Archive for Oktober, 2015

Spezialdienste

30. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (335) Die „Netzneutralität“ ist Geschichte. Oder: wie uns die Politik fortwährend für dumm verkauft.

Netzfreiheit

Wissen Sie, wer Paul Rübig ist? Ich wusste es bis vor kurzem auch nicht.

Auf der löblichen Internet-Plattform meineabgeordneten.at kann man zu Herrn Rübig – korrekterweise: Kommerzialrat Ingenieur Magister Doktor Paul Rübig – nicht nur nachlesen, dass der gelernte Schmied eine Privatstiftung eingerichtet hat, diverse universitäre Lehraufträge besaß, an allerlei Firmen (Wassertechnologie, Wärmebehandlung etc.) beteiligt ist, seinen Präsenzdienst bei den Gebirgsjägern in Absam geleistet hat und lange Jahre Vizepräsident der Paneuropabewegung war, sondern auch seine aktuelle Funktion erfahren. Voilá: Rübig ist österreichischer EU-Abgeordneter. Und zugleich Schatzmeister der ÖVP-Delegation im Europäischen Parlament.

Nun gut, werden Sie sagen, ein fleissiger, geschäftstüchtiger Mann – aber was kümmert’s mich? Die Antwort betrifft uns leider bald alle: Rübig zählt zu jenen Entscheidungsträgern, die die Abschaffung (oder zumindest Aufweichung) der Netzneutralität vorangetrieben und mitbeschlossen haben. Dieses harmlose Wort steht für ein Grundprinzip des freien Internet: die gleichberechtigte Übertragung von Daten unabhängig von Sender, Empfänger, Inhalt und Anwendung. Experten, darunter der World Wide Web-Begründer Tim Berners-Lee, warnen seit Jahren vor der Aufopferung dieses Grundrechts des digitalen Zeitalters auf dem Altar kommerzieller Interessen.

Forsche Politiker wie Kommerzialrat Rübig ficht das nicht an, im Gegenteil. Er überzeugte als „Telekom-Sprecher“ die ÖVP-Mitstreiter/innen im EU-Parlament, gegen Roaming-Gebühren und für eine „Verordnung über Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“, die er selbst mitformuliert hat, zu stimmen. Kenner der Materie orten darin einen Kuhhandel mit unabsehbaren Folgen.

Der Treppenwitz folgt aber erst. Weil diese Vorgänge doch einige kritische Stimmen und Reaktionen zeitigten, erklärt uns der EU-Parlamentarier im Radio und auf seiner eigenen Homepage, was Sache ist. „Wenn alle anfangen, „House of Cards“ runterzuladen“, so Rübig, „darf das nicht dazu führen, dass der normale Surfer im Stau steht.“ Und, man ahnt es: die Netzneutralität sei nicht gefährdet, sondern – im Gegenteil – erst durch wackere Ritter wie ihn tatkräftig und dauerhaft geschützt. Netzneutralität und „Verkehrsregeln für spezielle Dienste“ seien ja „kein Widerspuch“. Was immer mit den Spezialdiensten gemeint sein mag; die TV-Serie „House of Cards“ streamt ja der „normale Surfer“, oder etwa nicht?

Wie zum Hohn erläuterte Timoetheus Höttges, Vorsatzvorsitzender der Deutschen Telekom AG, raschest, was er unter der Rübig-Doktrin versteht: „Gesicherte Qualität für ein paar Euro mehr“. Wer nicht in die Tasche greifen mag, darf schon mal gewöhnungstechnischvorsorglich auf die Kriechspur wechseln.

Einbrecher, bitte melden!

26. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (334) Bequemlichkeit hat ihren Preis. Bei „Smart Home“-Produkten ist er auf den ersten Blick oft erstaunlich niedrig.

Home Control

Ein entfernter Freund, der vormalige Spitzenmanager, Autor, Segler und Philosoph Z., hat neulich einen bemerkenswert sarkastischen Satz fallen lassen. „Industrie 4.0 heißt übrigens auch“, so der Wortlaut seines Postings, „es kommt die Zeit, in der die Haushaltsgeräte intelligenter sein werden als viele ihrer Besitzer.“ Na bumm.

