch die Bank wirklich gut. Zu höchst erstaunlichen Preisen. Denn das ist der eigentliche kaufmännische Trick von Nubert: er verkauft seine Erzeugnisse direkt. Ohne Zwischenhandel. Und steckt die so flugs vergrösserte Marge – ähnlich wie der schärfste Kokurrent Teufel aus Berlin – in Audio-Qualität „made in Germany“.

Nun ist Lautsprecherbau keine Raketentechnologie. Die Grösse von Gehäusen, Membranen und Magneten, eine sorgfältige Auswahl von Dämpfungsmaterial, Weichen und Filtern und ihre finale Feinabstimmung ergibt üblicherweise die Rezeptur für Wohlklang. Aber vielleicht schwingen auch – unbewusst hörbar – unternehmerische Dynamik, ein ungebrochener Hang zur Feintüftelei und ein ewiger Drang nach handwerklicher Perfektion mit.

Anders lässt es sich nicht erklären, dass selbst eine pummelige 560 Euro-Zweiwege-Einsteiger-Box wie die Nubert nuBox 483 im Handumdreh’n aus meinem Wohnzimmer eine Garage macht. Also einen mit Musik erbauten Palast der Visionen, Wünsche und Ideen.

Zweierlei Sichtweisen

1. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (301) Darf eigentlich nur der Staat seine Bürger überwachen – und die sich nicht selbst?

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Die Welt wird immer komplexer. Und verrückter. Möchte man jedenfalls meinen, wenn man kopfschüttelnd all die surrealen Anläufe wahrnimmt, mit Regeln, Gesetzen, Verboten und Strafen unseren Alltags normieren zu wollen. Eine Tendenz, die von vielen Mitmenschen unabsichtlich oder auch mutwillig sabotiert wird – man nimmt halt metaphorisch gern den Abkürzer quer über den Rasen, auch wenn der Landschaftsarchitekt auf seinem Reißbrett einen anderen Weg eingezeichnet hat.

Ein Beispiel: es ist strikt verboten, an der Fassade des eigenen Hauses oder am Armaturenbrett des eigenen Autos eine Kamera zu montieren. Zu – huch!, böses Wort! – Überwachungszwecken. Man kann das partiell nachvollziehen, weil ja die permanente Aufzeichnung des Lebens im Vorgarten oder auf der Strasse auch ordentlich nerven kann (vom Nachbarn bis hin zu unbeteiligten Passanten). Und ein Generalverdacht – so vorhanden – durchwegs negative Reaktionen impliziert. Aber warum scheisst sich, pardon!, der Gesetzgeber dann absolut nichts, wenn es um Behörden, IT-, Telekommunikations- und Sicherheitsunternehmen oder NSA-Spezis in Wiener Vorortevillen geht? Oder uns die Polizei ständig per „Verkehrskamera“ im Visier hat? Quod licet iovi non licet bovi.

Nun pfeifen sich natürlich tausende Österreicherinnen und Österreicher auch nichts – und haben eine sogenannte Dashcam in ihrem Vehikel montiert. Mit diesen billigen, aber brauchbare Aufnahmen liefernden Geräten – die es auch ganz legal zu kaufen gibt – filmt man ungeniert, was einem so in die Quere kommt. Von der vorbeihuschenden Landschaft bis zum Verkehrsrowdy und potentiellen Unfallgegner (spektakuläre Aufnahmen meist russischer Provinienz lassen sich gehäuft auf YouTube betrachten).

Beweiskraft vor Gericht haben solche Bilder keine – weil ja eigentlich verboten. Im Einzelfall aber kann und darf der Richter anders entscheiden. Und das Bergpanorama am Großglockner zu filmen, so die ÖAMTC-Juristin Ursula Zelenka, sei jedenfalls erlaubt.

Das ist natürlich völlig gaga. Denn wenn lebensfremde Verbote schlagend werden, müsste jede Action-Cam auf der Skipiste oder auch nur ein per Smartphone beiläufig dokumentierter City-Spaziergang illegal sein. Zwei österreichische Unternehmer wollen die Sachlage jetzt vom Verwaltungsgerichtshof klären lassen: ihre Cam namens „Blackboxer“ dient eindeutig nicht dubiosen Zwecken. Sondern der Sicherheit. Man darf gespannt sein, wie Väterchen Staat das sieht.

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