Archive for Februar, 2016

Die 5 Euro 99 Cent-Erleuchtung

28. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (350) Man kann im Supermarkt billige Auto-Ersatzlampen kaufen. Aber wie geht’s dann weiter?

auto-licht

Die bunten Prospekte, Flugblätter und Werbezettel, die einem ungefragt und ununterbrochen ins Haus flattern, geben ungewollt auch Auskunft über die dunklen Seiten unseres Konsumenten-Daseins.

Da verspricht etwa die Supermarkt-Kette H., die Sorgenfalten aus den Gesichtern jener Autofahrerinnen und Autofahrer vertreiben zu wollen, deren Fahrzeuge nicht mehr der Strassenverkehrsordnung entsprechen. Weil sie nämlich einen oder mehrere kaputte Scheinwerfer besitzen. Meist ist es ja nicht mehr als ein Lämpchen, das in diesem Fall ausgetauscht werden muss – und in der freundlichen Marktfiliale ums Eck findet man zu diesem Zweck aktuell ein „Auto-Ersatzlampen-Set, 11 teilig“ um wohlfeile 5 Euro 99 Cent. „Modernste H4- und H7-Halogen-Technik mit verschiedenen Leuchten und Sicherungen und bis zu 30 Prozent mehr Lichtausbeute“ wird in Aussicht gestellt. Also: es werde Licht!

Aber können Sie noch ungeschaut ein harmloses Halogen-Birnderl an Ihrem Auto austauschen? Ich nicht. Und ich scheine mit dieser – von einem resignativen Achselzucken begleiteten – Erkenntnis nicht allein auf weiter Flur zu sein.

So postete erst kürzlich Karl P., ein durchaus technikaffiner Bekannter, folgende Statusmeldung auf Facebook: „Montagvormittagserfahrung. Wenn man am Sonntag drauf kommt, dass beim Auto ein Abblendlicht kaputt gegangen ist, dann sollte man sich Zeit nehmen. Denn die Ära ist offenbat vorbei, wo jemand in der Werkstatt ein Lämpchen nimmt und es gleich neu einsetzt. Das Auto muss neuerdings auf die Hebebühne, es muss aufgeschraubt werden und das Ganze dauert dann gleich eine Stunde oder mehr. Ich zum Servicemann: „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“ Der Servicemann: „Doch, und seien Sie froh, dass Sie keinen 5er oder 7er haben – da müsste nämlich auch die Stoßstange entfernt werden, um die Lampe neu einzusetzen.“ Ich: „Bitte, wer plant soetwas?“ Der Servicemann: „Dazu enthalte ich mich offiziell einer Aussage. Privat würde ich Ihnen sagen: ein Volltrottel.“

Punkt. Rufzeichen! Nun werden natürlich KfZ-Konstrukteure tausend gute Gründe habe, die Vehikel so zu konstruieren, wie sie vom Band laufen. Darunter jenen, für die Brötchengeber – die wie alle Branchen unter Preisdumping leiden – neue, lukrative Betätigungsfelder zu eröffnen. In Service und Reparaturen liegt der Reibach. Und kaum jemand möchte mehr selbst herumschrauben (trotz EU-Richtlinie, die genau das ermöglichen soll).

Aber was mache ich jetzt mit den 5 Euro 99-Birnderln aus dem Supermarkt? Ich schenke sie dem Servicemann. Damit uns gemeinsam ein Licht aufgeht.

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Fortsetzung folgt

21. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (349) Leser-Feedback ist durchaus erwünscht. Es sollte tunlichst kundig und konstruktiv sein.

Apple

Ein Leser hat sich bitterlich über diese Kolumne beschwert. Ohne Umwege direkt bei der „Presse“-Chefredaktion. Was ich, sorry!, eher unsympathisch finde. Man lernt schon in der Volksschule, dass man nicht gleich zum Direktor läuft, wenn es Zoff gibt.

Was aber magerlte den Leserbriefschreiber? Erstens: Apple-Bashing. Nun kamen letztwöchig eine Technik-Redakteurin und ich ganz unabhängig voneinander zum selben Schluss: das US-Unternehmen setzt, Stichwort „Error 53“, beinahe erpresserisch auf die Loyalität seiner Kunden. (Anm.: Apple hat hier mittlerweile reagiert.) Andererseits trudelte diese Woche eine Meldung ins Haus, Apple befinde sich gerade im Krieg mit dem FBI, um iPhone-User gegen Dateneinsicht und Spionage-Hintertüren zu schützen. Respekt! Wenn Sicherheit nicht nur eine leere Phrase, sondern tatsächlich ein hohes Gut ist, soll das keinesfalls unerwähnt bleiben.

