Abgesang

9. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (389) Die Handelskette Libro will sich aus dem Geschäft mit Tonträgern und DVDs zurückziehen. Ernsthaft?

libro

Man wird mir bei dieser Kolumne Eigeninteressen – in meiner hauptberuflichen Rolle als Label-Betreiber und Musikproduzent – nachsagen. Aber sie sind, wenn überhaupt, nur am Rande gegeben. Ich schreibe diese Epistel vorrangig als Konsument. Als jemand, der es schätzt, dass es in vielen Städten, Märkten, Bezirken Österreichs noch Nahversorger gibt. Also Geschäfte, in denen man Lebensmittel, Kleinkram und Dinge des täglichen Bedarfs erwerben kann, ohne einen Tagesausflug an den Stadtrand planen zu müssen.

Zu meinen persönlichen Über-Lebensmitteln zählen freilich auch Papierprodukte wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, weiters Batterien, Schreibstifte, Technik-Accessoires und, ja, Filme und Musik. Hier kann ich auf eine privilegierte Situation bauen: im 7. Wiener Bezirk gibt es Elektronikmärkte, Plattenläden und Bürowarenspezialisten sonder Zahl. Wenn ich aber zu meiner Mutter ins nördliche Weinviertel fahre, wird mir die Misslichkeit der schwindenden Nahversorgung rasch bewusst. Was es in Hollabrunn grad noch käuflich zu erwerben gibt, ist in Retz schon ein fragliches Gut.

Apropos: nutzen Sie noch CDs und DVDs? Weit mehr als die Hälfte der Österreicher/innen tun das. Ungebrochen. Nun: es hat sich noch nicht weiter herumgesprochen, ist in der Branche aber kein Geheimnis mehr – der heimische Handelsriese Libro plant, 2017 keine CDs mehr in die Regale zu stellen. Ausser eventuell eine Handvoll Kinder-Produkte und Charts-Giganten. DVDs stehen „unter Beobachtung“, wie es firmenintern heisst. Man will sich mittelfristig wohl komplett aus dem Geschäft mit Bild- und Tonträgern zurückziehen.

Nun ist Libro nicht irgendeine Kette. Im Non Food-Bereich hat das aktuell 241 Filialen und 1600 Mitarbeiter zählende Unternehmen österreichweit fast ein Monopol. Und einen überproportionalen Marktanteil bei Schlager- und Volksmusik-CDs, Middle of the Road-Pop und Charts-Compilations. Nicht gerade das Repertoire, das ich persönlich höre. Aber: Mitnahmeartikel bleibt Mitnahmeartikel. Und sei es als billiges Geschenk. Warum also will das Management freiwillig auf einen Umsatz- und Frequenzbringer verzichten? Hat man ein geheimes PR-Abkommen mit Amazon abgeschlossen? Andersrum (und härter) gefragt: glaubt man noch an die eigene Zukunft?

Die revolutionäre Digitalstrategie der Libro-Geschäftsführung ist mir, sofern existent, unbekannt. Und ich bin auch kein Experte für Groß- und Einzelhandel im Hier & Heute. Aber der Zweikampf analoges versus digitales Business – der ja, der menschlichen Natur entsprechend, nicht zwingend ein Entweder/Oder kennt – wird von einer Filialkette nicht online zu gewinnen sein. Physische Produkte mit einer aus Glamour, Marketingbudgets und Medienaufmerksamkeit gespeisten produktimmanenten Strahlkraft tolldreist zum Gerümpel von gestern zu erklären (und die leerwerdenden Regalmeter genau wofür zu nutzen?), erscheint mir dann doch wie Selbstmord mit Anlauf.

Ja, Amazon, Netflix, Spotify, also Online-Einkauf, Download und Streaming kennt man auch in Retz und Hollabrunn. Manchmal möchte man aber doch eine handfeste Silberscheibe nachhause tragen.

Advertisements

Eine Antwort to “Abgesang”


  1. […] Aussterben wird die CD nicht ganz und gar so schnell – aber die Zahlen, Kurven und Trendanalysen sprechen Bände. Online-Radio, das in Amerika auch schon ein wesentlicher Faktor ist, gilt in […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: