Wir spielen Leben

24. April 2015

Anmerkungen zu einem bis dato unveröffentlichten Live-Album von Hansi Lang.

LANG Cover

Wir schreiben das Jahr 2015, und es liegt eine Stimmung in der Luft wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine Sehnsucht, eine fiebrige Aufbruchsstimmung, eine Erwartung an kommende Dinge.

Wanda, eine Wiener Formation mit lässiger Scheiss-mich-nix-Attitüde, ist die Band der Saison. Gemeinsam mit seelenverwandten Gruppen wie Bilderbuch, Kreisky oder Ja, Panik rockt man die Feuilletons und Radiostationen auch jenseits der Grenzen. Alte Helden wie Minisex oder Chuzpe veröffentlichen nach langen Pausen wieder Platten (und sie klingen frisch und hungrig!), neue Heroen wie Ernst Molden und Der Nino aus Wien tun sich zusammen, um die Austropop-Vergangenheit durch den Fleischwolf zu drehen. Bei Generationentreffen zwischen Ö3- und FM4-Apologeten wird gemeinsam „Der schönste Mann von Wien“ besungen. Und das Selbstbewusstsein dieser Stadt schwingt sich zu neuen, lichten Höhen empor.

Und dann fällt – wie zufällig – der Name Hansi Lang. In einem Interview mit Wanda, wo die Band nach ihren Einflüssen und Vorbildern gefragt wird. Zunächst kommt man auf Falco. „Ich glaube, das ist eine uralte Sehnsucht nach Mythen und nach Legenden, die auch immer sehr aufschlussreich sind“, wird Marco Michael Wanda zitiert. „Wenn man es will, findet man sich selbst in solch ausformulierten Biographien wieder. Deswegen fasziniert Menschen immer solch ein Mythos um eine Person. Ich glaube, dass das die Sehnsucht des Publikums ist, nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Uns schmeichelt der Vergleich.“ Und dann fällt der Name Hansi Lang. Und es ist kein Zufall, dass hier der Hans auf den Hans trifft und beide zusammen auf einen heutigen Bewunderer.

Schnitt. „Wir haben immer gewusst, es wird der Hansi.“ Jetzt spricht Thomas Rabitsch, langjähriger Freund und musikalischer Wegbegleiter von Lang wie auch von Falco. „Aber es ist der andere Hansi geworden. Wir haben wirklich geglaubt: Wenn einer ein Riesenstar wird, dann ist das der Hansi Lang. Dass das der andere Hans wurde, Falco, das kam schon sehr unerwartet.“

Nun: das ist eine sehr offene, fast ernüchternde Aussage (zu finden im Buch „WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“, erschienen im Falter Verlag). Aber sie erzählt uns – auch – etwas vom Mythos und der Strahlkraft und der Person Hansi Langs. Und der Sehnsucht des Publikums nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Hier ist sie zu finden. In den besten Live-Dokumenten – abseits der bekannten Studio-Alben von Hansi Lang –, die aufzutreiben waren.

1982, im „Metropol“, da sind die Aufbruchsstimmung, der Furor, die Gier nach Neuem geradezu greifbar. Zwar huldigt man mit „Love Me Tender“ ol’ Elvis (eine nicht unüberraschende Einlage!), aber es ist eine halb ergriffene, halb ironische Remineszenz an die Frühzeit des Rock’n’Roll. 1997, im „Rockhaus“ (das heute gar nicht mehr existiert), dominieren die Reife und Abgeklärtheit eines Musikers, der alles gesehen hatte – bis auf eine durchschlagende Weltkarriere á la Falco. Was ihm in den Augen seiner Bewunderer nichts von seinem Nimbus nahm. Und nimmt.

„Live Is Life“ sang eine andere österreichische Band, und sie landete damit – eher zufällig – einen Welterfolg. La la lala la. Das rücksichtslose Sich-Exponieren – rücksichtslos vor allem auch gegenüber dem eigenen Ich – zum Imperativ zu erklären und das Leben zum Gesamtkunstwerk, das schaffen dagegen nur wahre Künstlernaturen. 2015 wäre Hansi Lang 60 Jahre alt geworden. Dass er dieses Alter nicht erreicht hat, ist einer schicksalshaften Konsequenz geschuldet, die er mit seinem Freund und Musikerkollegen Hans Hölzel teilt.

