Archive for April, 2016

Hoffnungs-Los

30. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (358) Die Maschinen sind intelligenter, die Menschen undurchschaubarer, die Meinungsforscher dümmer geworden. Oder ist es doch eher umgekehrt?

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Das war das Bild, das Generationen prägte in Sachen Computerei: das ORF-Zentrum an Wahltagen der letzten drei, vier Jahrzehnte des vorigen Jahrtausends, wo im entscheidenden Augenblick – dem der ersten Hochrechnung – in ein externes Rechenzentrum zu Universitätsprofessor Dr. Gerhart Bruckmann umgeschaltet wurde.

Im Hintergrund erblickte man schrankgrosse Geräte, Magnetbänder auf rasend rotierenden und abrupt abstoppenden Spulen und, wenn ich mich recht erinnere, zuweilen geschäftig herumschwirrendes Bedienpersonal im dezenten Wissenschaftler-Outfit. Es herrschte noch tiefe Ehrfurcht vor der Elektronischen Datenverarbeitung (kurz: EDV), die seit dem Aufkommen der ersten Rechenanlagen in den fünfziger Jahren Wunder über Wunder ermöglichte: den Mondflug, datenbasierte Wettervorhersage, die Simulation von Modellen der experimentellen Physik, Medizin, Künstlichen Intelligenz, Computermusik  und vieles mehr.

Am 22. April 1971 fand jedenfalls die erste offizielle computergestützte Hochrechnung bei einer österreichischen Bundespräsidentenwahl statt, nachdem ein Testlauf anno 1965 zufriedenstellend ausgefallen war. Das ORF-Studio, damals noch in der Argentinierstrasse, und das IBM-Rechenzentrum am Donaukanal waren via „Datenfernverarbeitung“ zusammengeschaltet. Professor Bruckmann, der wenige Minuten nach Wahlschluß das Ergebnis mit verblüffender Präzision verkündete, erlangte die Popularität eines Pop-Stars. Und das allein mit den Mitteln der Mathematik und Statistik.

Heute haben sich die Leistungsfähigkeit von Computern und, damit Hand in Hand gehend, die Möglichkeiten der statistischen Mathematik enorm gesteigert. Allein: die Meinungsforschung, die davon besonders profitierte, steht momentan nicht gerade hoch im Kurs. Aus Gründen: bei den letzten Wahlen in unserem Land lag man – einmal mehr – arg daneben, insbesondere bei der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl 2016 im April. Und zwar durch die Bank.

Zwar ging es hier um Wahlprognosen und nicht um die sekundenschnelle Auswertung und Berechnung von Gesamt- und Lokalergebnissen, Trends, Wählerströmen  und Schwankungsbreiten. Aber die quasiamtliche Demut vor der vorauseilenden Verkündung das Wahlvolk-Verhaltens wich allseitiger Ernüchterung. Und der Erkenntnis, dass Demoskopie, Exit-Polls und Wahlprognosen in „schwierigen“ Zeiten wie diesen höherer Kaffeesudleserei nahekommen.

Was die Institute und Analysten, die derlei zum Geschäftsmodell erhoben haben, nicht weiter anficht: eifrig werden neue und neueste Prognosen zum Ausgang der Stichwahl am 22. Mai erstellt. Die Meinungsforscher erklären unisono den FPÖ-Kandidaten zum „absoluten Favoriten“. Das macht Hoffnung – für seinen Gegenspieler.

Triptychon der Erkenntnisse

24. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (357) Man sollte Kolumnisten nicht über den Weg trauen – schon gar nicht im Maschinenraum des 21. Jahrhunderts.

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Diese Kolumne schreibt sich wie von selbst. Das hat drei Gründe.

Der erste ist ein eher schmerzsamer. Ich habe nämlich eine Korrektur anzubringen: das Wiener Start-up Robo Wunderkind wurde nicht, wie hierorts leichtfertig verkündet, um 120 Millionen US-Dollar an den Spielzeugriesen Lego verkauft. Ich bin einem Aprilscherz aufgesessen, der immerhin so professionell erdacht und gemacht war, dass er auch auf den zweiten Blick plausibel erschien.

