Archive for April, 2015

Maschinen-Raum & Zeit

25. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (308) Es gibt Maschinen, die unseren Verstand übersteigen. Eine davon kreist seit 25 Jahren über unseren Köpfen.

Hubble Teleskop

Was ist die bislang mächtigste von Menschenhand erbaute Maschine? Gute Frage. Kommt wohl darauf an, was man als „mächtig“ bezeichnet und was präzise unter einer Maschine zu verstehen ist. Denn streng genommen ist das Ding, das ich heute in den Fokus der Betrachtungen rücken möchte, eher ein wissenschaftliches Instrument – wiewohl es als Gerät, das durch ein Antriebssystem bewegte mechanische Teile enthält, auch der Definition einer Maschine entspricht.

Mit 13,1 Meter Länge, einem Durchmesser von 4,4 Metern, einer Masse von elfeinhalb Tonnen und dem Aussehen einer leicht verschrammten Blechbüchse ist das Hubble Weltraumteleskop für die „Generation Transformers“ wohl auf den ersten Blick nicht übermässig beeindruckend. Dabei ermöglicht es, ziemlich exakt seit einem Vierteljahrhundert in 560 Kilometern Höhe über unseren Köpfen kreisend, Erkenntnisse, die unseren Verstand überschreiten. Wohlgemerkt: unseren – nicht den von Stephen Hawking und jener Handvoll von Wissenschaftlern rund um den Erdball, die sich der systematischen Erforschung von Raum und Zeit verschrieben haben.

Erdacht wurde ein extraterrestrisches Fernrohr, das nicht durch den Schleier der Erdatmosphäre behindert wird, schon Jahrzehnte, bevor man die nach dem Astronomen Edwin Hubble benannte Vorrichtung via Space Shuttle ins All transportierte. Das Resultat übertraf – trotz mannigfaltiger Konstruktionsfehler und Widrigkeiten, die mit fünf komplizierten Service-Missionen bereinigt werden mussten – alle Erwartungen. Prächtige Bilder unbekannter Galaxien, erdähnlicher Exoplaneten, sterbender Sterne, riesiger Schwarzer Löcher und verbogener Neptun- und Pluto-Monde erzeugten auch bei Laien offenes Staunen.

Letztere mögen nur für Vollständigkeitsfanatiker im Sternkatalog-Club von Belang sein, die Erkenntnis aber, dass das All durch bislang unerforschte Kräfte seine Expansion immerzu beschleunigt, lässt auch die Wissenschaft an ihre Grenzen stossen. Letztlich ist Hubble eine Zeitmaschine, die uns Milliarden Jahre zurück in den Urgrund des Universums blicken lässt.

Dennoch sind die Tage von Hubble gezählt. Was wird uns erst der weit mächtigere Nachfolger, das bereits in Bau befindliche James Webb Space Telescope, erschauen lassen? Sofern der Himmelskörper, um den sich aus unserem weithin nichtsahnend-eitlen Blickwinkel alles dreht, dann überhaupt noch von der Spezies Mensch bevölkert ist.

Wir spielen Leben

24. April 2015

Anmerkungen zu einem bis dato unveröffentlichten Live-Album von Hansi Lang.

LANG Cover

Wir schreiben das Jahr 2015, und es liegt eine Stimmung in der Luft wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine Sehnsucht, eine fiebrige Aufbruchsstimmung, eine Erwartung an kommende Dinge.

Wanda, eine Wiener Formation mit lässiger Scheiss-mich-nix-Attitüde, ist die Band der Saison. Gemeinsam mit seelenverwandten Gruppen wie Bilderbuch, Kreisky oder Ja, Panik rockt man die Feuilletons und Radiostationen auch jenseits der Grenzen. Alte Helden wie Minisex oder Chuzpe veröffentlichen nach langen Pausen wieder Platten (und sie klingen frisch und hungrig!), neue Heroen wie Ernst Molden und Der Nino aus Wien tun sich zusammen, um die Austropop-Vergangenheit durch den Fleischwolf zu drehen. Bei Generationentreffen zwischen Ö3- und FM4-Apologeten wird gemeinsam „Der schönste Mann von Wien“ besungen. Und das Selbstbewusstsein dieser Stadt schwingt sich zu neuen, lichten Höhen empor.

