Something interesting

20. September 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (329) Die Digitalisierung des Einzelhandels bereitet altgedienten Geschäftsleuten zunehmend Sorgenfalten.

e-Shopping

„Something interesting is happening.“ So nonchalant formuliert es Tom Goodwin, Senior Vice President Strategy & Information der US-Filiale von Havas Media, der sechsgrössten Medienagentur weltweit.

Uber, so merkt er an, sei der grösste Taxi-Anbieter auf diesem Planeten. Er besitze aber keine Fahrzeuge. Facebook, der populärste Medienbetreiber weltweit, schaffe keine Inhalte. Alibaba wiederum, der international wertvollste Einzelhändler, hätte keinerlei Lagerbestand. Als letztes Exempel seiner Bestandaufnahme der heutigen Geschäftswelt nennt Goodwin schliesslich Airbnb: der global führende Anbieter von Unterkünften besitze keine Immobilien.

Dass mithin „something interesting“, also reichlich Denkwürdiges passiert in unserem Wirtschaftsgefüge, dürfte auch dem schläfrigsten Manager nicht entgangen sein. Die digitale Revolution frisst sich tief und tiefer in die Innereien unseres Konsumverhaltens.

Das merken mittlerweile auch Marken, Ketten und Konzerne, die sich für unangreifbar hielten. Ikea zum Beispiel. Auf einem neuen Sofa will man doch probesitzen, oder? Nun: der schwedische Möbelriese hat „nur“ 7500 Katalognummern in seinem Online-Angebot, Newcomer wie der reine Internet-Anbieter Home24 halten dagegen die zehnfache Menge an Artikeln in ihren virtuellen Schaufensterflächen parat. Da der Versand und die Rückgabe zudem hierorts nichts kosten – zumindest vordergründig, letztlich werden sie ja doch in den Preis eingerechnet – kippen immer mehr Käufer in die „Try & Error“-Praxis in Online-Boutiquen hinein.

Zalando, das – wie alle Online-Anbieter nicht selten von kritischen Stimmen begleitete – Berliner Modehaus 2.0., hat augenscheinlich – man denke an die aufreizenden Werbespots mit Senta Berger & Co. – gerade die Generation 50+ ins Visier genommen. Können traditionelle Fetzentandler, Möbelhändler Design- & Schnickschnack-Stores ihre Shops bald schliessen? Jein. Persönliche, fundierte Beratung wird ungebrochen geschätzt. Aber sie ist per se kein Erfolgsrezept mehr. Erst unlängst zog ORF.ON – unter der plakativen Überschrift „Die verschlafene Revolution“ – eine Zwischenbilanz: „Platzhirsche geraten in Bedrängnis“.

Das gilt übrigens auch für die Platzhirsche im Medien- und Agentur-Business. Denn was wollen Tom Goodwin & Co. ihren Klienten in Zukunft an Werbemassnahmen empfehlen, wenn sich – Achtung, Gegentrend! – Ad-Blocker zunehmend breit machen (wie jetzt gerade in den Apple-App-Charts)? Und – absehbar – Anti-Ad-Blocker (und Anti-Anti-Ad-Blocker, repeat till fade…)? Oder gar, freiwillig oder erzwungenermassen, der ewige Kaufrausch in Konsummüdigkeit umschlägt? More interesting things might be happening.

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