Keine Angst: einer tiefergreifenden Mythologisierung bedarf es nicht. Lang-Fans wissen, was sie erwarten dürfen. Und was sie erwartet. Biografische Daten und weiterführende Details hält der digitale Kosmos parat. Noch mehr Wortbeiwerk hemmt nur den Genuß dieser Tondoumente. Deren Songs, deren Kraft und deren Dringlichkeit unglaublich heutig ist. Und unfassbar erotisch.

„Falco schläft mit uns“, sagen Wanda. Aber Hansi Lang – der sanftere, der lustvollere, der verbindlichere Liebhaber – wartet schon. Wir spielen Leben.

HANSI LANG : SPIELE LEBEN / LIVE
CD + DVD / Vinyl + DVD
VÖ: Frühjahr 2015 bei Schallter/monkey.

9 Antworten to “Wir spielen Leben”


  1. Lieber Walter, eigentlich wollte ich nur folgenden Link anfügen: http://derstandard.at/2000018120880/Schau-Geniale-Dilletanten-Kebabtraeume-in-Kellerraeumen
    denn in Deutschland ist besagte Zeit, Anfang der 80er mittlerweile museumsreif (im doppelten Wortsinn). Aber mich ärgert Dein Artikel, und zwar deshalb, weil er die alte Leier des tragisch gescheiterten Helden unreflektiert weiterspinnt: Typisch österreichische Larmoyanz! Daran ändert auch nichts, dass junge Musiker sich auf diesen alten Schmarren berufen. „Leute, die Heldenreise ist in der Theorie schon längst als obsolet entsorgt worden, auch wenn ihr es bisher nicht bemerkt habt“. Und „Leben spielen“ ist sowas von unpassend in einer Zeit, wo wahnsinnige Dschihadisten „Tod spielen“. Es gilt „an der Welt teilzunehmen“, trotz oder gerade erst recht wegen Diedrich Diedrichsens gewohnt obergscheiter Anmerkung“„…weil die Teilnahme an der Welt so korrupt und hässlich ist“!

    • Walter Gröbchen Says:

      Ich verstehe Deinen Standpunkt, aber – in intimer Kenntnis beider tragisch gescheiterter Helden – halte ich die paar Zeilen für eine gültige retrospektive Einschätzung.


      • Aber ist das nicht auch gleichzeitig das Grundproblem der österreichischen Musiklandschaft, die intime Kenntnis aller handelnden Personen mit-, unter- und gegeneinander? Und es ist letztendlich auch eine Generationenfrage…

      • Walter Gröbchen Says:

        Was soll hier ein „Grundproblem“ sein? Jede Metropole dieser Welt hätte – Konjunktiv! – dasselbe.


      • Die Pop-Geschichtsschreibung in Wien wird von einer (Generation) dominiert! In einer echten Metropole gäbe es Alternativen.

      • Walter Gröbchen Says:

        Versteh‘ ich auch nur bedingt: es steht doch jedem – und erst recht jeder Generation – frei, ihre Geschichte niederzuschreiben. Alternativen gibt es immer und überall.


  2. Na gut, dann geb ich dir halt diesbezüglich recht :-)
    Aber dennoch, „Nieder mit den Helden, mit der Tragik und erst recht mit den sogenannten Weltstars, denn die braucht aber echt niemand mehr“!

    • Walter Gröbchen Says:

      Ideologisch würde ich Dir gerne recht geben – allein: die Menschheit tickt anders. Und erst der „Fan“…


  3. Nieder mit den Fans :-) Die haben wohl den Bert Brecht versäumt. Kritische Distanz ist gefragt nicht die bedingungslose Unterwerfung. Wenn Pop ausschließlich Fans generiert ist Pop tot. Abgesehen davon ist Pop sowieso tot, er hat es nur noch nicht gemerkt (frei nach Slavoj Zizek)


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