Archive for Januar, 2016

Der Untergang des Morgenlandes in Anekdoten

31. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (346) Das “Internet der Dinge” verspricht eine smarte neue Welt. Aber ist da noch Platz für uns Menschen?

IOT Illustration

Einen Teil des Zeilenhonorars für diese Kolumne muss ich wohl an einen Kollegen abtreten, den „profil“-Wirtschaftskapazunder Michael Nikbash. Aber ein Facebook-Posting macht persönliche Erlebnisse nun einmal zu einer öffentlichen Angelegenheit – und einer seiner Einträge neulich war zu kurzweilig und, ja, zu denkwürdig, um nicht nochmals geteilt zu werden.

Er ging so: „Weihnachten bringt Technologievorsprung. Und so stehe ich im Badezimmer und verbinde mein Smartphone ungläubig mit meiner neuen Bluetooth-Zahnbürste (welch Wortwitz!). „Sie sind jetzt mit ihrer Zahnbürste verbunden“, bedroht mich das Telefon. Google will meine Zahnputzstatistik, die Oral-B-App auf meinen Kalender zugreifen. Ich lösche die App und greife zu einem wohltuenden Buch. Torbergs „Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.“

Diese Meta-Anekdote als Screenshot im „Maschinenraum“-Ordner auf der Festplatte abzulegen, war ein rasch gefasster Entschluss – unter einem Stichwort, das der legendären Friedrich Torberg-Schöpfung Tante Jolesch freilich unverständlich gewesen wäre: „LOL“. Ein neumodernes Synonym für „Laugh Out Loud“, also wieherndes Gelächter.

Aber, unter uns, das Lachen verging mir rasch. Spätestens bei der Lektüre des 656 Seiten dicken Pamphlets „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov („Einer der brillantesten Internet-Theoretiker unserer Zeit“, so „Die Zeit“), erschienen im Blessing Verlag. Denn hier wird uns Fortschrittsgläubigen eine Predigt gehalten, die sich gewaschen hat. Die digitale Revolution lässt ja die Spezies Mensch zunehmend ineffizient, unberechenbar und ungenügend erscheinen – kurzum: suboptimal. Und irgendwie von gestern.

Die Lösung für dieses vermeintliche Problem heisst mehr Technik – mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Kontrolle. Diese Ideologie, so Morozov, sei verhängnisvoll. Nur eine kluge, vorausschauende Vermählung des analogen Daseins mit dem allesverschlingenden digitalen Universum würden die Eckpfeiler unserer Existenz absichern: Empathie, Kreativität, Demokratie und Selbstbestimmung. Und, nein, Evgeny Morozov (der in der „FAZ“ auch eine unregelmässige Kolumne schreibt) ist kein blindwütiger Maschinenstürmer.

Man kann über das „Internet der Dinge“ – ein so harmlos klingender wie vager PR-Begriff, der die kühle Welt der Algorithmen mit dem Alltagsleben verzahnt wie eine Bluetooth-Zahnbürste – gleichermassen lächeln wie über die Naivität eines Großteils des österreichischen Politikpersonals. Schlauer wäre es, den Untergang des Morgenlandes zu thematisieren.

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Die Nische in der Nische

24. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (345) Der Hang zur guten alten Analog-Welt scheint dauerhaft. Jetzt gibt es sogar ein Comeback der Bandmaschine.

Tonbandspule

Jede Mode, jede Bewegung, jede Entwicklung trägt in sich den Keim der Gegenbewegung. Wie bei einem Pendelschlag ist der Höhepunkt eines Phänomens oft der Umkehrpunkt, wo’s hurtig wieder in die Gegenrichtung geht.

Mir fielen viele Beispiele ein, wo gestern noch etwas als Sinnbild des Progressiven bejubelt wurde, was heute als alter, längst überholter Hut gilt. Und vice versa. Nicht immer hat dies mit Kriterien zu tun, die – tunlichst sachlich – technischen Fortschritt bezeugen. Oder verneinen. Retromania, die Verklärung des Vergangenen und Fetischisierung der Objektwelt früherer Generationen, ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Quasi ein Hort des Vertrauten und Bewährten inmitten eines Maelströms ungezählter und unzählbarer Neuerungen, Änderungen und Miniaturrevolutionen.