Und dann fällt – wie zufällig – der Name Hansi Lang. In einem Interview mit Wanda, wo die Band nach ihren Einflüssen und Vorbildern gefragt wird. Zunächst kommt man auf Falco. „Ich glaube, das ist eine uralte Sehnsucht nach Mythen und nach Legenden, die auch immer sehr aufschlussreich sind“, wird Marco Michael Wanda zitiert. „Wenn man es will, findet man sich selbst in solch ausformulierten Biographien wieder. Deswegen fasziniert Menschen immer solch ein Mythos um eine Person. Ich glaube, dass das die Sehnsucht des Publikums ist, nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Uns schmeichelt der Vergleich.“ Und dann fällt der Name Hansi Lang. Und es ist kein Zufall, dass hier der Hans auf den Hans trifft und beide zusammen auf einen heutigen Bewunderer.

Schnitt. „Wir haben immer gewusst, es wird der Hansi.“ Jetzt spricht Thomas Rabitsch, langjähriger Freund und musikalischer Wegbegleiter von Lang wie auch von Falco. „Aber es ist der andere Hansi geworden. Wir haben wirklich geglaubt: Wenn einer ein Riesenstar wird, dann ist das der Hansi Lang. Dass das der andere Hans wurde, Falco, das kam schon sehr unerwartet.“

Nun: das ist eine sehr offene, fast ernüchternde Aussage (zu finden im Buch „WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“, erschienen im Falter Verlag). Aber sie erzählt uns – auch – etwas vom Mythos und der Strahlkraft und der Person Hansi Langs. Und der Sehnsucht des Publikums nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Hier ist sie zu finden. In den besten Live-Dokumenten – abseits der bekannten Studio-Alben von Hansi Lang –, die aufzutreiben waren.

1982, im „Metropol“, da sind die Aufbruchsstimmung, der Furor, die Gier nach Neuem geradezu greifbar. Zwar huldigt man mit „Love Me Tender“ ol’ Elvis (eine nicht unüberraschende Einlage!), aber es ist eine halb ergriffene, halb ironische Remineszenz an die Frühzeit des Rock’n’Roll. 1997, im „Rockhaus“ (das heute gar nicht mehr existiert), dominieren die Reife und Abgeklärtheit eines Musikers, der alles gesehen hatte – bis auf eine durchschlagende Weltkarriere á la Falco. Was ihm in den Augen seiner Bewunderer nichts von seinem Nimbus nahm. Und nimmt.

„Live Is Life“ sang eine andere österreichische Band, und sie landete damit – eher zufällig – einen Welterfolg. La la lala la. Das rücksichtslose Sich-Exponieren – rücksichtslos vor allem auch gegenüber dem eigenen Ich – zum Imperativ zu erklären und das Leben zum Gesamtkunstwerk, das schaffen dagegen nur wahre Künstlernaturen. 2015 wäre Hansi Lang 60 Jahre alt geworden. Dass er dieses Alter nicht erreicht hat, ist einer schicksalshaften Konsequenz geschuldet, die er mit seinem Freund und Musikerkollegen Hans Hölzel teilt.

Keine Angst: einer tiefergreifenden Mythologisierung bedarf es nicht. Lang-Fans wissen, was sie erwarten dürfen. Und was sie erwartet. Biografische Daten und weiterführende Details hält der digitale Kosmos parat. Noch mehr Wortbeiwerk hemmt nur den Genuß dieser Tondoumente. Deren Songs, deren Kraft und deren Dringlichkeit unglaublich heutig ist. Und unfassbar erotisch.

„Falco schläft mit uns“, sagen Wanda. Aber Hansi Lang – der sanftere, der lustvollere, der verbindlichere Liebhaber – wartet schon. Wir spielen Leben.

HANSI LANG : SPIELE LEBEN / LIVE
CD + DVD / Vinyl + DVD
VÖ: Frühjahr 2015 bei Schallter/monkey.

Spaghetti mit Pestizid

20. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (307) Die Autokorrektur dient angeblich unserer Bequemlichkeit. Im Alltag ist sie eine Geißel der Menschheit.

Autokorrektur

Eine Zeitlang ist’s ja halbwegs lustig. Vor allem, wenn es anderen passiert, und nicht einem selbst. „Der Kapitän der Costa Cordalis wurde wegen fahrlässiger Tötung zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt“, steht da etwa zu lesen. Jedermann weiß, dass das Unglücksschiff den Namen Costa Concordia trägt und nicht jenen eines Schlagersängers. Vielleicht ist’s ja auch nur eine probate Ausrede für eigene Flüchtigkeitsfehler und Fehlleistungen – da hat wieder einmal, heisst es dann zumeist, die Autokorrektur zugeschlagen.

