A schwaare Partie

13. Februar 2016

Wieder einmal wogt die Debatte um heimische Klänge auf Ö3. Was bewegt den Senderchef Georg Spatt, notorisch gegen seine Vorgaben zu polemisieren? Eine Nachfrage.

Tuning2

Ich habe Ö3 – lange Jahre war ich in diesem Sender in vielfacher Rolle tätig, zuletzt als Leiter der Programmentwicklung – anno 1993 verlassen. Und bin aus einer gewissen Abenteuerlust in die Musikindustrie gewechselt.

Es war der richtige Zeitpunkt: die dramatische Umgestaltung eines erfolgreichen, vielgestaltigen Programms (das Vorbild für viele Stationen war, von Radio Hamburg bis Bayern 3) in ein „Hitradio“ nach üblich-üblen Kommerzschema stand knapp bevor. Der ORF meinte damals, die kommende private Konkurrenz weniger durch den Einsatz eigenen Gehirnschmalzes als durch den Zukauf externer Ezzes abwehren zu können – wäre es schiefgegangen, hätte man sich in der Chefetage legér auf eine teure Beratungsfirma aus Nürnberg ausreden können. Aber es lief (nach einigen Rumpeleien und Rempeleien in den Jahren 1995 bis 1998, die seitens des Gesetzgebers einen bequemen Vorsprung sicherten) glatt.

Seit diesem Zeitpunkt ist Ö3 mit grossem Abstand Marktführer. Über lange Strecken schaffte es die Armada der Privatsender nicht, am Nimbus und Erfolg des grossen Vorbilds zu kratzen. Kein Wunder: meist versuchte man einfach, es plump zu kopieren. Ohne die Mittel dafür zu haben. Erst in den letzten Jahren kam es zu einer Ausdifferenzierung der Formate, die sich vorrangig über das Musikangebot definiert. Und natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben: Internet-Stationen, Digitalradio, Musikstreaming, personalisierte Playlists, Social Media etc. usw. haschen dito nach unser aller Aufmerksamkeit. Die kleinen, in Summe jedoch nachhaltigen Hörerverluste von Ö3 seit der Jahrtausendwende sind daher für Experten keine Überraschung. Im Gegenteil.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil der Ö3-Chef – welcher Teufel hat ihn geritten? – nun meint, die Ursache für die Negativentwicklung benennen zu können: Musik aus Österreich. Tatsächlich wogt hier seit den neunziger Jahren eine heftige Debatte (und ich kenne sie in- und auswendig): wieviel Prozent heimischer Interpreten, Komponisten und Songs kann man dem Publikum zumuten? Die Doktrin der Formatradio-Berater lautet: so wenig wie möglich. Warum? Auf eine valide, nachvollziehbare Antwort warte ich seit zwei Dezennien. Es ist die Kernfrage.

Man musste die ORF-Manager sogar im Parlament daran erinnern, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender (und, ja, Ö3 ist ungebrochen ein solcher) gewisse Auflagen gibt: Kultur- und Bildungsauftrag, Public Value, eine proaktive Widerspiegelung der vitalen lokalen, regionalen, nationalen Musikszene. Resultat: eine freiwillige Quotenvereinbarung, die zäh, aber annähernd doch erfüllt wird. Aber ich verstehe gewiss auch die Nöte der Senderspitze und die Sorge um ihre Erfolgsprämien: ein wie ein Privatradio agierendes Ö3 finanziert ja partiell die Alternativangebote Ö1 und FM4 mit. Warum man sich dennoch nicht der unleugbaren Verkrampfung entledigt, was das heimische Kreativpotential betrifft, und – Lippenbekenntnisse dazu gab und gibt es sonder Zahl – den konstruktiven Dialog sucht, mag niemand recht beantworten. Ö3-Chef Georg Spatt schon gar nicht. Aber es wäre hoch an der Zeit.

Ich wage es, ihm ein paar Fragen mehr zum Thema zu stellen.

Eins: Wenn Ö3 alle Songs, die es on air schickt, intensiv vorab testet – warum nicht auch die Ö-Kandidaten? Wenn sie „schlecht testen“, warum schickt man sie on air? Was exakt will man solchermaßen wem beweisen? Und: haben Ö-Newcomer eine seriöse Chance gegen international erprobte Radio-Hits, die auf multimedialen Kanälen längst schon ins Ohr der (Test-)Hörer/innen gedrungen sind, bevor sie Ö3 überhaupt in Erwägung zieht?