Die Gründer von Robo Wunderkind – einem Unternehmen, das programmierbare Roboter-Module für Kinder entwickelt und damit ab Herbst 2016 den Markt bespielen will – träumen wohl, wie unzählige andere Start-up-Hoffnungsträger auch, vom „Exit“. Also: dem Verkauf der Idee, des Produkts und eventuell auch des Teams an einen finanzstarken, innovationsfreudigen, möglichst global agierenden Partner. Dass Lego im 21. Jahrhundert nicht allein auf simple, intelligenzlose Plastikbausteine setzen wird, liegt auf der Hand. Insofern: wer weiß?

Wer den Schaden hat, braucht jedenfalls für den Spott nicht zu sorgen. „The problem with quotes found on the internet is that they are often not true“ – dieses Abraham Lincoln zugedachte Zitat legte mir umgehend Freund F. ins Elektropostfach. Haha! Bildchen und Sprüche mit ähnlich absurder Text-Bild-Kausalitäts-Schere kursieren ja seit Jahren im Cyberspace. Mit Recht. Ich klatsche sie auch immer wieder gerne mal auf den virtuellen Wirtshaustisch.

Allein: können jene, die sich über meine Schludrigkeit in punkto Recherche ins Fäustchen gelacht haben, immer Realität von Satire, Dichtung von Wahrheit und plumpe Propagada von ehrlicher Verlogenheit unterscheiden? Ich wage zu behaupten: die Quantität und Qualität der Fälschungen nimmt in der digitalen Hemisphäre in ähnlich bestürzender Weise zu wie Zahl der Leichtgläubigen und potentiellen Opfer. Sign o’ the times.

Damit zu Punkt drei im Triptychon der Erkenntnisse: Einem Start-Up (das eigentlich kein Start-up mehr ist, sondern ein ausgewachsenes Unternehmen) habe ich eventuell Unrecht getan mit meiner kritischen Einschätzung zu den langfristigen Erfolgsaussichten: Whatchado. Die Leute dort sind auf Zack und haben sich gleich gemeldet – und, ja, ich werde mir ihre Argumente gerne anhören. Und darüber schreiben.

Beim Gründer, Ali Mahlodji, ist’s mir mittlerweile klar: der Mann ist aus dem Akquise-Business ausgestiegen und als Markenbotschafter unterwegs. Die Marke ist er selbst (und Whatchado „nur“ mehr die Plattform). Storytelling, Baby! Das bringt zumindest mittelfristig mehr Kohle. Wenn Mahlodji aber jungen Leuten da draussen wirklich Ideen, Neugier und Mut spendet, verdient er seine Brötchen absolut respektabel.

Schaumwein, Baby!

18. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (356) Wirtschaftstreibende des 21. Jahrhunderts sitzen gerne am virtuellen Roulette-Tisch. Viel Glück!

Marketingplan

„Ihre Kolumne am Sonntag lese ich immer gerne und mit Interesse“, teilte mir Paul S. zum Auftakt mit. Um dann ohne Umschweife Kritik zu üben. Meine letzten zwei Beiträge, beide zum Thema Start-ups, wären zu negativ ausgefallen, „typisch für Österreich, wo Venture Capital Risikokapital heisst und Health Insurance Krankenversicherung“.

Ich verstehe, was er damit sagen will: es ist alles eine Frage des Betrachtungswinkels und der Motivation. Und hierzulande neigt man, d’accord!, überdurchschnittlich oft zum Granteln, Runtermachen und einer Überdosis Pessimismus.

Aber es gibt auch soetwas wie Bauchgefühl. Und Instinkt, der sich im Idealfall (auch) aus Intellekt nährt. Ich verfolge die österreichische Start-up-Szene aus vielerlei Gründen seit Jahren beiläufig-intensiv. Wunderbare Erfolgsgeschichten waren dabei – nicht nur das Paradebeispiel Runtastic, sondern auch Unternehmungen wie last.fm oder Shpock, Biotechnologie-Innovatoren wie Haplogen Genomics und hochgehypte, millionenschwere Exit-Raketen wie einst Jajah (der Voice-over-IP-Dienst existiert nicht mehr). Erst unlängst gelang es dem Wiener Start-up Robo Wunderkind, die Vision eines digitalisierten „Lego des 21. Jahrhunderts“ jenem dänischen Spielzeugriesen, der einst die Original-Plastiksteine entwickelte, für 120 Millionen US-Dollar zu verkaufen.*) Schaumwein!

