Im Bett mit Sargnagel

1. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (366) Mehr Gefühl, Spaß und Kurzweil, weniger Fakten und Wirklichkeit: Willkommen in der Echokammer des eigenen Ichs!

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Ob Stefanie Sargnagel beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt nun den einen oder den anderen Preis gewinnt: egal. Irgendeinen Pokal wird sie abräumen. Sicher.

Und womit? Mit Recht. Als Hohepriesterin hellwacher Wurschtigkeit erzählt sie uns mehr über uns und unsere Zeit, als uns vielfach lieb ist. Jedenfalls mehr, zynischer und zielsicherer als der anämische Literaturregelbetrieb. Und das, ohne gravitätische 700-Seiten -Wälzer zu verfassen. Ob da oder dort ein Beistrich fehlt oder der sog. gute Geschmack verletzt wird, ist zweitrangig, Verstörung dagegen unabdingbar. Sargnagel (eigentlich: Sprengnagel) macht ihrem Namen alle Ehre – und sie ist wie beiläufig zur Stimme ihrer Generation herangereift. Respekt!

Die Autorin, die gern „einfach nur im Bett liegt“ und dabei Bewunderung und Hass wie ein Elektromagnet anzieht, erzählt uns gelegentlich auch etwas über Technik. Und ihre Beziehung zu Technik. Online. „Erst wollt ich kein Internet daheim, weil es ein Zeitfresser ist“, gab sie dem „Standard“ zu Protokoll. „Deshalb hatte ich den Fernseher, weil ganz ohne Berieselung ist es auch blöd in der Wohnung. Im Internet hat man nur die Informationen, die man sich selbst sucht, im Fernsehen kommt halt immer irgendwas.“ Eine Tierdoku etwa. Über Löwen. Wer käme auf die Idee, einfach so im Internet nach Löwen und ihrer Lebenswelt Ausschau zu halten?

So banal diese Erkenntnis auch scheinen mag: sie ist hoch brisant. Denn „das Internet“, das sind anno 2016 zuvorderst soziale Medien wie Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram, YouTube, LinkedIn, Tinder und und und. Gewiss auch Suchmaschinen, für viele die einzigen Wegweiser im digitalen Labyrinth. Wie finde ich sonst überhaupt Frl. Sargnagel? Klagenfurt? Einen Freund bzw. eine Freundin? Mehr Löwenstories und Katzenbilder? Das Fernsehprogramm? Von der realen Welt ganz zu schweigen. Existiert die überhaupt noch?

Apropos: warum muss man eigentlich vom Bett oder Sofa aufstehen und z.B. wählen gehen (und das zum wiederholten Male) – liesse sich das nicht auch per Like erledigen? Daumen rauf, Daumen runter? Emoji nach Belieben hintnach. Wie’s ausgegangen ist, werden mir dann schon Freunde mitteilen. Oder so. Althergebrachte Medien braucht’s dafür nicht, die stehen sowieso unter „Lügenpresse“-Verdacht.

Okay, das war eine sehr zugespitzte Zusammenfassung des Status Quo in Sachen Social Media. Wenn aber, wie diese Woche, eine Meldung die Runde macht, Facebook (Werbeslogan: „Mehr von dem, was Dir gefällt“) werde demnächst an seinen Algorithmen schrauben und Hard News zugunsten Wortmeldungen von Freunden und Bekannten zurücknehmen, ahnt man, in welche Richtung es geht.

Willkommen in der wohlig temperierten Filterblase! Gegenstimmen? Ausgeblendet. Rüpelhaftigkeit, Hysterie, Abstinenz, Sexismus, Verschwörungstheorien, Gewaltphantasien? Anderswo. Da können noch so viele den Finger erheben. Oder in den Holzmedien rumgeistern. Noli me tangere.

Gut, wenn man dann mindestens noch eine Sargnagel in der Echokammer rumplärren hört.

Eine Antwort to “Im Bett mit Sargnagel”


  1. […] und Neuigkeiten zunehmend aus dem verseuchten Terrain der Konkurrenz. Die heiße Druckluft aus den Echokammern des eigenen Ichs wird gerade dort gierig aufgesogen (und weiter aufgeheizt), wo Abkühlung […]


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