Na Servus!

6. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (359) Fast-Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify: die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher.

Red-Bull-TV

Es passiert nicht oft im Leben eines Journalisten, dass man eine Kolumne zweimal schreibt. Wenn, gibt es dafür triftige Gründe. Einer davon ist potentiell, dass sich die Faktenlage, zu der man seine – mehr oder minder pointierte – Meinung absondert, verändert. Eventuell sogar in ihr diametrales Gegenteil.

Derlei passierte im Lauf dieser Woche. Bei Servus TV. Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den An/Aus-Schalter in diese und dann wieder in jene Richtung zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn in der Hand hat – weil er seit vielen Jahren ein Projekt betreibt, das Medien- und Marketingexperten Achtung abringt allein ob der schieren Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz und jenem Sender, der exemplarisch zeigt, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Saga von der Betriebsrats-Gründung als Anlassfall – die rechtliche wie politische Dimensionen beinhaltet, aber auch bizarr exzentrische oder gar abgefeimte Deutungen – möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Die eigentliche Botschaft (vorrangig an die Red Bull Media House-Chefetage) lautet: Fernsehen ist tot.

Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig ausgedient. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-) Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Da kann sich die Servus TV-Crew noch so ins Zeug legen. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Diversifizierung, Emotionalisierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – benötigt eine Vision, die mit der Realität auf Deckungsgleiche zu zwingen ist.

Was aber? Folgerichtige Frage. Servus TV als sentimentales Regional-TV-Fenster? Red Bull-Content (mit ganz anderem Zielpublikum) via Internet? Doch auch terrestrisch? Strictly Mobile? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen. Ein führender Mitarbeiter des Konzerns hat mir kommentarlos gleich einmal den Download-link zu einer App weitergeleitet. „Introducing a new 24/7 best of Red Bull TV experience and discover more premium content through curated channels updated daily. Welcome to an all new Red Bull TV app built from the ground up!“ Ah, da schau her.

Und noch ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!

4 Antworten to “Na Servus!”

  1. irish cant Says:

    Was viele nicht wissen: Die alles auslösende Doodle-Umfrage war keine verbindliche Abstimmung über eine Betriebsratsgründung, sondern lediglich ein Ausloten des Interesses an einem Betriebsrat.
    Im Ergebnis kann man nun, je nach statistischer Auslegung, von Mißerfolg, aber auch von einem deutlichen Erfolg der Betriebsrats-Befürworter sprechen.

    Die Zahlen im Detail:
    Von ca. 260 Mitarbeitern haben etwas mehr als 50 Personen eine Doodle-Stimme abgegeben. Umfragebeteiligung somit ca. 20%.
    Die zur Abstimmung gelangten Optionen waren: „Ja ich will“ und „stimme mit keiner der genannten Optionen überein“. Ganze 4 Stimmen fielen auf zweitere Option.

    Lesart 1: Nur 20% Umfragebeteiligung. Somit Interesse an einem Betriebsrat eher gering.

    Lesart 2: Über 90% Zustimmung für eine Betriebsratsgründung, gemessen an den abgegebenen Stimmen.

    Ich tendiere zu Lesart 2, obwohl die tatsächliche Zustimmung natürlich noch etwas verwässert und nach unten korrigiert werden müsste.

    Begründung:
    80% „Nichtwähler“ sind nicht gleichzusetzen mit Betriebsratsgegnern. Einige wenige Gegner haben schließlich ihre Stimme abgegeben und konnten dies zudem mit weitaus weniger sozialem Druck als Betriebsratsbefürworter tun. Somit befinden sich unter den Nichtabstimmern tendeziell mehr Befürworter als Gegner.
    Gründe, nicht an dieser Umfrage teilgenommen zu haben, konnten sein: Mangelndes Interesse (weder dafür, noch dagegen), sozialer Druck, Angst, keine Zeit, keine Möglichkeit der Abstimmung (Urlaub, Krankenstand, …), etc.

    Die 200 abgegebenen Stimmen „gegen einen Betreiebsrat“ bei der betriebsinternen Versammlung nach den Kündigungen passen zahlentechnisch ins Bild (80% Nicht-Doodle-Teilnehmer = ca. 200 Personen), jedoch kann hier mit gutem Gewissen von starkem sozialem Druck gesprochen werden, um dieses Ergebnis zu erzielen. Viele vormals gleichgültig zum Thema eingestellte Personen stimmten nun offen dagegen, um ihre Haut zu retten.

    Derzeit ist es wohl kaum möglich, ein wirklich aussagekräftiges Stimmungsbild bezüglich des Wunsches nach einem Betriebsrat bei Servus TV zu erhalten.
    Dennoch wage ich zu behaupten, dass nach der Katerstimmung der vergangenen Tage bei einigen ein Umdenken stattgefunden hat und etliche Stimmen mehr im Lager der „Ja ich will“ zu finden wären.


    • Da stellt sich die zynische Frage: Falls die Stimmung nun wie am Ende des Kommentars angedeutet, kippen und die Mehrheit doch für einen Betriebsrat sein sollte, gibt es dann wieder eine Presseaussendung = Drohung mit der Schließung des Senders?


  2. Zum Statement „Fernsehen ist tot“ ist Red Bulls Medien-Strategie insgesamt zu hinterfragen, wo einmal ein riesiges Internet-Projekt geplant und wieder fallengelassen, stattdessen ein Fernsehsender konzipiert wurde, etc. Wo der Bulle sonst in allen Business-Fragen so smart vorgeht und scheinbar auch gut beraten wird, herrscht am (digitalen) Mediensektor noch immer ein gewisser Beigeschmack von Muddling-Through vor.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: