Künstliche Sonne

13. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (340) Die Menschheit benötigt immer drängender nachhaltige Zukunftstechnologien. Zählt die Kernfusion dazu?

Wendelstein 7-X

„Wer noch etwas über unsere globale Marktwirtschaft wissen will: Erdölpreis bei knapp einem Drittel von vor ein paar Jahren. Kraftstoffpreis wo?“

Ja, so ganz unrecht hat der Freund mit seinem zugespitzten Facebook-Posting, das mir vorgestern unter die Augen kam, wohl nicht. Energiequellen und Rohstoffe sind der mächtigste Trumpf am Pokertisch despotischer Politik- und Wirtschaftslenker. Ihre Drohbotschaft lautet implizit: ohne uns stehen alle Räder still. Und wir dürfen uns glücklich schätzen (oder auch nicht), dass Land, Wasser, Klima, Nahrung und sozialer Frieden noch nicht in jenem Maß der Verhandlungsmasse zugeschlagen werden, den Zukunftsforscher seit Jahrzehnten prophezeihen.

Dass die Welt nimmer lang steht, hat ja schon der legendäre „Club of Rome“ vorherberechnet – aber haben die Wissenschaftler auch überraschend positive Entwicklungen einkalkuliert? Und lassen sich notorische Schwarzseher damit zwangsbeglücken? Ein Beispiel: der Stellarator Wendelstein 7-X im deutschen Greifswald. Klingt futuristisch, ist es auch.

Wir haben es mit dem Prototypen einer Vorstufe eines Kernfusionsreaktors zu tun – einer äusserst komplexen Angelegenheit der Plasmaphysik, nicht unähnlich der Sonne. Durch die Verschmelzung von Wasserstoff-Atomkernen, eingeschlossen in Magnetfelder bei Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius, werden gewaltige Energien frei. Theoretisch könnte eine solche Maschinerie das Energieproblem des gesamten Planeten lösen – und zwar (größtenteils) ohne erdrückende Nebenwirkungen wie Kohlendioxid-Ausstoß oder radioaktive Abfälle.

Nach zehnjähriger Vorbereitungszeit gelang den Wendelstein 7-X-Betreibern des Greifswalder Max Planck-Instituts dieser Tage erstmals experimentell die Plasmaerzeugung – zunächst mit leichter beherrschbarem Helium statt Wasserstoff und nur für eine Zehntelsekunde. Aber es ist ein wichtiger Zwischenschritt. Während andere Nationen einen anderen Reaktor-Typ („Tokamak“) favorisieren, hält man in Deutschland und Japan am potentiellen Dauerbetriebs-Garanten Stellarator fest.

Optimisten hoffen, dass so bis spätestens Ende des Jahrhunderts ein zentrales Menschheits-Thema abgehakt werden kann. Endgültig. Pessimisten verneinen: zu gefährlich, zu kompliziert, zu teuer, zu spät. „Schau ma mal“-Pragmatiker dürfen wohl – eine durchaus tröstliche Zwischenbilanz – noch viele Sonnenzyklen lang Benzinkanister füllen und Solar-Panels aufs Hausdach schrauben.

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