Nebst einem Hinweis auf einen enorm bedenkenswerten Umstand: Staaten scheinen die schutzwürdigen Interessen ihrer Bürger inzwischen weniger zu vertreten als transnationale, progressiv (?) denkende Konzerne. Hier befindet sich der grösste Konzern der Welt im Konflikt mit dem mächtigsten Staat des Planeten. Das birgt Konfliktstoff sondergleichen.

Und dann war da noch der Vorwurf einseitiger Berichterstattung. Weil ich es gewagt hatte, aus einer schier unüberblickbaren Reihe von Registrierkassenlösungen – das Thema beschäftigt mich seit Herbst des Vorjahres – eine Software explizit herauszuheben. Sofortiger Rückschluß: Freunderlwirtschaft. „Zur Wahrung der Objektivität und Seriosität“ wurde mir ein Besuch der Web-Adresse http://registrierkassen-test.info anempfohlen. Nun: danke für den Hinweis! Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, Anbieter und Produkte wenn auch nicht auf Herz und Nieren zu testen, so doch übersichtlich aufzulisten. Aber schon die erste rasche Nachschau ergibt, dass populäre Produkte wie Offisy nicht angeführt werden. Weil sie kostenlos sind?

Ich hatte ja erwähnt, dass mir Registrierkassen-Anbieter, die teure Lizenzen, Wartungspauschalen sowie monatliche Nutzungs- und Servicegebühren verlangen, eher gestohlen bleiben können. Zuviele „middlemen“ hängen sich inzwischen in die Ertragsleistung von Betrieben, von Kreditkartenunternehmen bis zu Internet-Dienstleistern. Muss da auch noch meine eigene Kasse gegen mich arbeiten?

Ich denke: nein. Und bin weiter offen für Empfehlungen, was preiswerte, taugliche und elegante gesetzeskonforme Kassensysteme betrifft. Fortsetzung folgt.

Apfelmus(s)

14. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (348) Apple betreibt ungeniert Gewinnmaximierung. Man kann das clever finden – oder auch herzlich unsympathisch.

Apple iPhone Fingerprint

Vorweg: ich bin alles andere als ein Apple-Hasser. Im Gegenteil. Seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten nutze ich Produkte aus Cupertino, Kalifornien mit Vergnügen. Und ich war (und bin) auch gerne bereit, für eine merkbar bessere Usability, ein elegantes Design und jede Menge cleverer Detaillösungen einen höheren Preis zu bezahlen. Weil sich die Qualität von Werkzeugen – und jeder PC, jeder Laptop, jedes Tablet oder Smartphone ist ein Alltags-Tool – rasch bezahlt macht. Und Billig-Schmarrn zu oft eben nichts anderes ist als letztlich doch teurer Schmarrn.

Zunehmend schleicht sich aber in die Gefühlslage des treuen und zufriedenen Kunden ein unbehaglicher Misston ein. Dafür verantwortlich: allerlei Änderungen und Neuerungen, die zu denken geben. Mal ändert Apple einen Anschluss, so dass das Zubehör früherer Gerätegenerationen nicht mehr passt. Mal lässt man durchblicken, dass man die geliebten Kopfhörer (nein, nicht die Beipackdinger) demnächst nicht mehr ohne Adapter wird verwenden können. Eigenmächtiger Batterietausch? Speicher-Aufrüstmöglichkeit? Kompatibilität zu anderen Systemen? Nada.

Die klaustrophobische Geschlossenheit der Apple-Welt sowohl hard- wie auch softwareseitig hat man längst verinnerlicht, eventuell gar zum Bonus erklärt. Und es gibt ja auch einen unleugbaren Vorteil: Sicherheit. Apple-User werden deutlich weniger von Viren bedrängt, ständigen Abstürzen geplagt oder von kuriosen Apps verhohnepippelt als der Rest vom Fest. Dass der Konzern – mittlerweile „nur mehr“ auf Rang zwei der finanzstärksten Giganten weltweit – als Nebeneffekt eine perfekte geschlossene Verwertungskette zu schaffen sucht, liegt in der Natur eines börsennotierten Unternehmens.

