David versus Goliath

12. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (306) Facebook scheint unangreifbar. Und nutzt jeden juristischen Trick, um sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen.

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David gegen Goliath? Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Zumindest in der Bibel. Seither sind einige Jahrtausende vergangen, aber auch in der komplexen Welt von heute hat das Gleichnis vom beherzten Einzelkämpfer, der einen Koloss ins Wanken bringt, nicht an Signalwirkung verloren.

Auftritt: Max Schrems. Seit Donnerstag steht der junge Salzburger Jurist im Saal 8 des Landesgerichts für Zivilrechtssachen in Wien, um die bislang grösste europäische Datenschutz-Sammelklage („Europe versus Facebook“) zu verhandeln. Der Gegner scheint übermächtig. Seine Anwälte meinen gleich zum Auftakt, das wäre der falsche Ort für ein Gerichtsverfahren, der Kläger eigentlich kein Facebook-User, sondern quasi nur ein geschäftstüchtiger Querulant und die Sache überhaupt ein schlechter Witz.

Nun: es ist immer wieder bestürzend zu erleben, wie die Erörterung einer „res publica“ – einer öffentliche Angelegenheit, die die Gesellschaft generell betrifft – mittels juristischer und bürokratischer Spitzfindigkeiten hintangehalten wird. Egal, ob es sich um den Untersuchungsausschuss zur Hypo Alpe Adria oder die Geschäftsprinzipien und -Praktiken eines Konzerns wie Facebook handelt. Insofern sollten wir Max Schrems dankbar sein, dass er sich das – stellvertretend für viele Datenschutz-Aktivisten weltweit – antut. Hier ist nicht der Platz, ins Detail zu gehen, aber: es geht um einiges. Grundsätzliches. Heikles. Zukunftsweisendes.

Ich frag’ mich ja seit Jahr und Tag: warum kopiert man das Faszinosum Facebook, sprich: seine kommunikative Funktionalität, nicht ungeniert und möglichst weitgehend? Und schafft ein, zwei, viele neue soziale Netzwerke – reduziert um ihre schlimmsten kommerziellen Widrigkeiten, mit expliziter Betonung der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung? Also quasi ein öffentlich-rechtliches Modell, das natürlich auch Geld verdienen darf und soll. Aber bei dem Profit letztlich nicht die einzige Maxime ist.

Man komme mir jetzt nicht mit Hinweisen auf das de-fakto-Monopol und die weltumspannende Rolle von Facebook: der Grossteil unserer Unterhaltungen läuft unter persönlichen Freunden, bezieht sich auf einen Umkreis von ein paar hundert Kilometern und könnte auch in einer Bassena stattfinden. Und manche Länder haben längst eigene Klone (mit eigenen Spielregeln, die oft genug auch höchst fragwürdig sind) aufgesetzt: in China heissen sie Renren („Jeder“), Kaixin001 oder 51.com, in Russland Vkontakte. Natürlich gibt es auch Entsprechungen für Twitter, Business-Networks und Dating-Plattformen.

Das wäre doch auch mal eine interessante Ausgangsposition vor Gericht: wie weit reicht hier das Urheberrecht? Und worauf bezieht es sich: auf Programmcodes, gestalterische Details oder – man denke an den Versuch, sich Farben oder Genstrukturen patentieren zu lassen – auf grundlegende Muster und Gesetzmässigkeiten menschlicher Interaktion? Die Causa „Planet Earth versus Facebook“ könnte noch spannend werden. Einstweilen warten wir ab, wie sich der wackere Max Schrems schlägt. Und halten ihm alle Daumen.

2 Antworten to “David versus Goliath”


  1. Hat dies auf ndblckmlk rebloggt und kommentierte:
    Dem ist nichts hinzuzufügen.


  2. […] sind. Die Eintrittskarten sind gratis, mit der Bandenwerbung verdient Marc Zuckerberg Milliarden. Durchschauen tun die gefrässige Clickbaiting-Maschinerie nur die allerwenigsten, beherrschen nur jene, die […]


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