Insofern hat mich auch die Nachricht, ein österreichisches Unternehmen würde jetzt wieder Tonbandmaschinen herstellen, nicht überrascht. Das musste ja kommen. Die Renaissance der Schallplatte ist gegessen (wenn auch längst nicht beendet, im Gegenteil) – aber sie entlockt Kennern der Branche anno 2016 höchstens ein Gähnen. Der Fingerzeig, Cassetten und Spulentonbänder stiessen dito wieder auf offene Ohren („Reel-to-reel tape is the new vinyl“, so das Online-Magazine The Verge), ist in diesem Kontext fast zwingend. Die Szene, durchdrungen von Musiksammlern und Jägern der verlorenen Analog-Schätze, neigt durchaus zu einem gewissen Sektierertum. Aber es ist ein hoch sympathischer Obskurantismus.

Er zeichnet auch das „Projekt R2R“ des Unternehmens Horch House im burgenländischen Neusiedl am See aus. Das Team rund um Mastermind Volker Lange ist seit 2012 auf der Suche nach analogen Master-Tapes, die man in höchster Güte reproduziert – für eine bestimmte Klientel quasi der Heilige Gral der High End-Hemisphäre. Natürlich benötigt man auch passende Abspielgeräte. Weil es aber nur mehr gebrauchte Bandmaschinen von Revox, Nagra, Akai, Technics, Sony & Co. gibt und die steigende Nachfrage die Preise nach oben treibt, kam man auf die Idee, gleich selbst eine zu entwickeln. Auf der weltgrössten einschlägigen Messe, der „High End“ in München, soll Mitte Mai bereits ein Prototyp stehen.

Glückauf! Jede Nische hat noch Platz für Sub-Nischen. Ich überlege derweil, in grossem Stil CDs aufzukaufen. Auch die kommen irgendwann mal wieder in Mode.

Einfach smart

17. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (344) Registrierkasse ist nicht gleich Registierkasse. Für manche reichen rudimentäre Lösungen – wie cbird.

Rechnungen

Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse, erkannte einst Leonardo da Vinci. Einfach raffiniert, um nicht zu sagen: genial!

Im güldenen Zitatenschatzbüchlein findet man zum Thema Simplizität aber auch einen Kalenderspruch, den ich mir dieser Tage hinter die Ohren geschrieben habe: „Aus höchster Kompliziertheit erwächst höchste Einfachheit“. Zugeschrieben wird dieser Satz Winston Churchill – aber er könnte auch der Werbeslogan des Software-Entwicklers Andreas Unterluggauer sein, der unter der Marke cbird.at eine aufreizend smarte, weil unkomplizierte und kostengünstige Registrierkassenlösung anbietet. Und hier besteht ja gerade – der Finanzminister will es so – enormer Bedarf.

Cbird – Sie können es vorab ohne Risiko ausprobieren – kommt auf einem USB-Stick ins Haus und wird auf einem PC oder Notebook (egal, ob Windows- oder MacOS-Betriebssystem) installiert. Tablets sind also – bis auf Ausnahmen – nicht geeignet. Eine Internet-Anbindung ist nur für die Initialisierung des recht rudimentären Systems notwendig, sonst kommen die Daten vom Stick. Und landen auch wieder dort. Verschlüsselt und gleichwohl den Sicherheitserfordernissen des Gesetzgebers und Nutzers (die Daten werden auch auf der eigenen Festplatte gespiegelt) entsprechend. Updates sind im Kaufpreis von knapp unter 200 Euro inkludiert, das gilt vor allem für jene zwingenden Entwicklungen, deren Eckdaten kurioserweise bis heute nicht feststehen.

Das Programm ist so einfach gestrickt, dass man zunächst stutzt. Das soll reichen? Sie können die Kassa grundkonfigurieren, einen Printer einrichten (es muss kein spezialisierter Bon-Drucker sein), Zahlungen eingeben und bonieren, Barumsätze nachbonieren (gilt nur für mobile Dienste), einen Tagesabschluss erstellen und das Kassenprogramm beenden. Wichtig ist, dass die Dienstleistung oder das Produkt vollkommen frei benennbar sind – Kassen mit vielen vordefinierten Tasten, Feldern und Fixposten mögen für die Gastronomie interessant sein, anderswo ist höchste Flexibilität gefragt. Kassabons, Tages- und Monatsabschlüsse werden natürlich automatisch archiviert. Wir verwenden das System gerade im Praxistest und werden weiter berichten.