Aber jetzt ist allmählich der Punkt erreicht, wo sich all die Schlaumeierei gegen den Konsumenten wendet. Und damit gegen den Erfinder selbst (Apple ist mittlerweile extrem von iPhone-Umsatzkurven abhängig). Ein ominöser potentieller „Error 53“ verbietet es, den „Home“-Button der neuesten Generation des prototypischen Smartphones beim Türken ums Eck reparieren zu lassen. Es muss eine garantiert teure, autorisierte Werkstatt sein. Nun: wer Sorge um seinen elektronischen Fingerabdruck hat, versteht das. Aber mein Stockholm-Syndrom als Apple-Fanboy ist nicht so ausgeprägt, dass ich mich unter allen Umständen freiwillig, ja freudig knebeln und fesseln lasse.

Update: Apple hat ein Einsehen – und macht seine Entscheidung rückgängig

A schwaare Partie

13. Februar 2016

Wieder einmal wogt die Debatte um heimische Klänge auf Ö3. Was bewegt den Senderchef Georg Spatt, notorisch gegen seine Vorgaben zu polemisieren? Eine Nachfrage.

Tuning2

Ich habe Ö3 – lange Jahre war ich in diesem Sender in vielfacher Rolle tätig, zuletzt als Leiter der Programmentwicklung – anno 1993 verlassen. Und bin aus einer gewissen Abenteuerlust in die Musikindustrie gewechselt.

Es war der richtige Zeitpunkt: die dramatische Umgestaltung eines erfolgreichen, vielgestaltigen Programms (das Vorbild für viele Stationen war, von Radio Hamburg bis Bayern 3) in ein „Hitradio“ nach üblich-üblen Kommerzschema stand knapp bevor. Der ORF meinte damals, die kommende private Konkurrenz weniger durch den Einsatz eigenen Gehirnschmalzes als durch den Zukauf externer Ezzes abwehren zu können – wäre es schiefgegangen, hätte man sich in der Chefetage legér auf eine teure Beratungsfirma aus Nürnberg ausreden können. Aber es lief (nach einigen Rumpeleien und Rempeleien in den Jahren 1995 bis 1998, die seitens des Gesetzgebers einen bequemen Vorsprung sicherten) glatt.

Seit diesem Zeitpunkt ist Ö3 mit grossem Abstand Marktführer. Über lange Strecken schaffte es die Armada der Privatsender nicht, am Nimbus und Erfolg des grossen Vorbilds zu kratzen. Kein Wunder: meist versuchte man einfach, es plump zu kopieren. Ohne die Mittel dafür zu haben. Erst in den letzten Jahren kam es zu einer Ausdifferenzierung der Formate, die sich vorrangig über das Musikangebot definiert. Und natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben: Internet-Stationen, Digitalradio, Musikstreaming, personalisierte Playlists, Social Media etc. usw. haschen dito nach unser aller Aufmerksamkeit. Die kleinen, in Summe jedoch nachhaltigen Hörerverluste von Ö3 seit der Jahrtausendwende sind daher für Experten keine Überraschung. Im Gegenteil.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil der Ö3-Chef – welcher Teufel hat ihn geritten? – nun meint, die Ursache für die Negativentwicklung benennen zu können: Musik aus Österreich. Tatsächlich wogt hier seit den neunziger Jahren eine heftige Debatte (und ich kenne sie in- und auswendig): wieviel Prozent heimischer Interpreten, Komponisten und Songs kann man dem Publikum zumuten? Die Doktrin der Formatradio-Berater lautet: so wenig wie möglich. Warum? Auf eine valide, nachvollziehbare Antwort warte ich seit zwei Dezennien. Es ist die Kernfrage.

Man musste die ORF-Manager sogar im Parlament daran erinnern, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender (und, ja, Ö3 ist ungebrochen ein solcher) gewisse Auflagen gibt: Kultur- und Bildungsauftrag, Public Value, eine proaktive Widerspiegelung der vitalen lokalen, regionalen, nationalen Musikszene. Resultat: eine freiwillige Quotenvereinbarung, die zäh, aber annähernd doch erfüllt wird. Aber ich verstehe gewiss auch die Nöte der Senderspitze und die Sorge um ihre Erfolgsprämien: ein wie ein Privatradio agierendes Ö3 finanziert ja partiell die Alternativangebote Ö1 und FM4 mit. Warum man sich dennoch nicht der unleugbaren Verkrampfung entledigt, was das heimische Kreativpotential betrifft, und – Lippenbekenntnisse dazu gab und gibt es sonder Zahl – den konstruktiven Dialog sucht, mag niemand recht beantworten. Ö3-Chef Georg Spatt schon gar nicht. Aber es wäre hoch an der Zeit.