Tatsächlich nervt die gut gemeinte, in der Praxis aber ungut gemeine Einrichtung höllisch. Diese Funktion, die modernen Computer-Schreibprogramme, Smartphones und Tablets, aber auch Social Media-Textfeldern standardmässig innewohnt, sorgt regelmässig für Buchstabendreher, Verschreiber und Pannen. Oft peinlichster Natur. Da wird rasch mal aus einem „eleganten Körper“ ein „Elefantenkörper“, aus einem „Meeting“ plötzlich „Petting“, aus einer „Flugbuchung“ eine „Pflugbuchung“, aus dem kleinen „Maxi“ ein „Nazi“ und aus „Spaghetti mit Pesto“ ein Menü mit „Pestizid“. Fail!

Schnell getippt und kurz unaufmerksam, schon ist die falsche Botschaft – Sigmund Freud hätte da seine Freude dran gehabt! – auf dem Weg zum Empfänger, der/die dann oft reichlich konsterniert aus der Wäsche schaut. Wenn Wortschatz und Formulierungskunst des Benutzers die beschränkte künstliche Intelligenz des Geräts übersteigen, ist das Unglück quasi vorprogrammiert.

Nun kann natürlich die Autokorrektur-Funktion, übl(ich)erweise noch ergänzt durch eine automatische Ergänzung von Worten und ganzen Phrasen, ausgeschaltet werden. Es gelten aber die zwei elementaren Grundregeln des technischen Universums. Erstens: der richtige Schalter ist immer in der falschen Position. Zweitens: sollte er in der richtigen Position sein, ist es der falsche Schalter. Jedenfalls funkt die Autokorrektur, auch wenn man sie tausendmal deaktiviert, wie von Zauberhand wieder dazwischen. Meist im unpassendsten Moment.

„Der grösste Irrsinn aber ist“, bemerkte ein Leser des „Standard“ in einer einschlägigen Sammlung denkwürdiger Fehlleistungen, „dass zumindest das iPhone beim Drücken von „Senden“ das letzte Wort automatisch ersetzt – und man gar keine Chance mehr hat zu kopulieren.“

David versus Goliath

12. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (306) Facebook scheint unangreifbar. Und nutzt jeden juristischen Trick, um sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen.

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David gegen Goliath? Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Zumindest in der Bibel. Seither sind einige Jahrtausende vergangen, aber auch in der komplexen Welt von heute hat das Gleichnis vom beherzten Einzelkämpfer, der einen Koloss ins Wanken bringt, nicht an Signalwirkung verloren.

Auftritt: Max Schrems. Seit Donnerstag steht der junge Salzburger Jurist im Saal 8 des Landesgerichts für Zivilrechtssachen in Wien, um die bislang grösste europäische Datenschutz-Sammelklage („Europe versus Facebook“) zu verhandeln. Der Gegner scheint übermächtig. Seine Anwälte meinen gleich zum Auftakt, das wäre der falsche Ort für ein Gerichtsverfahren, der Kläger eigentlich kein Facebook-User, sondern quasi nur ein geschäftstüchtiger Querulant und die Sache überhaupt ein schlechter Witz.

Nun: es ist immer wieder bestürzend zu erleben, wie die Erörterung einer „res publica“ – einer öffentliche Angelegenheit, die die Gesellschaft generell betrifft – mittels juristischer und bürokratischer Spitzfindigkeiten hintangehalten wird. Egal, ob es sich um den Untersuchungsausschuss zur Hypo Alpe Adria oder die Geschäftsprinzipien und -Praktiken eines Konzerns wie Facebook handelt. Insofern sollten wir Max Schrems dankbar sein, dass er sich das – stellvertretend für viele Datenschutz-Aktivisten weltweit – antut. Hier ist nicht der Platz, ins Detail zu gehen, aber: es geht um einiges. Grundsätzliches. Heikles. Zukunftsweisendes.

Ich frag’ mich ja seit Jahr und Tag: warum kopiert man das Faszinosum Facebook, sprich: seine kommunikative Funktionalität, nicht ungeniert und möglichst weitgehend? Und schafft ein, zwei, viele neue soziale Netzwerke – reduziert um ihre schlimmsten kommerziellen Widrigkeiten, mit expliziter Betonung der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung? Also quasi ein öffentlich-rechtliches Modell, das natürlich auch Geld verdienen darf und soll. Aber bei dem Profit letztlich nicht die einzige Maxime ist.

