Ohne Schlitz

14. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (372) Die Zukunft der Musikindustrie entscheidet sich im fahrenden Konzertpalast: dem Auto.

Auto-CD-Player

In meinem aktuellen Testauto, einem Kia Sportage, gibt es keinen CD-Player mehr. Das wurde mir bewusst, als ich einen ganzen Schwung Silberscheiben, die ich auf dem Weg von Wien nach Goldegg (und zurück) hören wollte, kurzfristig in den Kofferraum verfrachten durfte – sie waren zu nichts nütze.

Ich hätte die CDs – zumeist selbstgebrannte mit Demos diverser Künstler, die ich von Berufs wegen hören sollte – vorher rippen und aufs Handy transferieren müssen, um der Musik die gebotene Aufmerksamkeit schenken zu können. Und, ja, bei den letzten, vergleichsweise teuren Vehikeln, die ich chauffieren durfte, gab es noch einen CD-Schlitz.

Nun ist das natürlich ein Luxusproblem. Zumal das Entertainment-Center im Kia alle Stückl’n spielt. Und noch dazu herrlich selbsterklärend ist – mit kaum einem Fahrzeug bislang gelang das Bluetooth-Pairing mit dem Smartphone so selbstverständlich wie hier. Das JBL-Soundsystem verspricht zudem eine „fortschrittliche Clari-Fi Musikrestaurierungstechnologie, welche die Qualität von MP3-Dateien verbessert und deren Klang in High Definition bereitstellt“ (Prospekttext). Sorry, das ist natürlich audiotechnisch kompletter Unsinn. Aber die Anlage klingt annehmbar und lässt sich elegant steuern. AUX- und USB-Anschlüsse sind zusätzliche Verheissungen für die mobile Discothek. Soweit wunderbar.

Für die Musikindustrie aber ist die Botschaft des rasanten Abhandenkommens von CD-Playern im Auto eine, die mit gemischten Gefühlen aufgenommen werden wird. Denn es bedeutet, dass vorbespielte Tonträger – gemeinhin Alben oder, falls es sich um eine bunte Auswahl von Künstlern und Songs handelt, Compilations genannt – auf dem absteigenden Ast sind. Zwar betrug deren Anteil am gesamten österreichischen Musikmarkt anno 2015 noch rund 70 Prozent. Die zweistelligen Zuwachszahlen bei Streaming-Abos sprechen aber eine deutliche Sprache.

Auch ältere Generationen machen sich inzwischen mit der virtuellen Jukebox auf Abruf vertraut – gezwungenermassen, wenn die KFZ-Industrie den Systemwechsel forciert. (Wer erinnert sich noch an die Zeit, als die Cassettenschlitze aus den Autos verschwanden?) Und Downloads tut sich auch niemand mehr an, wenn Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer & Co. eh fast alle Wünsche erfüllen.

Playlists sind die neuen Compilations. Streaming ist das neue Radio. Alben sind Relikte von gestern. CDs werden bald nur noch nostalgische Staubfänger sein. Wie sangen einst Minisex? „Ich fahre mit dem Auto, alles geht so schnell.“

2 Antworten to “Ohne Schlitz”

  1. portfuzzle Says:

    Fahrender Konzertpalast… das gefällt mir sehr! Allerdings würden mich ja vielmehr die CD’s interessieren die da gehört werden sollten, sehr sogar. Bei mir im Auto gibt es sogar noch eine Kassette. Das hat was…. Ein schöner Gegensatz zum heutigen Wahn. Playlists aus Streaming Diensten sollen unser aller Begehr werden. ABER kein Netz, keine Musik !
    Man besitzt es nicht mehr, demnächst werden wir Musik nur noch mieten. Sowie wie das schon bei der Software der Fall ist. Ich finde das Krank ! Aber zurück zum Auto und Musik hören im Auto. Ich mache mir gern die Arbeit und stelle mir Musik zusammen. Oder kopiere mir Radiosendungen, vorzugsweise die Langen Nächte vom Deutschlandfunk. Das geht es nirgends besser anzuhören als im Auto. Keiner stört oder man wird nicht abgelenkt. Ansonsten bediene ich mich meines Nokia N7, dass ich zum Musik Handy degradiert habe. Mit eingebauten FM Sender kann ich auf jedem Radio meine Musik hören, oder auch über Kabel oder Bluetooth. Mehr Auswahl geht doch gar nicht ? Doch selber Singen…. Danke für den schönen Text.

  2. dieter draxler Says:

    hab jahrelang einen cd player mit mp3 cd funktion gehabt, war sehr praktisch da man viele alben auf 700mb abspeichern konnte. seit einem jahr habe ich im auto einen reinen mp3 radio mit usb schnittstelle, wahnsinn mit 32gb selbst digitalisierter musik meiner wahl muss ich mich nicht um cds, deren hüllen, deren zustand und verbleib im auto kümmern. mit 320kbps passt auch die qualität


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