Zwei: Die mit Abstand grösste Beschwerdeflut von Ö3-Hörern erfolgt – permanent und wirklich unüberhörbar – gegen die quantitativ ultraenge Titelrotation. Sprich: dem Publikum hängen die ewig gleichen Songs zum Hals raus. Ö3 und seine Formatradio-Berater scheinen das aber hartnäckig zu ignorieren. Man sollte sich die Burnout Rates also mal ansehen. Das gilt auch (und besonders) für die enge Ö-Songauswahl, die Ö3 spielt – warum z.B. hat man fast ein Jahr nach dem desaströsen ESC-Abschneiden der MakeMakes immer noch ihren Loser-Song „I’m Yours“ auf Heavy Rotation? Warum immer und ewig die Hits und Minor Hits von Christl Stürmer? Warum haben Tagträumer mit ihrem mediokren D-Pop-Abklatsch ein Ö3-Dauerabo? Etc. usw. usf.

Drei: Warum überhaupt hat der Kommerzradioberater BCI – der ja de fakto die Richtlinien für die Ö3-Musikprogrammierung erstellt – nach 20 Jahren noch einen Auftrag? Der ORF hätte in dieser langen Zeit längst die Expertise für erfolgreiche Formatradio-Musikprogrammierung selbst erlangen oder ins Haus holen können. Natürlich will man ein externes Unternehmen, das so eng mit der DNA des eigenen Erfolgs verwoben ist, von Konkurrenten fernhalten und aus dem Markt herauskaufen – aber ist das anno 2016 tatsächlich noch eine Story mit Zukunft?

Letztlich, vier: Was ist eigentlich mit Radio Wien? Der Sender flankiert Ö3 in einem 2,5-Millionen-Hörer/innen-Einzugsgebiet, hat aber nicht mal mehr einen eigenen Musikchef. Und eine Musikredaktion, die – existiert sie überhaupt? – durch absolute Verschnarchtheit, Kontur- und Mutlosigkeit auffällt (oder auch nicht). In punkto Ö-Musik hat man überhaupt keine Linie. Wenn Seiler & Speer z.B. auf Ö3 den Leuten – kein Wunder bei der plötzlichen Intensität des Airplays, Ö3 hat nach monatelangem Abwarten von 0 auf 100 geschaltet – auf die Nerven gehen: das ist ja hörbar eher ein Radio Wien-Act. Gilt partiell auch für Wanda (die laufen erstaunlicherweise auch auf Radio Wien), Bilderbuch & Co. in Hinblick auf FM4. Stimmen sich die Damen und Herren eigentlich irgendwie ab – oder gilt einfach nur ein frischfröhlicher flotteninterner Verdrängungswettbewerb auf gut Glück?

Die aktuelle Erfolgswelle heimischer Künstlerinnen und Künstler – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Was Wasser auf die Mühlen jener „Fachleute“ ist, die meinen, wahre Kunst und nachhaltige Publikumsresonanz wären auch ohne Radio-Airplay erzielbar. Gewiss, aber. Soll man dem ORF nun verbieten, am Image und an der Beliebtheit dieser Acts mitzunaschen? Und Ö3, Hits dieser Interpreten fast demonstrativ totzuspielen? Radio Wien, das Neo-Wienerlied zu verschlafen? Und den Privatsendern, sich in Hinblick auf eine zunehmend unüberseh- und hörbare Austro-Szene unter keinen Umständen des notorischen Anti-Ö3-Bunkerblicks zu entledigen?

Im Gegenteil. Der Imperativ lautet: suche den Dialog. Suche Verbündete. Suche den allseitigen Vorteil. Es wäre eine Chance gegen den schleichenden Bedeutungsverlust. Im Konkurrenzkampf der Zukunft vielleicht die einzige.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die erweiterte und aktualisierte Fassung eines Gastkommentars für die „Wiener Zeitung“, Ausgabe 13./14.02.2016.

2 Antworten to “A schwaare Partie”


  1. Ganz abgesehen von irgendeiner Ö-Quote denke ich, dass aufgrund der natürlichen demografischen Entwicklung, nämlich dem Altern der Bevölkerung, ein alternativer Sender für die Generation 40+ fehlt. FM40, sozusagen.


  2. […] hat sich über Jahre hinweg schrittweise von einem seiner öffentlich-rechtlichen Kernaufträge zurückgezogen: der Widerspiegelung des populären, zeitgenössischen, kommerziellen Musikschaffens […]


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