Strahlende Dunkelheit

11. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (385) Leonard Cohens Stimme ist verstummt, wird uns aber noch lange begleiten. Feiern wir sie in voller Pracht!

leonard-cohen

Was für eine, pardon!, beschissene Woche. Trump, das personifizierte Sinnbild politischer und persönlicher Vulgarität, an den Macht-Hebeln der westlichen Welt. Wintereinbruch in ganz Österreich. Und dann noch der Tod von Leonard Cohen.

Nun ist eine Technik-Kolumne gewiss kein Ort für Weltschmerz. Aber oft, zu oft lese ich in der Flut von Nachrufen von der „magischen Stimme“ Cohens, die nun verstummt ist. Man muss keine alten Schallplatten – etwa das wunderbare Debut aus dem Jahr 1967, „Songs of Love and Hate“ oder „New Skin For The Old Ceremony“ – hervorkramen, um die spezielle Aura, Weisheit und Tiefe des Sängers Cohen zu beschwören. In unserer post-modernen Zeit reicht ein Klick auf einen YouTube-Link, etwa das Titelstück aus dem erst vor wenigen Tagen erschienenen Album „You Want It Darker“. Es ist Cohens Abgesang auf das Leben.

Ein Leben, wie es reicher, poetischer, erfüllter kaum denkbar ist. „If you are the dealer / I’m out of the game“ hebt diese Stimme an (und man muss ihre Einzigartigkeit nicht extra betonen), „if you are the healer, it means I’m broken and lame…“ Die Strophe mündet im Refrain „Hineni, hineni, I’m ready my lord“. Viel näher kann man dem Himmel, so man an ihn glaubt, auf Erden nicht kommen. Hat sich je ein Künstler würdiger von seiner puren Existenz verabschiedet? David Bowie wusste auch um seinen bevorstehenden Tod, er hat daraus ein abgründiges Verwirrspiel gemacht. Wie wird einst – memento mori! – Bob Dylan diese Aufgabe lösen? Joni Mitchell? Wolfgang Ambros? Welche Musik wird uns ins Grab begleiten? Ein finales, alles egalisierende Statement ist gewiss: Schweigen. Es ist tröstlich, dass ihm auch die mächtigsten Potentaten nicht entrinnen werden.

Stille ist dagegen im Mediengetriebe undenkbar. Das gilt weit mehr noch für Social Media. Eine der ersten – oft sehr persönlichen und berührenden – Einträge auf Facebook kam vom mir wohlbekannten Kultur-Manager Thomas W. „Der Mann ist noch nicht unter der Erde“, lautete sie, „schon wird sein Werk zu einer „ultimativen“ und gleichzeitig völlig überflüssigen Liste zusammengekürzt. Danach kann man den Sargdeckel beruhigt zuklappen. Wie unendlich fad und spiessig.“ W. bezieht sich damit auf eine rasch hingepappte Story auf „Spiegel Online“, die zurecht unter Pompfüneberer-Verdacht gerät. Viel billiger geht Clickbaiting nicht. Aber im unendlichen Kosmos von Werden und Vergehen ist’s letztlich nicht mal eine mikroskopische Fußnote.

Bevor resignierendes Achselzucken zum Zeichen der Zeit gerät: einen Ratschlag hätte ich. Geben Sie Cohens Stimme zum Abschied die Chance, in voller Blüte zu erklingen. Wie das technisch funktioniert, können Sie hier immer wieder mal nachlesen. Highest Fidelity statt You Tube-Instantbetäubung. Alben statt Playlists. Audio-Pracht statt Datenreduktion. Zeremonielle Abschiede erfordern höchstmögliche zeremonielle Qualitäten. Er, Sie, wir alle haben es uns verdient. Das dünne Krächzen aus dem Smartphone-Lautsprecher kommt anderswoher, sagt man: direkt aus der Hölle.

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