Schweigeminute

24. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (325) Die digitale Sphäre ist ein idealer Durchlauferhitzer für Medien-Aktionismus. Aktuelles Beispiel: die „Schweigeminute (Traiskirchen)“.

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Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich diese Kolumne rasch und beiläufig formuliere. Ich habe gerade Besseres zu tun. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Im Augenblick versuche ich herauszufinden, wie die zuständigen Ansprechpartner bei Apple und Amazon heissen. Und wie man sie an einem Freitagnachmittag erreichen könnte. Denn ich möchte versuchen – ahnend, dass ich damit scheitern werde –, diesen Giganten der digitalen Welt von einem grossen Wunder im kleinen Österreich zu erzählen. Und sie dazu zu bewegen, ihren Teil dazu beizutragen. Das kostet die Konzerne eventuell ein paar Euro, bringt dafür aber jede Menge Aufmerksamkeit. Und Respekt.

Es ist so: vor ein paar Tagen wurde ein junger Mann bei uns im Büro vorstellig. Ein Künstler, der eine Idee hatte. Wie wäre es, dem lauten Getöse und Getriebe des Alltags und dem lärmenden Hickhack der Politik und Medien etwas entgegenzusetzen? Und zwar gezielt in der akuten Frage der Flüchtlichtlingswelle und des beschämenden Umgangs damit. Der Mann heisst Raoul Haspel, sein Vorschlag ist mittlerweile auf Platz eins der Download-Charts gelandet. Und wird wohl bald auch, dazu muss man kein Wahrsager sein, die offizielle Ö3 Top 40-Hitparade erobern.

Zu hören ist – nichts. „Schweigeminute (Traiskirchen)“ ist kein Song, der Robin Schulz, Sido oder Helene Fischer Konkurrenz machen will. Er zwingt uns nur zu einem kurzen, irritierenden Moment des Nachdenkens. Nebeneffekt: die Einnahmen aus dem Download der Sechzig Sekunden-Stille gehen an Organisationen, die im Flüchtlingslager Traiskirchen mehr bewirken können und wollen als der träge Staatsapparat Österreichs.

Das Echo war – und, ja, ich gebe zu, als Medien-Profi und Labelbetreiber hat mich das auch überwältigt – enorm. Von der „ZiB“ bis zur „Zeit“, vom „Spiegel“ bis zur „FAZ“, von der BBC bis zu „Le Monde“ gab und gibt es breite Berichterstattung. Natürlich tauchten auch gleich kritische Stimmen („Eigenwerbung!“) und wissende Spötter auf, die meinten, Raoul Haspel hätte seine Idee bei John Cage („4’33“), der Schweizer Caritas oder sonstwem geklaut. Es gibt aber kein Copyright auf Schweigen, wie lang es immer dauern mag. Und die digitale Moderne mit ihren ultrakurzen „Click/Like/Share/Buy“-Um- und Durchsetzungs-Halbzeiten ist ein wunderbarer Durchlauferhitzer für positiven Aktionismus dieser Bauart…

Pardon, grad’ läutet das Telefon! Ich hoffe, die Corporate Social Responsibility-Abteilung von Amazon oder Apple ist dran. Wir hören uns (nicht).

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