Cbird ist, so elegant es auch funktioniert, nicht für jedermann geeignet. Warum? Unterluggauer hat Klienten im Visier, die bislang ohne Kassa ausgekommen sind – nicht, weil sie Steuerbetrug im Sinn hatten, sondern weil ein Paragon-Rechnungsblock ausreichte oder die Kunden nicht unbedingt auf Belege bestanden. Dazu zählen etwa Ärzte. Kann übrigens gut sein, dass diese Berufsgruppe die vorgestellte Lösung als blutdruckmindernd empfindet (auch, weil sie in realita nichts kostet) und weiterempfiehlt. Tun wir auch.

Bewerbungsschreiben

9. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (343) Der Fiat 124 Spider kommt wieder – wenn auch eigentlich ein Japaner unter der Design-Karosserie steckt.

Fiat-124-spider-2016

Man mag ja nicht fortwährend über Registrierkassen schreiben, auch wenn die Sache pressiert. Und ständig Leser/innen dieser Kolumne anklopfen, welche Software, Gerätschaften, Systeme denn nun dem strengen Blick des Finanzministers genügen. Ich arbeite dran – noch gilt eine Gnadenfrist bis ins Frühjahr. Und zwar allseits.

Zudem: „Einen Ruf erwirbt man sich nicht mit Dingen, die man erst tun wird“ hat Henry Ford einst gemeint – also widmen wir uns in dieser Kolumne der Gegenwart. Das Heute ist ja das Gestern von morgen. Und heute juckt es mich in den Fingern, die Voraussetzungen für ein Vergnügen zu schaffen, das mich idealerweise im Sommer 2016 ereilen wird. So gesehen ist dieser „Maschinenraum“-Eintrag ein Bewerbungsschreiben. Sein Empfänger ist der Pressechef von Fiat Österreich. Und der Betreff lautet „124 Spider“.

Es ist nämlich so, dass der italienische Autokonzern eine Legende wieder aus der Garage holt. Oder, präziser: ihren Namen. Und Spurenelemente der einstigen Anmutung. Den Fiat 124 Spider. Ziemlich genau vor dreissig Jahren hatte man die Produktion dieses zweisitzigen Roadsters, der zuletzt bei seinem Blechschneider Pininfarina vom Band lief, eingestellt.

Nun kehrt dieses klassische Spaß-Vehikel als eine Art Nachgeburt des Mazda MX-5 der vierten Generation wieder – auf der gemeinsam mit den Japanern entwickelten Technik-Plattform, aber mit stilsicher abgewandelten Details. Der Motor etwa, ein 1,4 Liter-Turbo mit 140 PS und einem manuellen 6-Gang-Getriebe, stammt aus dem Fiat-Regal. In punkto Design hat man sich erstaunlich weit an die historische Vorlage angelehnt – der Italo-Spider hängt da den vergleichsweise pubertär und aggressiv wirkenden MX-5 klar ab. Aber natürlich habe ich bislang nur Fotos gesehen. Auch auf der Vienna Autoshow (14.-17.01., Messe Wien) wird der neue 124er noch nicht herumstehen.

Werter Herr Pressechef! Für einen ausführlichen Test dieses – die Autowelt und mich überraschenden, weil ursprünglich in einer Kooperation mit Alfa Romeo geplanten – Vehikels bringe ich die denkbar besten Voraussetzungen mit. Denn: ich bin einst direkt von einem Fiat Spider in einen Mazda MX-5 umgestiegen. Die schmählichen Umstände dieses Stallwechsels verrate ich Ihnen bei einem Ramazzotti (sofern sie sie nicht schon vorher ergooglen), aber meine Uralt-Liebe zu diesem elegantesten Brot-und-Butter-Cabriolet aller Zeiten ist nie ganz verloschen. (Ich verkneife mir an dieser Stelle bewusst das Wörtchen „eingerostet“).

Wenn sich also nun japanische Ingenieurskunst und italienische Haute Couture in einem – noch dazu absehbar erschwinglichen – Fahrzeug paaren, dann wird ein feuchter Traum wahr. Wann und wo darf ich das Testauto abholen?

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