Lassen wir einmal den Industrie-Komplex beiseite – darüber hören wir eh immer Leute wie Hannes Androsch deklamieren, die sich wohl eher auf ihre offiziösen, überbezahlten Aufsichtsfunktionen im Banken- und Staatsgetriebe konzentrieren sollten… Aber zurück zum Thema: der Verschmelzung maschineller Intelligenz mit unserer alltäglichen Lebenswelt. Da ist tatsächlich allerhand in Gang.

Nehmen wir einmal das vielzitierte „Smart Home“ her. Also die Idee, Haus und Hof technisch ins 21. Jahrhundert zu befördern. Im Baumarkt wuchern die Regale mit elektronischen Lego-Bausteinen für die eigenen vier Wände mittlerweile rapide in die Höhe. Ich selbst habe aktuell zu Testzwecken das „Home Control Starterpaket“ des rührigen deutschen Anbieters devolo auf dem Schreibtisch drapiert – wo es eigentlich nichts verloren hat. Denn ein Tür/Fenster-Kontakt gehört nun mal an Tür oder Fenster, die Schalt- und Messteckdose braucht Strom, Funkschalter, Rauch- und Bewegungsmelder sowie Raumthermostat müssen integriert und vernetzt werden. „Umständliches Kabelverlegen und Bohren entfällt“, verheisst die Bedienungsanleitung – schliesslich nutzt man Powerline-Adapter und den Funkstandard Z-Wave zur digitalen Kommunikation. Und setzt zudem – wer nicht? – auf eine eigene, spezialisierte App, die man sich gratis aufs Handy (pardon: Smartphone) lädt.

Das funktioniert alles leidlich. Und man kann damit risikolos herumspielen. Andere Anbieter fügen zum Portfolio, das Heizung, Licht und Gerätsteuerung abdeckt, jedoch noch Webcams und Alarmanlagen hinzu. Stichwort: Gebäudesicherheit. Was ich wirklich gern machen würde – leider habe ich noch keinen „partner in crime“ gefunden –, wäre ein beinharter Check der tatsächlichen Brauchbarkeit solcher Smart Home-Baukästen. Gerade in Sachen Einbruch und Diebstahl. Nötigt diese vorgeblich von Laien in Minuten installierte Infrastruktur Profi-Einbrechern Respekt ab – oder lässt es sie in Sekundenschnelle in schallendes Gelächter ausbrechen? Sorglos nämlich: einen Geräuschmelder kennt das devolo-„Home Control“-Gadget-Buffet nicht. Dafür eine Fernbedienung ab wohlfeilen 39 Euro.

Die zentrale Frage lautet also: können Haushaltsgeräte tatsächlich intelligenter sein als ihre Besitzer und Benützer? Und, wenn ja: würden sie sich selbst auf die Einkaufsliste setzen?

Kassensturz

18. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (333) Sie sind Unternehmer/in in Österreich und benötigen in Ihrem Geschäft eine neue, gesetzeskonforme Kasse? Gar nicht so einfach.

Registrierkasse

Wenn Sie nach dem Lesen dieser Zeilen zur Meinung gelangt sein sollten, der Autor wäre ein handfester Trottel, eventuell aber auch nur im milder Form lebens- und geschäftsuntüchtig, werde ich Ihnen nicht gram sein. Denn ich bin derselben Meinung. Zumindest seit ich versuche, der demnächst von Väterchen Staat vorgeschriebenen Registrierkassenpflicht auf die Spur zu kommen.

Sie haben sicher schon davon gehört: ab 2016 geht nichts mehr ohne Rechnung. Im Kampf gegen Umsatzsteuerbetrug haben sich der Finanzminister und seine Beamten und Experten auf die verpflichtende Vorschreibung einer manipulationssicheren Kasse geeinigt. Gültig für alle Betriebe und Geschäftsleute, die mehr als 15.000 Euro netto Umsatz pro Jahr machen – ausser sie sind Maronibrater, Fiakerkutscher, Christbaumhändler oder Eisstandler, dann gilt die sogenannte „Kalte Hände“-Regelung mit einem doppelt so hohen Grenzsatz. Auch für sogenannte kleine Vereins- und Feuerwehrfeste, Tierärzte, Rauchfangkehrer oder Friseure (und einige Berufsgruppen mehr) gilt österreichtypisch eine Ausnahme. Kurioserweise übrigens auch für Webshops.

