Sinus, Cosinus, Tangens

5. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (375) Der Rechner in der Schultasche heisst immer noch Texas Instruments TI-30. Das ruft Erinnerungen wach.Texas Instruments TI-30

Turnsackerl, Hauspatschen, Top-Jugendticket, Federpennal, Tixo Klebstofflasche, Uhustick, Schere, Lineal, Spitzer, Radiergummi, Geodreieck, Schreibunterlage, Trinkbecher, Stoffserviette, Malfarben, Pinsel, Ölkreiden, Filzstifte, Malfetzerl, Hortpatschen, Turng’wand, Werkkoffer, Heftmappe… Hab’ ich was vergessen?

Sie merken schon, die Schulzeit ist wieder angebrochen. Nun sind meine Kinder längst dem schulpflichtigen Alter entwachsen – aber die obige Liste, per Copy- & Paste-Tasten entlehnt einem mit hörbarem Mutterseufzen verfassten Posting einer ordnungsliebenden Freundin, versetzt mich augenblicklich wieder in einen bestimmten Zustand. Jenen Zustand bittersüßer Aufregung, den ich selbst zwölf Schuljahre lang jeweils zum Herbstbeginn verspürt habe.

Wobei: irgendetwas vergisst man immer. Meist das Wichtigste. Uralte Schulregel. Ich habe scharf nachgedacht. Und, ja, etwas fehlt in der Auflistung notwendiger Schulutensilien (und ich meine nicht das Handy mit der Pokemon-App): ein Taschenrechner! Ja, eh, in der Volksschule ist er eher überflüssig. Und in der Unterstufe höherer Schulen wenig gelitten. Aber mit welchen Hochleistungsrechnern im Taschenformat sitzt man heute in der Oberstufe? Zu meiner Zeit – okay, das war in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – war das ein Texas Instruments TI-30.

Die Sin-Cos-Tan-Tasten dieses Standardmodells (eingeführt 1976, damals in dezentem Metallic-Bronze-Braun) seh’ ich heute noch in unruhigen Träumen vor mir. Das Gerät war ein markanter Bote der Moderne: ich zähle zu jener Generation, die unmittelbar die Ablösung des Rechenschiebers erlebte. Und es war auch ein frühes Signal der Globalisierung. Texas Instruments, das klang nach wildem Westen. In der Praxis wurden doch nur schnöde Wurzeln gezogen und Logarithmen berechnet.

In irgendeiner Schublade liegt der „Scientific Calculator“ von damals – mit roter, batteriefressender Siebensegment-LED-Anzeige – sicher noch herum. Neulich kam mir der TI-30 übrigens wieder unter: als heutiges Pendant zum legendären Uhrahn. Und zwar in einem Flugblatt eines Büromaterial-Discounters. Dort wurde der „beliebteste Rechner für Schule und Beruf“ (Flugblatt-Text) um 9 Euro 99 Cent angeboten.

Was für ein drastischer Preisverfall! Ich erinnere mich noch dunkel an das Stirnrunzeln meiner Eltern ob der Kosten des damals revolutionär neuen Elektronikkisterls. Aber es war auch so, dass ich ihnen – um mich vom Rest der Klassenkameraden abzusetzen – das ausgeklügeltere (und deutlich teurere) Modell SR-51-II eingeredet habe.

Berechnend. Ohne – bis heute – zu verstehen, was ich damit eigentlich getan habe.

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