Wien darf nicht Marrakesch werden

11. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (332) Wien ist anders: was man als Verkehrsplaner von den Zuständen im Orient lernen kann.

Verkehr

Ich schreibe diese Zeilen in Marrakesch, Marokko. Der Ort ist weltberühmt für seine berückende orientalische Atmosphärik, die am greifbarsten wird in der Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler, Schlangenbeschwörer, Wahrsager und Markttandler in der Mitte der Stadt. Um zu dieser sagenumwobenen Attraktion zu gelangen, muss man sich durch den dichten Verkehr schlagen, der die Boulevards und Gassen der Metropole flutet – und „dicht“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus.

Hier ergibt die nie abreissende Abfolge abertausender Autos, Pferdedroschken, Eselskarren, Motorrräder, Mopeds, Radfahrer und Fußgänger ein Durch- und Miteinander, das augenscheinlich der radikalsten Chaostheorie als lebendiger Beweis dienen kann. Und, ja, die Verkehrsstatistik vermag nicht als Empfehlung für das Modell Marrakesch herhalten – aber als Mitteleuropäer empfinde ich dieses scheinbar regellose, auf Erfahrung, Instinkt und Reflexe vertrauende anarchisch-anarchistische Gewusel faszinierend. Diese Stadt ist eine einzige Begegnungszone. Und sie funktioniert.

Insofern musste ich ein wenig lachen, als ich fern der Heimat von der Eröffnung einer neuen Attraktion in Wien las. Die Schleifmühlbrücke, so der „Kurier“, sei nun „für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar“. Der langwierige Umbau hätte gerade mal 120.000 Euro gekostet. Nun kenne ich das kurze Stückchen Straße, das den Naschmarkt quert, seit meiner Kindheit. Es war immer schon für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar – erstere durch zwei Ampeln zu Schrittempo angehalten. Leute, die auf dem Rad oder per pedes unterwegs waren, hab’ ich nie ein Wort der Beschwerde über den vormaligen Status Quo murmeln hören. Alle dürfen sich jetzt gedankenschwer auf Design-Sitzgelegenheiten ausrasten.

Eh klar: man wollte einmal mehr ein „Leuchtturmprojekt“ grüner Verkehrspolitik installieren – kurioserweise mit dem Segen zweier SP-Bezirksvorsteher, die sich jetzt wechselseitig dafür auf die Schultern klopfen. Nach Protesten von Lieferanten und Anwohnern, die absurde Umwege zu machen hätten, entschied man sich doch gegen eine reine Fußgängerzone. Froh, dass die monatelangen Bauarbeiten für die potemkinsche Behübschungsaktion punktgenau vor der Wahl endlich beendet waren, sind wohl alle.

In Marokko käme niemand auf die Idee, einen solchen Bobo-Spielplatz Begegnungszone zu nennen. Weil: siehe oben. Irgendwie passt’s aber gut zum Naschmarkt, der seinem zweiten Namensteil schon lange keine Ehre mehr macht. Wien ist anders. Aber Marrakesch doch deutlich unverkrampfter, lebensnäher, gelassener.

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