Wesentlich aus Sicht des Finanzamts ist aber neben dem verstärkten Klingeln der Kassa per se eine „technische Sicherheitseinrichtung gemäß § 131b Abs. 2“, also ein hochoffiziell geprüfter, genehmigter und zertifizierter elektronischer Riegel, der jeder erdenkbaren Manipulation vorgeschoben werden soll.

Diese Einrichtung ist allerdings erst ab 2017 zwingend vorgeschrieben. Das hat wohl seine Gründe. Denn derzeit kennt sich, egal, wen ich frage, kaum jemand aus. Sogar das Finanzministerium selbst nicht. Die – Achtung, Wortungetüm! – „Registrierkassensicherheitsverordnung“ (RKS-V) liest sich wie eine Betriebsanleitung für Business-Gschaftlhuber, die im Nebenberuf zugleich Hobby-Steuertheoretiker und IT-Nerds sind. Diverse Kassenanbieter bombardieren die Zielgruppe mit Massen-Werbemails („Zukunftssicherheit garantiert!“), Steuerberater empfehlen aber dringend, derzeit noch keine neue Hard- und Software zu kaufen, denn sie könnte rasch wieder veraltet sein.

Die Wirtschaftskammer spricht längst von „bürokratischem Chaos“, Händler und Kunden sind sowieso ob der Generalunterstellung des Steuerbetrugs verärgert, wirklich betrugssicher ist keine noch so komplexe technische Lösung. Demnächst wird das Tohuwabohu wohl auch ein Thema für die Kabarettszene des Landes.

Immerhin: bis Mitte Juli nächsten Jahres soll hochoffiziell feststehen, welches System zur Manipulationsverhinderung zur Verwendung gelangen wird. Das diesjährige Weihnachtsgeschäft ist gerettet.

Wien darf nicht Marrakesch werden

11. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (332) Wien ist anders: was man als Verkehrsplaner von den Zuständen im Orient lernen kann.

Verkehr

Ich schreibe diese Zeilen in Marrakesch, Marokko. Der Ort ist weltberühmt für seine berückende orientalische Atmosphärik, die am greifbarsten wird in der Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler, Schlangenbeschwörer, Wahrsager und Markttandler in der Mitte der Stadt. Um zu dieser sagenumwobenen Attraktion zu gelangen, muss man sich durch den dichten Verkehr schlagen, der die Boulevards und Gassen der Metropole flutet – und „dicht“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus.

Hier ergibt die nie abreissende Abfolge abertausender Autos, Pferdedroschken, Eselskarren, Motorrräder, Mopeds, Radfahrer und Fußgänger ein Durch- und Miteinander, das augenscheinlich der radikalsten Chaostheorie als lebendiger Beweis dienen kann. Und, ja, die Verkehrsstatistik vermag nicht als Empfehlung für das Modell Marrakesch herhalten – aber als Mitteleuropäer empfinde ich dieses scheinbar regellose, auf Erfahrung, Instinkt und Reflexe vertrauende anarchisch-anarchistische Gewusel faszinierend. Diese Stadt ist eine einzige Begegnungszone. Und sie funktioniert.

Insofern musste ich ein wenig lachen, als ich fern der Heimat von der Eröffnung einer neuen Attraktion in Wien las. Die Schleifmühlbrücke, so der „Kurier“, sei nun „für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar“. Der langwierige Umbau hätte gerade mal 120.000 Euro gekostet. Nun kenne ich das kurze Stückchen Straße, das den Naschmarkt quert, seit meiner Kindheit. Es war immer schon für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar – erstere durch zwei Ampeln zu Schrittempo angehalten. Leute, die auf dem Rad oder per pedes unterwegs waren, hab’ ich nie ein Wort der Beschwerde über den vormaligen Status Quo murmeln hören. Alle dürfen sich jetzt gedankenschwer auf Design-Sitzgelegenheiten ausrasten.