Man komme mir jetzt nicht mit Hinweisen auf das de-fakto-Monopol und die weltumspannende Rolle von Facebook: der Grossteil unserer Unterhaltungen läuft unter persönlichen Freunden, bezieht sich auf einen Umkreis von ein paar hundert Kilometern und könnte auch in einer Bassena stattfinden. Und manche Länder haben längst eigene Klone (mit eigenen Spielregeln, die oft genug auch höchst fragwürdig sind) aufgesetzt: in China heissen sie Renren („Jeder“), Kaixin001 oder 51.com, in Russland Vkontakte. Natürlich gibt es auch Entsprechungen für Twitter, Business-Networks und Dating-Plattformen.

Das wäre doch auch mal eine interessante Ausgangsposition vor Gericht: wie weit reicht hier das Urheberrecht? Und worauf bezieht es sich: auf Programmcodes, gestalterische Details oder – man denke an den Versuch, sich Farben oder Genstrukturen patentieren zu lassen – auf grundlegende Muster und Gesetzmässigkeiten menschlicher Interaktion? Die Causa „Planet Earth versus Facebook“ könnte noch spannend werden. Einstweilen warten wir ab, wie sich der wackere Max Schrems schlägt. Und halten ihm alle Daumen.

Heimvorteil

5. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (305) „Made in Austria“ ist kaum mehr etwas in der HiFi-Welt. AKG hält die Tradition hoch – mit Ausnahmeprodukten wie dem Kopfhörer K812.

AKG K 812

Manchmal ist Technik stark mit Erinnerung verbunden. Mit bestimmten Orten, Bildern, Logos, ja sogar Gerüchen.

In diesem Fall ist es eine ehemalige Produktionsstätte der „Akustische und Kino-Geräte Gesellschaft m.b.H.“ in der Brunhildengasse in Wien-Fünfhaus – einer Gegend, in der ich meine Pubertät durchlebte. Die Firma AKG (die Abkürzung erklärt sich damit von selbst) genoss jedenfalls schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen legendären Ruf, der den beschaulichen Bezirk mit dem internationalen Rock’n’Roll-Business in Beziehung brachte. Und damit auch einen jugendlichen Musikfan wie mich elektrisierte.

1947 von Dr. Rudolf Goerike und Ing. Ernst Pless mit nur fünf Mitarbeitern gegründet, erwarb sich AKG rasch Weltruf in der Audio- und Video-Branche. Projektoren, Lautsprecher und Mikrofone kamen in Kinos, Veranstaltungssälen und Musikclubs zum Einsatz, ab 1949 baute man auch Kopfhörer. Herbert von Karajan verwendete AKG-Equipment ebenso wie die Beatles, Rolling Stones, ABBA, Stevie Wonder oder Falco. Zunächst war Philips internationaler Partner, heute gehört das Unternehmen zur amerikanischen Harman-Gruppe, die einige berühmte HiFi-Traditionsmarken unter ihren Fittichen hat. Der Kaufpreis anno 1993: ein symbolischer Schilling – man war zuvor durch eine aggressive Expansionspolitik ins Trudeln geraten.

Trotzdem gibt es noch AKG-Geräte, die nicht in den USA oder China hergestellt werden. Zuvorderst solche der Profi-Abteilung. So ist man in Wien derzeit besonders stolz auf das Kopfhörer-Modell K812, das als „Superior Reference Headphones“ beworben wird. Und womit? Mit Recht. Ich habe selten ein Audio-Produkt getestet, das einen so exzellenten, natürlichen Klangeindruck hinterließ. Zwar kostet das gute Stück einiges – nämlich mehr als eineinhalb Tausender (diesmal freilich Euro) –, aber in der Profiliga ist präzises Hören ein Imperativ.

Es sei das „kompromissloseste Model der Firmengeschichte“, sagt der Begleitzettel. Nun: in der Form lehnt sich der K812 an frühere Klassiker wie den K240 an. Kann da ein Mittelklasse-Kopfhörer wie mein geliebter Bose Qietcomfort oder der neue Sennheiser Momentum Wireless mithalten? Gute Frage. Nächste Frage. Denn der Profi weiss: wenn man mal auf ein bestimmtes Klangbild eingeschworen ist (das im Idealfall absoluter Neutralität nahekommt), hat man seine persönliche Referenz definiert. Hier ist sie – wohlan! – „Made in Austria“.

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