Andererseits gibt es jede Menge Ideen, die sich auch bei näherer Betrachtung nicht erschliessen. Whatchado z.B., einer der meistgenannten und -prämierten Namen der hiesigen Szene, ist eine löbliche Inspiration für die Jobsuche – aber was exakt ist das Business-Modell? Die gerade bei der TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ mit achthunderttausend Euro bedachte App Dvel basiert auf der Annahme, höchstpersönliche A/B-Entscheidungen („Welches Kleid soll ich heute anziehen?“) wären ein gefundenes Fressen für Social Media. Mag sein, aber wie lässt sich solch Teenie-Zeitvertreib monetarisieren? Entwicklungen im hochsensiblen Humanmedizin-Sektor haben es doppelt und dreifach schwer: der Bluttest-Anbieter Kiweno ist da ein aktuelles, hoch umstrittenes Beispiel.

Und, sorry für die Investoren: meine Prognose fällt auch für Start-ups wie Recordbird, Divercity oder Wohnwagon – so lässig sich diese Projekte, wie hunderte andere auch, anhören – eher negativ aus. Eine sympathische Sache eignet sich nicht automatisch zum Geldverdienen. Zumindest solange, wie die Gemeinwohl-Ökonomie nicht Aufnahme in die Wirtschaftslehrbücher des Landes findet.

*) Leider ein Aprilscherz! ;-) (So basteln Sie ihren eigenen…)

Start Me Up

10. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (355) Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Nachhaltigkeit ist ein nachrangiges Kriterium.

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Vor vielen Jahren habe ich einmal – den Trend zum Zweit- und Dritt-Job gab es damals schon – Red Bull beraten. Nein, eigentlich habe ich nur Berater von Red Bull beraten, war also quasi Sub-Berater, aber der österreichische Getränke-, Lifestyle- und Medienkonzern in Fuschl ist ja ungebrochen ein Magnet für Ideenspender jeder Sorte. Es ging um Konzepte für Formate, Sendungen und Shows im hauseigenen TV-Kanal, die tunlichst weltweit funktionieren sollten (dass dieser terrestrische, global operierende Sender bis heute nicht existiert, ist verwunderlich, tut aber weiter nichts zur Sache).

Ich tat, was wohl im ersten Schritt jeder Programmentwickler tut: ich sah mich auf der ganzen Welt nach spannenden Vorlagen um. Und entdeckte bei der guten alten BBC ein Format namens „Dragons‘ Den“. Der Vorschlag, dieses ursprünglich aus Japan stammende Konzept zu adaptieren und zunächst einmal im deutschsprachigen Raum an den Start zu bringen, blieb aber in der Red Bull-Schublade. Auf ewig. That’s life.

Heute begegnet mir das „Drachenhöhle“-Format – kurzgefasst: Jungunternehmer versuchen ihre mehr oder minder innovativen Geschäftsideen einer Jury von Investoren zu verkaufen – allerorten. Es ist nicht nur in Mode, Durchlauferhitzer für Start-ups zu sein, sondern – über Beteiligungen gegen Werbezeit („Media For Equity“) – auch ein eigenes Business-Modell für die TV-Sender geworden. Und es begeistert das Publikum.

Aktuelles Beispiel: „2 Minuten 2 Millionen“, die Start-up-Show auf Puls 4. Das öffentliche Gehampel von Daniel Düsentriebs, die etwa eine „Zahnbürste, die zum Putzen animiert“ erfunden haben und diese wortreich grundskeptischen, aber investitionsfreudigen Business Angels wie Hans-Peter Haselsteiner oder Leo Hillinger andienen, ist auch wirklich kurzweilig. Und wenn ein breites Publikum dabei eine Ahnung vom Wirtschaftsgefüge des 21. Jahrhunderts bekommt, umso besser.

Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Da wie dort gilt: Wiege Deine Kreativität mit Gold auf! Als jemand, der über Grundkenntnisse des Musikgeschäfts verfügt und bewusst diese Analogie bemüht, versuche ich aber auch, hinter die Kulissen des Goldgräberdorfs zu blicken. Dass hier forciert auch Tonnenladungen an Schnapsideen geboren, glanzlackiert und auf den Markt befördert werden, ist klar – es passiert überall. Auch und erst recht in der Realwirtschaft (die ja mehr und mehr vom New Business der Digital-Hemisphäre infiltriert und abgelöst wird).

Es gilt: Flops dürfen passieren, nur Langeweile ist verboten. Die gröbsten Fragwürdigkeiten, kuriosesten Start-Up-Ideen und augenscheinlichsten Fehlkonstruktionen demnächst in diesem Lichtspieltheater.

Goldrausch 2.0

4. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (354) Spät, aber doch erfasst die Start-up-Welle Österreich. Und schwemmt wohl auch allerhand Schnapsideen hoch. 

SV Sign

Die sinnbildliche Karotte vor der Nase trägt einen Namen: Silicon Valley. Der bedeutendste US-Standort der IT- und High Tech-Industrie in Kalifornien muss zwangsläufig als Vorbild herhalten, wenn hiesige Minister, Staatssekretäre, Botschafter, Wirtschaftskämmerer, Business Angels, Entrepreneure und Nachwuchs-Helden nach einem Modell suchen, das als eine Art gigantisches Minimundus der Erfolgsverheissungen dienen kann.

So reisen denn auch in regelmässigen Abständen Delegationen gen Amerika, um zu sehen, zu lernen und eventuell auch zu verstehen, wie das so läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In gleicher Regelmässigkeit vernimmt man nach der Rückkunft ein Stakkato an Absichtserklärungen: Mehr Unternehmergeist! Weniger Bürokratie! Innovative Ideen! Der Zukunft eine Chance! Undsoweiter und sofort.

Nun muss man sich darüber nicht lustig machen. Im Gegenteil. Frischer Wind und ein Quantum Pioniergeist tut dem Beamten- und Pensionistenparadies Österreich ausgesprochen gut. Selbst der paternalistische Staatsapparat hat die Start up-Szene als Hoffnungsträger entdeckt.

Jedenfalls wandern nun peu á peu etliche Millionen jener Summen, die der Finanzminister aus dem Verkauf von Frequenzen lukriert hat und – Stichwort „Breitbandmilliarde“ – in die Digitalisierung des Landes reinvestieren soll, zu Entwicklern. Unter dem Signet AT:net vorrangig für Software-basierte Anwendungen. Also (fast ausschliesslich): Apps. Als leuchtendes Beispiel wird gerne der oberösterreichische Fitness Tracking-Spezialist Runtastic genannt, der im Vorjahr vom Sportartikel-Giganten Adidas übernommen wurde. Für 220 Millionen Euro.

Das moderne Glücksrittertum ist – befeuert vom Zeitgeist, der Medien-Aufmerksamkeit, den MinisteriumsMillionen und einer Handvoll agiler Netzwerker und wagemutiger Investoren (die sich wohltuend von der Müdigkeit der Banken und Börsen absetzen) – mittlerweile auch im Unterhaltungsfernsehen angekommen.

Mit Shows wie „2 Minuten 2 Millionen“ vermitteln Sender wie Puls 4 (ProSiebenSat.1-Gruppe) Venture-Beteiligungen, kaufen sich aber zugleich über teure Werbezeit auch selbst in die hoffungsfrohesten Start-ups ein. Man sollte daher PR-Botschaften wie „Nie zuvor wurde ein Investment in dieser Höhe in einer TV-Show vergeben“ ein bisschen hinterfragen, erst recht aus der Sicht jener Jungspunde, die Gehirnschmalz, Lebenszeit und Selbstausbeutungs-Kapital einschiessen. Oft bis zur frühzeitigen Erschöpfung.

Wenn aber die Grundidee windschief ist, schimmert allseits pures Spekulantentum durch. Die Szene bedarf akkurater Analyse. Hie wie da gilt: Fortsetzung folgt.

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