Eh klar: man wollte einmal mehr ein „Leuchtturmprojekt“ grüner Verkehrspolitik installieren – kurioserweise mit dem Segen zweier SP-Bezirksvorsteher, die sich jetzt wechselseitig dafür auf die Schultern klopfen. Nach Protesten von Lieferanten und Anwohnern, die absurde Umwege zu machen hätten, entschied man sich doch gegen eine reine Fußgängerzone. Froh, dass die monatelangen Bauarbeiten für die potemkinsche Behübschungsaktion punktgenau vor der Wahl endlich beendet waren, sind wohl alle.

In Marokko käme niemand auf die Idee, einen solchen Bobo-Spielplatz Begegnungszone zu nennen. Weil: siehe oben. Irgendwie passt’s aber gut zum Naschmarkt, der seinem zweiten Namensteil schon lange keine Ehre mehr macht. Wien ist anders. Aber Marrakesch doch deutlich unverkrampfter, lebensnäher, gelassener.

Testobjekt

4. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (331) Ein Netzwerk-Audio-Player ist heute fixer Bestandteil einer ernstzunehmenden HiFi-Anlage.

Cambridge CXN

Ich steh’ grad mächtig unter Zeitdruck. Denn der Vertreiber jener Gerätschaften, die ich Ihnen heute vorstellen will, sitzt mir im Nacken. Eigentlich sind es sehr nette Leute, aber sie haben – wahrscheinlich aus schlechter Erfahrung – die Angewohnheit, Testgeräte für gerade mal drei, vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Und einem dann beinhart eine Rechnung zuzuschicken. Da gibt es keinen Anruf „Ach, Herr Gröbchen, hätten Sie schon die Muße und Güte gehabt, unseren Netzwerk-Audio-Player auf Herz und Nieren zu prüfen?“ Oder gar eine Fristerstreckung.

Ich glaub’, ich muss dem Chef dort mal sagen, dass halbwegs ernsthafte journalistische Arbeit nicht aus dem Handgelenk geschüttelt werden kann. Vielleicht werde ich auch nur um Gnade winseln. Besser als pleite gehen allemal.

Anderseits: das getestete Gerät überzeugt. Auf voller Linie. Man könnte es glatt behalten wollen. Es handelt sich um den Cambridge CXN, einen Netzwerk-Audio-Player britischer Provenienz. Also eines jener Kastln, die man als in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sozialisierter HiFi-Fan seit geraumer Zeit misstrauisch umschleicht. Braucht man das? Kann das was?

Die Antwort lautet: ja. Ein Streaming-Tool mit audiophilem Anspruch ist anno 2015 unabdingbarer Bestandteil jeder seriösen Musikanlage. Sofern man nicht gleich – á la Sonos, Raumfeld & Co. – radikal auf körperlose Klänge setzt. Aber das würde einen um den Spassfaktor älterer Konzepte und Geräte bringen. Wenn man aber die Analog- und Digitalwelt versöhnen will (ja, das geht!), ist der CXN eine mehr als solide Wahl. Zu einem noch vertretbaren, knapp vierstelligen Preis.

Regelbare symmetrische XLR-Audioausgänge, leistungsfähiger Wandler, TFT-Display an der Frontplatte, eigene App für das Smartphone, Gapless Play, Spotify Connect, Bluetooth, UpnP-Vernetzung, dito Airplay – Kenner wissen bei all dem Wortgeklingel rasch Bescheid. Alles drin, alles dran. Wichtig ist: es läuft flüssig, ist schlüssig bedienbar und kein Mysterium für fortgeschrittene Laien. Und der Klang? „Momentan kann dem Cambridge kein vergleichbar teurer Player das Wasser reichen“, befand das Fachmagazin „Audio“. D’accord.

Aber die Jungs vom Vertrieb haben mir ja für einen Quercheck zeitgleich die Konkurrenz ans Herz und Ohr gelegt: eine Pro-Ject Streambox DS. Mindestens gleiche Qualität und Funktionalität (abgesehen von Airplay), meinen sie, zum günstigeren Preis! Jetzt müssen sie mir das Ding doch glatt noch mal drei, vier Wochen borgen.

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