Ich wage es, ihm ein paar Fragen mehr zum Thema zu stellen.

Eins: Wenn Ö3 alle Songs, die es on air schickt, intensiv vorab testet – warum nicht auch die Ö-Kandidaten? Wenn sie „schlecht testen“, warum schickt man sie on air? Was exakt will man solchermaßen wem beweisen? Und: haben Ö-Newcomer eine seriöse Chance gegen international erprobte Radio-Hits, die auf multimedialen Kanälen längst schon ins Ohr der (Test-)Hörer/innen gedrungen sind, bevor sie Ö3 überhaupt in Erwägung zieht?

Zwei: Die mit Abstand grösste Beschwerdeflut von Ö3-Hörern erfolgt – permanent und wirklich unüberhörbar – gegen die quantitativ ultraenge Titelrotation. Sprich: dem Publikum hängen die ewig gleichen Songs zum Hals raus. Ö3 und seine Formatradio-Berater scheinen das aber hartnäckig zu ignorieren. Man sollte sich die Burnout Rates also mal ansehen. Das gilt auch (und besonders) für die enge Ö-Songauswahl, die Ö3 spielt – warum z.B. hat man fast ein Jahr nach dem desaströsen ESC-Abschneiden der MakeMakes immer noch ihren Loser-Song „I’m Yours“ auf Heavy Rotation? Warum immer und ewig die Hits und Minor Hits von Christl Stürmer? Warum haben Tagträumer mit ihrem mediokren D-Pop-Abklatsch ein Ö3-Dauerabo? Etc. usw. usf.

Drei: Warum überhaupt hat der Kommerzradioberater BCI – der ja de fakto die Richtlinien für die Ö3-Musikprogrammierung erstellt – nach 20 Jahren noch einen Auftrag? Der ORF hätte in dieser langen Zeit längst die Expertise für erfolgreiche Formatradio-Musikprogrammierung selbst erlangen oder ins Haus holen können. Natürlich will man ein externes Unternehmen, das so eng mit der DNA des eigenen Erfolgs verwoben ist, von Konkurrenten fernhalten und aus dem Markt herauskaufen – aber ist das anno 2016 tatsächlich noch eine Story mit Zukunft?

Letztlich, vier: Was ist eigentlich mit Radio Wien? Der Sender flankiert Ö3 in einem 2,5-Millionen-Hörer/innen-Einzugsgebiet, hat aber nicht mal mehr einen eigenen Musikchef. Und eine Musikredaktion, die – existiert sie überhaupt? – durch absolute Verschnarchtheit, Kontur- und Mutlosigkeit auffällt (oder auch nicht). In punkto Ö-Musik hat man überhaupt keine Linie. Wenn Seiler & Speer z.B. auf Ö3 den Leuten – kein Wunder bei der plötzlichen Intensität des Airplays, Ö3 hat nach monatelangem Abwarten von 0 auf 100 geschaltet – auf die Nerven gehen: das ist ja hörbar eher ein Radio Wien-Act. Gilt partiell auch für Wanda (die laufen erstaunlicherweise auch auf Radio Wien), Bilderbuch & Co. in Hinblick auf FM4. Stimmen sich die Damen und Herren eigentlich irgendwie ab – oder gilt einfach nur ein frischfröhlicher flotteninterner Verdrängungswettbewerb auf gut Glück?

Die aktuelle Erfolgswelle heimischer Künstlerinnen und Künstler – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Was Wasser auf die Mühlen jener „Fachleute“ ist, die meinen, wahre Kunst und nachhaltige Publikumsresonanz wären auch ohne Radio-Airplay erzielbar. Gewiss, aber. Soll man dem ORF nun verbieten, am Image und an der Beliebtheit dieser Acts mitzunaschen? Und Ö3, Hits dieser Interpreten fast demonstrativ totzuspielen? Radio Wien, das Neo-Wienerlied zu verschlafen? Und den Privatsendern, sich in Hinblick auf eine zunehmend unüberseh- und hörbare Austro-Szene unter keinen Umständen des notorischen Anti-Ö3-Bunkerblicks zu entledigen?

Im Gegenteil. Der Imperativ lautet: suche den Dialog. Suche Verbündete. Suche den allseitigen Vorteil. Es wäre eine Chance gegen den schleichenden Bedeutungsverlust. Im Konkurrenzkampf der Zukunft vielleicht die einzige.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die erweiterte und aktualisierte Fassung eines Gastkommentars für die „Wiener Zeitung“, Ausgabe 13./14.02.2016.

Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.

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