Na Servus!

4. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Aus dem Archiv der nie erschienenen „Presse am Sonntag“-Kolumnen. Heute: Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify – die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher. 

Servus Journal

Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den Aus-Schalter zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn gedrückt hat – nachdem er viele Jahre ein Projekt am Leben erhalten hatte, das Medien- und Marketingexperten Achtung abrang allein ob der schieren Vision, Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz’ Servus TV, jenem Sender, der exemplarisch zeigte, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Jetzt kursieren Gerüchte – durchaus nicht dementiert vom Financier, im Gegenteil –, die geplante Gründung eines Betriebsrats wäre schuld gewesen an diesem Tiefschlag für die österreichische Kreativszene. Bei allem Respekt vor der möglichen, ja wahrscheinlichen Impulsivität eines Selfmade-Milliardärs: das ist lächerlich. Dafür ist Mateschitz einfach zu clever. Es ist – und, ja, ich bewege mich hier auf dem dünnen Eis der Spekulation – vielmehr so, dass diese demonstrative Geste („Seht her, ich lasse mir nicht von Gewerkschaft und Kammern in mein Unterfangen hineinpfuschen!“) nur eine Fußnote der ganzen Geschichte ist. Quasi die private Seite.

Die eigentliche Botschaft lautet: Fernsehen ist tot. Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig kaum Perspektive. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-)Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Dafür ist der Red Bull-Konzern, der sich Servus TV quasi als hobbyistische Marotte geleistet hat, samt seinem obersten Vordenker und Lenker zu sehr auf Sieg getrimmt. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Emotionalisierung, Diversifizierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – landet anno 2016 nicht mehr im Versuch, den Planeten (oder auch nur den Alpenraum) mit den Mitteln des vorigen Jahrhunderts zu erreichen. Sieht man von den Printprodukten des Red Bull-Medienhauses ab, die ausreichend Leser/innen erfreuen.

Was kommt jetzt? Folgerichtige Frage (denn: den Schwanz einziehen und Ruhe geben wird Mateschitz keineswegs). Red Bull-TV via Internet? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen.

Nur ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Und wie funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!


Anm.: Diese Kolumne wurde am Morgen des 4. Mai 2016 verfasst und wenige Stunden danach aus Aktualitätsgründen wieder verworfen.

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